Ich hatte nicht nur eine Hebamme

//Ich hatte nicht nur eine Hebamme

Ich hatte nicht nur eine Hebamme

#MeineGeburtmeineEntscheidung

Ich war eine recht entspannte Schwangere, auch die Geburt bereitete mir wenig Sorgen. Ich war einfach optimistisch und freute mich auf mein Baby. Aber vorbereitet wollte ich sein. Nein ich musste es sein, denn nur so konnte ich mir meine Unbeschwertheit erhalten. Hierzu gehörte für mich, unbedingt in einer Klinik zu entbinden und dazu noch in einer mit Neonatologie. Für den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass etwa mit meinem Baby nicht in Ordnung ist, wollte ich es bestmöglich versorgt wissen und ich wollte dabei auf keinen Fall von meinem Baby räumlich getrennt werden. Da ich zudem immer wieder las, dass die Geburt als Ausnahmezustand nicht unbedingt dazu geeignet ist, Entscheidungen unter klarem Verstand zu treffen, machte ich außerdem eine Liste mit all meinen Vorstellungen wie meine Geburt so ablaufen soll: Was ich mir wünsche und was ich ablehne. Es entstanden so zwei vollgefüllte Blatt Papier, die ich später meinen Hebammen im Krankenhaus dann auch in die Hände drückte. Natürlich laufen die wenigstens Geburten wie geplant. Das habe ich nicht erwartet und all zu konkrete Vorstellungen vom Ablauf hatte ich auch gar nicht. Es ging bei meinen Wünschen eher um die Rahmenbedingungen oder dass ich wünsche, dass der Papa meines Babys im Notfall die ganze Zeit beim Baby bleiben würde. Gedanken hatte ich mir auch über die Verwendung von Schmerzmitteln und PDA im Vorfeld gemacht und notiert. Das Aufschreiben meiner „Wunschgeburt“ und auch meiner Begehren für ungplante Vorkommnisse befreite mich von möglichen Sorgen und so wartete ich auf den Geburtstermin.

Einfach nur gewartet habe ich zugegebener Maßen nicht. Während der Schwangerschaft suchte ich mir meine Nachsorgehebamme, bei der ich auch den Geburstvorbereitungskurs sowie die Rückbildung machen konnte. Zudem wünschte ich mir eine Hebamme, die selbst noch keine eigenen Kinder hatte. Hiervon erhoffte ich mir auf eine Hebamme zu treffen, die bereit ist, gemeinsam mit uns Eltern den für uns passenden Weg zu suchen. Ich wollte keine Patentrezepte hören, sondern jemanden, der individuell auf uns eingeht. Schnell habe ich eine Hebamme gefunden, die diesen Kriterien zu entsprechen schien und sympathisch war sie auch. Auch nicht zu verquatscht – ich brauche ja schließlich keine Therapeutin, sondern jemand, der mir bei meinem Baby hilft. Meine Nachsorgehebamme hat all meine Erwartungen erfüllt. Sie hat uns immer wieder beruhigt, dass alles mit unserem Baby in Ordnung ist und wir unseren Job gut machen. Für jede noch so kleine Frage stand sie uns zur Verfügung und das gab uns frisch gebackenen Eltern eine Menge Sicherheit.
Trotzdem werde ich mir beim nächsten Kind andere Hebamme suchen, einfach weil meine Bedürfnisse bei einer Hebamme doch andere sind als ich ursprünglich mal gedacht habe. Aber auf eine Nachsorgehebamme verzichten möchte ich nicht und ich bin wirklich froh, dass ich eine hatte.

Nun musste ich meine Püppi aber erst einmal bekommen, ehe die Nachsorgehebamme dann ihres Amtes walten konnte. Meine Geburt musste leider eingeleitet werden. Meine erste Reaktion waren Tränen, denn das ging mir plötzlich zu schnell und ich war unglaublich froh, doch noch einmal für ein paar Stunden nach Hause gehen zu dürfen. Aber dann war es soweit. Die Einleitung begann am Montag-Abend. Lange Zeit passierte nichts. Erst in den frühen Morgenstunden des Donnerstags ging es endlich los. Ich war immer noch entspannt. Ich wurde von Wehen im 5-Minuten-Abstand wach und freute mich einfach nur, dass es jetzt endlich doch losgeht. Als der Abstand bei 2 Minuten war, sagte ich auch der Stationsschwester Bescheid und ich ging schließlich mit einer Schwesternschülerin Richtung Kreissaal (mal wieder). Diesmal aber sollte ich ihn für die nächsten 42 Stunden nicht mehr verlassen.
Während der Einleitung habe ich bereits unzählige gesichts- und namenlose Hebammen kennengelernt. Das war nicht schlimm, wieso sollten sie mir auch vertrauter werden, wenn die Geburt ja sowieso noch auf sich warten ließ. Nun aber, mit endlich regelmäßigen Wehen wurde die Geburtshebamme noch noch als Person für mich relevant. Ich hatte das, was wohl eine schwere Geburt genannt wird. Sie dauerte so lang und hatte beinahe alles zu bieten, was man sich nicht wünscht. Aufgrund der Länge, schließlich endlosscheinende 42 Stunden, hatte ich mehrere Schichtwechsel erleben müssen. Ich hatte hierbei das unglaubliche Glück, dass jede einzelne Hebamme sehr einfühlsam war. Der Geburtsverlauf schritt nur langsam voran und die meiste Zeit blieben meine Geburtshebammen im Hintergrund und ließen mir und dem Papa der Terrorpüppi die Freiräume, die wir brauchten. Sie übten keinen Druck auf uns aus, sondern versuchten unseren Wünschen entsprechend die Geburt so gut es geht zu unterstützen. Einfühlsam erfragten sie immer wieder, wie es mir geht und beobachten den Geburtsverlauf sehr aufmerksam. Obwohl sie mehrere Geburten parallel laufen hatten, fühlte ich mich sehr gut aufgehoben. Zwei der Hebammen stellten sogar ihre Hebammenschülerinnen für mich ab, natürlich nur mit meiner Zustimmung. Mit den Hebammenschülerinnen hatte ich lange Gespräche, die mir verdeutlichten, dass man sich für diesen Beruf berufen fühlen muss und das fühlten sie. Sie waren mit vollem Herzen bei mir, versuchten mich und meine Geburt wirklich zu verstehen und so profitierte auch ich davon. Dass meine Geburt nicht ganz „normal“ verläuft, war mir mittlerweile auch bewusst und ich war dankbar, die Ereignisse so besser verstehen zu können. Erst Freitag Abend, kurz vor Mitternacht war die Terrorpüppi auf der Welt.
Erst im Nachhinein wurde mir klar, wie gut meine Hebammen auch mit dem leitenden Oberarzt und den anderen Ärzten kooperierten, welche ebenfalls meinen Wunsch nach einer natürlichen Geburt unterstützten – solange es medizinisch vertretbar war. Die ganze Zeit haben mir meine Hebammen Sicherheit, Zuversicht und Vertrauen gegeben. Sie machten einen verdammt guten Job. Ohne meine Hebammen und ohne meine Ärzte würden die Terrorpüppi und ich heute vermutlich nicht mehr leben.

Weitere Berichte von Müttern zu ihren Hebammen findest du bei Geborgen Wachsen.

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By | 2017-10-07T10:14:55+00:00 März 2nd, 2015|Zum Nach- und Weiterdenken|0 Comments

About the Author:

Mutter von Zweien, Berlinerin, Soziologin, Bloggerin, Jessi ist die Gründerin des Blogs Terrorpüppi. Sie bevorzugt eine undogmatische Sicht auf Familie und Gesellschaft, fordert aber von sich und anderen klare Haltungen ein. Jessi liebt Schokopudding und Berlin, ist Working Mom, Serienjunkie und liebt und lebt gleichberechtigte Partnerschaft und Elternschaft. Mit ihrer soziologischen Perspektive setzt sie sich gerne kritisch-reflektiert mit familiären und gesellschaftlichen Fragen auseinander, zugleich hat sie eine unbeirrbar optimistische Lebenseinstellung.

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