Freitag, 2. Mai 2014

Aber meine Geburt war viel schlimmer

Dass Eltern untereinander wettstreiten, wer etwa das hochbegabteste Kind hat, wer was zuerst konnte, wer es besser kann als die anderen, ja das kennt sicher jeder. In den meisten Fällen geht es da vermutlich sogar weniger um einen Wettstreit als vielmehr darum, dass man einfach vor Stolz platzt. Ich bin auch stolz auf meine Terrorpüppi, wenn sie nach zahlreichen vergeblichen Versuchen endlich etwas geschafft hat. Soweit so normal.
Seit ich aber im Dezember die Terrorpüppi auf die Welt gebracht habe, bin ich immer wieder einem interessanten Phänomen begegnet, mit dem ich nicht gerechnet und das ich anfangs als Sonderfall betrachtet habe: Die Geburts-Olympiade. Dabei sein ist hier bei weitem noch nicht alles. Während man selbst nur von der Geburt erzählen möchte, in der Regel sowieso bloß auf Nachfrage, gilt es für einige Frauen, in nahezu allen Disziplinen die Goldmedaille holen zu wollen. Ein typisches Gespräch im Rahmen einer Geburts-Olympiade könnte folgender Maßen ablaufen:

- "Ja wie war denn deine Geburt so?"
"Ja die Geburt der Maus war schon ziemlich anstrengend"
- "Ach, frag mich mal erst!"
"Es fing schon damit an, dass die Geburt eingeleitet werden musste und das zog sich dann bis zu ersten echten Geburtswehe 3 Tage hin."
- "Ist doch schön, dass du wenigstens eingeleitet worden bist. Ich musste eine ganze Woche über den Termin einfach zu Hause warten. Das war vielleicht anstrengend!"
"Im Kreissaal hat sich trotz regelmäßiger Wehen im 2-Minuten-Takt am Muttermund nichts getan."
- "Bei mir hat sich das eeeeewig hingezogen. Wollte schon den Kaiserschnitt zwischendurch." [Meckern über Unfähigkeit der Ärzte und Hebammen folgt in der Regel]
"Nach Wehentropf und Öffnen der Fruchtblase ging es zumindest ein wenig voran."
- "Bei mir haben die das ja nicht mal gemacht, ich musste da so ausharren und unter Schmerzen warten." [Erneutes ausgiebiges Meckern über die Ärzte und Hebammen]
"Nach 30 Stunden regelmäßigen Wehen und der dritten Hebammenschichte hab ich mir dann doch eine PDA gegönnt."
- "Ach die PDA! Bei mir hat die erst nicht gewirkt und musste dann ein zweites Mal gelegt werden und dann war immer noch nicht alles betäubt" [Es folgt an dieser Stelle eine ausgiebige Kritik an der Wirksamkeit einer PDA bei speziellen anatomischen Verhältnissen...]
"Dann ist der Krümel auch noch steckengeblieben und plötzlich musste alles sehr schnell gehen"
- "Ja mein Kind wollte auch einfach nicht rauskommen. Das war soooo schrecklich."
"Saugglocke mit Dammschnitt, McRoberts-Manöver, Schulterdystokie, Drehen des Püppi-Köpfchens nach Festellen, dass es sich in die falsche Richtung gedreht hat, manuelles Drücken von Außen - dann kam sie endlich doch noch."
- "Mein Kind hat sich wirklich ins Leben gekämpft." [Der harte Kampf wird in der Folge herausgehoben, aber Konkretisierungen bleiben aus...]
"Am Ende ist zum Glück alles gut ausgegangen. Die Püppi ist knapp an einer Sauerstoffunterversorgung vorbeigeschrammt und meine Blutungen konnten gestoppt werden und so konnten wir doch recht schnell einander in die Arme nehmen."
- "Da hast du ja ein Glück gehabt! Ich leide ja heute noch so darunter."
"Schon heftig, wenn man bedenkt, dass ich und mein Krümel vor 100 Jahren bei so einer Geburt gestorben wären."
- "Na noch so eine Geburt möchte ich nicht mitmachen. Wie lange hat es denn bei dir gedauert überhaupt?"
"Über 42 Stunden im Kreissaal."
- "Ist schon lang, aber glaube mir, manchmal ist eine lange Geburt besser als eine kürzere. Da muss man oft viel mehr leiden!" 
[Es folgt eine ausgiebige Leidensgeschichte, die bis heute reicht...]

Das für mich nervige ist ja nicht, dass die Olympiade-Frauen auch von ihren Geburtserlebnissen berichten. Ein normaler - empathischer - Austausch über die gemachten Erlebnisse ist ja durchaus wünschenswert. Was die Eckdaten der Geburten angeht, habe ich schon von vergleichsweise 'leichten' Geburten gehört, ebenso von katastrophalen. Individuell wird das sowieso immer höchst unterschiedlich empfunden und bewertet. Jeder hat ein Recht auf ein Geburtstrauma - genauso wie auf eine schöne Erinnerung an eine zwar anstrengende, aber letztlich tolle Geburt. Wieso also einen Wettbewerb daraus machen und die eigenen Erlebnisse immer wieder als dramatischer ergänzen, statt dem Geburtsbericht des Gegenüber einfach zu lauschen und als das zu nehmen, was es ist: eine einzigartige Geburt - wie jede Geburt.

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