Montag, 23. Juni 2014

Jedes Kind kann schlafen lernen - ein paar Gedanken

Jedes Kind kann schlafen lernen. Das gleichnamige Buch löst unter Eltern die so ziemlich stärksten Diskussionen aus, denen ich im Internet bisher begegnen durfte. Interessanter Weise diskutieren die Gegnerinnen meist unter sich. Befürworter suchen meist schnell das Weite - vor allem weil sie pauschal als schlechte Eltern stigmatisiert werden.
Nachdem ich immer mal wieder auf bissige Kommentare über das Buch gestoßen bin, habe ich es mir besorgt und habe es komplett gelesen. Die extrem hitzig geführten Debatten kann ich auf der einen Seite verstehen - und dann auch wieder nicht. Keineswegs kann ich alles für gut befinden, was da so für Annahmen und Ratschläge gegeben werden. Doch scheint es mir auch ein Problem der individuellen Rezeption und damit auch ein Problem der Darstellung seitens des Buches zu sein. Schlafprogramme sollten keinesfalls einfach mal so angewendet werden und doch ist es furchtbar einfach, lediglich diejenigen Seiten eines Buches herauszugreifen, die die Durchführung des Schlafprogrammes beschreiben.
Gerade die Art und Weise wie manche Leute das Buch "Jedes Kind kann schlafen lernen" als Schlafbibel zur Anwendung bringen, scheint mir zweifelhaft. Ein Neugeborenes Zu "ferbern", also mehr oder weniger einfach so lange schreien zu lassen, bis es aufgibt und schläft, kann für mein Gefühl einfach niemals richtig sein. Will das Buch zwar auch nicht - aber solche kleinen Einschränkungen wie Altersbegrenzungen sind schnell überlesen oder aber schlicht und ergreifend einfach ignoriert. Zudem vertrauen die Autoren viel zu sehr auf den gesunden und elterlichen Menschenverstand. Frisch gebackene Eltern aber haben kaum Zeit, ein ganzes Buch zu lesen und sind wir mal ehrlich, viele sind auch dann zu faul, ein solches Buch komplett zu lesen, wenn sie die Zeit dafür eigentlich haben. Letztere nehmen Bücher wie das von Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenroth mit der Hoffnung in die Hand, ein Patentrezept zu finden. Außerdem hat das Buch selbst schon aufgrund der Autoren eine gewisse Autorität, schließlich schreiben da ja eine Psychologin und ein Kinderarzt - und Eltern sind die auch noch, also müssen die es ja wissen.
Buch Kast-Zahn auf einer Decke; Schlaflernprogramme

Doch Patentrezepte gibt es nicht. Auch und gerade nicht bei Kindern. Selbst gebetsmühlenartig überall zu lesende oder hörende Prinzipien gelten einfach nicht für jedes Kind. Überall zum Beispiel (auch in dem genannten Buch) wird immer wieder gesagt "Lege das Kind bei den ersten Müdigkeitsanzeichen in sein Bett". Steht quasi überall, haben wir unhinterfragt Abend für Abend bei der Terrorpüppi versucht. Hat nur nicht sonderlich gut geklappt. Das Einschlafen hat sich teilweise eine gefühlte (und tatsächliche) Ewigkeit hingezogen. Erst als wir dieses Gebot des Schlafes selbst hinterfragt haben, kann sie plötzlich super gut einschlafen. Unser Terrorpüppi-Geheimnis ist nun: Schön plattspielen die Kleine. So richtig Action den ganzen Tag, immer schön auspowern bis die Augen fast von allein zufallen - quengeln inklusive (würde sie aber auch, wenn sie früher hingelegt worden wäre - nur dann eben im Bett). Seit wir das seit einigen Tagen tun, schläft die Maus super gut ein und schläft auch statt zehneinhalb Stunden gleich mal zwölf Stunden die Nacht. Bei vielen anderen Kindern mag genau das aber gar nicht funktionieren. Und vor ein paar Monaten hätte das bestimmt auch nicht funktioniert und in ein paar Monaten wird es womöglich nicht mehr funktionieren.
Diese ganzen Ratgeber verleiten meiner Ansicht nach dazu, dem eigenen Instinkt immer weniger zu vertrauen. Stattdessen hört man auf letzlich fast immer unfundierte, aber zunächst plausibel erscheinende Ratschläge von Fremden. Sture Festsetzungen von Altersgrenzen ("Ab 6 Monaten muss ihr Baby auch ohne Nahrung nachts auskommen!") und unzureichende Konkretisierungen ("Was bedeutet Durchschlafen eigentlich? 12 Stunden am Stück?!") tun ihr übriges. Wichtiger als jeder Tipp ist doch, das eigene Kind zu beobachten, die spezifische familiäre Situation wahrzunehmen und dann einen eigenen Weg zu finden, der sowohl für das Kind als auch für die Eltern zufriedenstellend ist.
Ich mag das Buch von Kast-Zahn und Morgenroth nicht in der Luft zerreißen. Es gibt interessante Abschnitte und teilweise sehr einleuchtende und gute Ratschläge, die anhand von Fallbeispielen erläutert werden. Und doch bleiben Bauchschmerzen, wenn ich an das Buch als Ganzes denke - auch und vor allem, wenn ich all die potentiellen Leser und Leserinnen berücksichtige. Ich muss dann vor allem an solche Fälle denken, in denen Eltern ihr Baby so lange haben schreien lassen, dass es sich vor Angst übergeben hat oder wo die Babys einfach bewusstlos geworden sind, weil sie sich zu sehr in Rage geschrieen haben. Da haben Eltern auf ihren Instinkt nicht mehr gehört. Babys schreien aus unterschiedlichsten Gründen und mit der Zeit lernt man zwischen verschiedenen Schrei-Varianten zu differenzieren. Meine Püppi beispielsweise meckert manchmal einfach nur laut (wirklich laut), aber ich kann genau hören, dass sie mich noch nicht braucht, sondern dass sie sich vielleicht auch selbst wieder beruhigen kann oder dass sie einfach nur frustriert ist, weil etwas noch nicht so klappt wie gewollt (krabbeln lernen ist ein einziger Frustrationszustand). Meckern lassen würde ich sie auch in ihrem Bettchen - aber niemals würde ich sie angsterfüllt weinen lassen. Und so wenig wie die Autoren von Büchern wie "Jedes Kind kann schlafen lernen" hier differenzieren, so wenig tun das viele Anwender und Anwenderinnen von Schlafprogrammen.
Die Terrorpüppi lernt übrigens auch ganz prima das (Ein-)Schlafen.Wir Elterntiere unterstützen sie dabei, indem wir einfach nur für sie da sind. Das ist es übrigens auch, was ich glaube, was sie eigentlich lernt: Wenn ich Angst habe, kommen Mama oder Papa und sind für mich da. Ich bin nicht allein, ich bin beschützt - und weil das so ist, kann ich auch ohne Angst einschlafen.



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