Dienstag, 14. Oktober 2014

Fern der Heimat

Es war nun also soweit. Das erste Mal auf Dienstreise. 5 1/2 Tage. Die Püppi allein zu Haus. Na gut, mit ihrem Papa - ganz so wie dem Kevin erging es ihr dann doch nicht allein zu Haus. Man liest ja immer überall, dass man als (gute?) Mutter bei einer Trennung von ihren Kindern die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen hat und sein Kind unentwegt vermisst. Wird mir zumindest so suggeriert.

Ehrlich gesagt, habe ich die meiste Zeit für das Vermissen gar keine Zeit gehabt. Ich habe auf der Konferenz Vorträgen gelauscht, habe diskutiert, habe in den Pausen bzw. vor und nach den offiziellen Terminen einen kleine Berg Arbeit abgearbeitet. Und zur Entspanung habe ich mir mehr oder weniger erfolgreich das Häkeln beigebracht. Klar hab ich auch oft an meine Tochter gedacht, aber ich wusste auch, dass sie es gut hat zu Hause bei ihrem Papa. Natürlich gab es auch wehmütige Momente, doch habe ich die ruhigen Abende in meinem Hotelzimmer auch einfach genossen. Habe es genossen, ohne Störung durchschlafen zu können und dann ganz in Ruihe aufzustehen, Kaffee zu trinken und zu frühstücken. So ganz allein mit einer Zeitung in der Hand und diese Stille um einen herum. Ein schlechtes Gewissen hatte ich dabei nicht, warum auch?

Besonders bezeichnend fand ich die Rückfahrt, bei sich eine Frau im Alter meiner Mutter zu mir setzte (und wirklich so gar nichts von ihr hatte). Schon in der Begrüßung sprach sie von einer Schicksalsgemeinschaft. Sie war der Archetyp der konservativen Hausfrau und Mutter - und ich in ihren Augen wohl das genaue Gegenteil. Es handelte sich um ein nicht enden wollendes Gespräch (man ist ja höflich, antwortet kurz, nickt zumindest zwischendurch und gibt 'hmms' ab).

"Und wenn Sie auf Dienstreise sind, wo ist dann ihr Kind?"
- "Beim Papa".

"Aha [längere Pause]. Ach bin ich froh, dass ich einen konservativen Mann gefunden habe, der mir die Möglichkeit gegeben hat, nicht arbeiten zu müssen. Schlimm, dass die Frauen heute dazu gezwungen sind arbeiten zu gehen."

Auf der Fahrt erfuhr ich viel vom schönen Land Brandenburg; noch mehr von bösen Politikern, die manchernorts den Eltern doch tatsächlich untersagen, ihre Kinder mit dem SUV bis ins Klassenzimmer zu bringen; von einsamen Abenden zu Hause, weil die Kinder längst flügge und der Mann immer noch so viel arbeitet, dass man ihn kaum sieht; von dem Wunsch nach einem Hund; viel von ihren Kindern und deren Studienerfahrungen und immer wieder, wie toll es doch gewesen sei, zu Hause bei den Kindern geblieben zu sein.

Ich habe wirklich nichts gegen dieses Lebensmodell, auch wenn es definitiv nicht meine Vorstellung von Leben ist. Aber wieso bin ich das Gefühl nicht losgeworden, dass meine Entscheidungen immer wieder in Zweifel gezogen worden sind? Als ich mir diese Frage zum wiederholten Male stellte, entschied ich mich dagegen, mich vor einer Wildfremden zu rechtfertigen (warum auch?!) und schnappte mir meine Kopfhörer, stöpselte sie an mein Tablet und schaute eine besonders "ereignisreiche" Mystery-Serie - vermutlich sehr zur Freude meiner Sitznachbarin.

Zu Hause dann viel zu früh angekommen - weil ich es am letzten Tag doch nicht mehr erwarten konnte, nach Hause zu kommen - konnte ich schließlich Erstaunliches beobachten: Es waren nur 5 1/2 Tage und plötzlich bekommt man Küsse zugeworfen und das Kind steht mehrere Sekunden frei. Ja, den ersten Luftkuss und das erste Mal frei stehen habe ich verpasst, aber meine Freude darüber war aufgrund des großen Sprunges in nur wenigen Tagen umso größer. Ich habe ein wirklich großartiges Kind - ohne Wenn und Aber: Ein Kind, dass auch ohne Helikopter-Mama lernt allein zu stehen und dass auch ohne meine lückenlose Obhut viel Liebe zu geben hat.



Samstag, 4. Oktober 2014

Die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf...

Ganz ehrlich? Diese Frage habe ich mir eigentlich nie ernsthaft gestellt. Wird sie mir aber regelmäßig seit Bekanntwerden meiner Schwangerschaft. Interessant finde ich, dass Männer diese Frage wesentlich seltener gestellt bekommen. Kenne jedenfalls keinen, der nach Bekanntgabe des Vaterwerdens gleich nach den ersten Glückwunschen gefragt wurde, wie er denn das jetzt in Zukunft nur hinbekommen wolle, so Job und Familie unter einen Hut. Dabei ist es für die Männer doch gar nicht einfacher, sie haben meist nur anders gelagerte Probleme bei der Vereinbarung beider Lebensbereiche. Nehmen wir doch mal die Erwartungen, die an die Mamas und Papas gestellt werden: Die Mama soll auf jeden Fall erst einmal zu Hause bleiben, sonst wird aus dem armen Kind ein emotional verkrüppeltes Wesen. Der Papa hingegen soll natürlich auch Elternzeit nehmen - denn das machen moderne Väter so - aber bitte nicht zu lange, soll ja kein Weichei sein und für die Familie muss ja auch finanziell ausgesorgt werden. Natürlich muss der Papa trotz des Vollzeitjobs ganz viel Zeit für seine Familie finden - und im Haushalt helfen und vielleicht noch interessante Hobbys haben. Mama soll natürlich auch irgendwann wieder arbeiten gehen, aber die Menge ihrer Arbeitszeit richtet sich dabei nach den Bedürfnissen ihrer Kinder - oder den Erwartungen über die Bedürfnisse ihrer Kinder. Beim Papa nicht - selbst wenn er es sich insgeheim wünscht. Während für den Papa Vollzeit angesagt ist, muss Mama in Teilzeit gehen, denn voll berufstätige Mütter sind ja Rabenmütter - und voll arbeitende Väter sind gute Versorger. Schlechte Hausfrauen sind die Mamas auch, wenn es im kuscheligen Heim alles gar nicht so kuschelig ist, wenn sich Dreckwäsche auftürmt, Staub auf den Möbeln ansammelt und nicht jeden Abend ein selbstgekochtes Abendessen auf dem Tisch steht. Ab und an kocht natürlich auch der Papa - denn kochen kann der moderne Papa ja, ist zudem auch sehr männlich. Das Kind ist krank? Wie kann es Mama da nur wagen, trotzdem arbeiten zu gehen? Was für ein toller Papa, dass er zu Hause am Bett des kindlichen Patienten wacht - aber das sollte natürlich die Ausnahme bleiben. Dann, wenn die Kinder aus dem Haus sind, soll Mama natürlich doch wieder voll arbeiten gehen. Klappt nicht? Selbst schuld. Mama hat sich keine hohe Rente erarbeiten können? Immer wieder diese Hausfrauen. Und Papa? Der hat seine Kinder nicht so oft gesehen, wie es den Kindern gut getan hätte. So ein Wochenendpapa natürlich. Ebenso selbst schuld.
Diese Erwartungen sind natürlich keine Einbahnstraße - nicht nur die Frauen bzw. Mütter erwarten das von den Männern bzw. Vätern und umgekehrt, sondern ebenso beäugen sich Mütter und Väter untereinander, ob und wie sie denn ihre Rollen so ausfüllen.
Ich habe ja schon gesagt, dass ich mir die Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Job gar nicht so richtig stelle. Meine Eltern waren beide voll berufstätig und das hat mich nie gestört. Mag sein, dass meine Eltern in gewissen Bereichen den gesellschaftlichen Rollenklischees verhaftet geblieben sind - aber mal ehrlich, wer bricht denn da auch schon ausnahmslos aus? Also ich bestimmt auch nicht. Entscheidender ist doch, dass mir Gleichberechtigung ganz alltäglich vorgelebt worden ist und da war die Frage nach der Vereinbarkeit eben auch eine, die beide Elternteile was anging und die im Alltag ganz pragmatisch gelöst worden ist. Natürlich weiß ich, dass die Rahmenbedingungen das bei meinen Eltern zuließen, aber was nach wie vor Gültigkeit hat, ist, dass die Terrorpüppi bei Eltern aufwachsen wird, die sich beide gleichermaßen den Herausforderungen von Familien- und Berufsleben stellen werden. Vielleicht ist dann ein Teilzeitjob notwendig, vielleicht wird er auch schlichtweg gewünscht; vielleicht macht ihn auch der Papa oder wir beide. Was soll ich denn jetzt schon jeden Schritt planen, der nicht zu planen ist. Das wäre doch eine trügerische Scheinkontrolle der Rahmenbedingungen und auch unserer zukünftigen Lebensbedürfnisse und -umstände. Selbstverständlich bin ich nicht naiv, wenn es um Bewerbungen auf Stellen geht. Die gelebte Gleichberechtigung meiner Eltern (und hoffentlich auch von uns) ist leider nicht gelebte gesellschaftliche Wirklichkeit, doch letztere kann ich allein nur bedingt verändern. Was ich aber machen kann, ist tatt immer nur zu fragen, was nicht geht, bewältige ich lieber ganz pragmatisch den Alltag gemeinsam mit dem Terrorpüppi-Papa und bringen das zusammen, was zusammen gehört: Familie und Beruf.

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