Urvertrauen

Urvertrauen

Wie entwickelt sich Urvertrauen und was ist das eigentlich: Urvertrauen? 

Ich hocke da im Pool meiner Eltern und genieße die kurze Erfrischung von den gerade herrschenden 30° Außentemperatur. Natürlich bin ich nicht allein im Pool, denn da wo Mama ist, da willst auch du hin. Du bist 20 Monate alt, aber du kennst sie kaum, die Angst. Manchmal erschrickst du, aber ganz schnell ist die Welt wieder in Ordnung, denn du weißt: wenn Mama oder Papa da sind, dann kann dir nichts passieren.

Wir sind also in diesem Pool und du willst nicht einfach aus dem Pool herausgehoben werden, sondern die Leiter selbst erklimmen. Natürlich. Du schaffst das schon allein. Doch dann denkst du eben nicht daran, den Pool zu verlassen, sondern du lässt dich einfach rückwärts zurück ins Wasser fallen. Der Pool ist viel zu tief für dich, aber davon lässt du dich nicht beirren, denn du weißt: Mama ist da. Mama fängt mich auf. Natürlich fange ich dich auf. Immer und immer wieder lässt du dich rückwärts in den Pool fallen. Immer und immer wieder fange ich dich auf. Du lachst dabei aus tiefstem Herzen und dein Glück schwappt auf mich über.

Da spürte ich es so deutlich: Dein Urvertrauen.

Urvertrauen als Vertrauen ins Vertrauen

Urvertrauen verstehe ich als dasjenige Vertrauen, welches sich im ersten Lebensjahr entwickelt. Das Konzept des Urvertrauens, auf das ich mich beziehe, stammt vom Soziologen Dieter Claessens (kein bezahlter Link). Urvertrauen ist nach ihm das zunächst paradox erscheinende Vertrauen ins Vertrauen. Demnach lernen Säuglinge in ihrem ersten Lebensjahr, überhaupt erst Vertrauen zu entwickeln. Sie lernen grundsätzlich zu vertrauen – in Menschen, Situationen, Dinge.

Was man in dieser Zeit als Säugling nicht an Urvertrauen erwirbt, kann man Claessens zufolge auch nicht mehr später erwerben. Vertrauen ist die Basis für die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit und auch essentiell für Beziehungen zu anderen Menschen. Urvertrauen entsteht, wenn Babys eine spezifische Form der Zuwendung erfahren. Die Zuwendung muss geprägt sein von einem zuverlässigen, andauernden, liebevollen und achtsamen Kümmern. Nur so lernen Babys, dass die Beziehung zu anderen Menschen ihnen Sicherheit bringt und ihnen Ängste nimmt. Auf diese Weise entsteht Stück für Stück ein solider, ja unerschütterlicher Glauben in andere Menschen und gleichsam auch in Situationen in Dinge. Die Schlüssel sind Zuverlässigkeit, Ausdauer und Liebe.

Es verschafft die innere emotionale Sicherheit, die später zu einem Vertrauen in seine Umgebung und zu Kontakten mit anderen Menschen überhaupt erst befähigt. Urvertrauen ermöglicht eine angstarme Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt. Ein solcher Mensch strahlt eine unerschütterliche Zuversicht aus und steht dem Leben positiv gegenüber. Urvertrauen muss man sich aber nicht absolut vorstellen, sondern graduell: als eine Skala zwischen den Polen Urvertrauen und Urmisstrauen.

Mit Liebe verwöhnt man nicht, mit Liebe schafft man Urvertrauen

Wer hat ihn nicht schon gehört, diesen Vorwurf „Verwöhn dein Baby nicht, sonst tanzt es dir nur auf der Nase herum„. Babys jedoch, auf deren Bedürfnisse möglichst unverzüglich eingegangen werden, die sind später deswegen nicht verzogen, sondern diese Kinder wissen in ihrem Innersten einfach, dass Mama und Papa für sie da sind.

Man kann Babys nicht mit Liebe verwöhnen oder indem man ihre Bedürfnisse erfüllt. Unter keinen Umständen. Zuwendung ist essentiell für die Entwicklung von Urvertrauen und damit ist nicht das Überschütten mit materiellen Zuwendungen gemeint. Mit Materialitäten mag man ältere Kinder „verwöhnen“ können, doch das ist nicht das Verwöhnen, welches ich hier meine und was im oberen Satze mitschwingt. Materielles verwöhnen hat mit Urvertrauen gar nichts gemein – außer vielleicht, das man fehlendes Urvertrauen mit Geschenken zu kompensieren sucht.

Erfüllt man die Bedürfnisse eines Babys, dann lernt es:
…dass seine Bedürfnisse eine Daseinsberechtigung haben
…dass es Menschen gibt, die diese Bedürfnisse erfüllen
…dass es sich immer neuen Dingen zuwenden kann
…dass man über sich hinauswachsen kann, weil da am Boden immer jemand ist, der einem im Zweifelsfall auffängt.

Deshalb liebe ich dich ohne Wenn und Aber und ich versuche dich mit all deinen Gefühlen und Bedürfnissen ernst zu nehmen. Deswegen habe ich dich als Säugling viel getragen, habe wann immer du es wolltest, mit dir gekuschelt und bin bei jedem Weinen zu dir gesprintet.

Einfach mal machen lassen

Auch wenn es gut gemeint sein mag, aber einem Baby stetig unterstützend zur Seite zu stehen, wenn es etwas versucht zu lernen, ist für die Ausbildung von Urvertrauen nicht förderlich. Schon ein Baby muss lernen, in sich selbst und seine Fähigkeiten zu vertrauen. Vertrauen in Vertrauen hat nämlich immer zwei Seiten: Vertrauen in sich selbst und Vertrauen in andere.

Da im Pool spürte ich dein Vertrauen in mich und wenn du ein neues Klettergerüst eroberst, das eigentlich für viel ältere Kinder gemacht wurde, da spüre ich, dass du dir auch selbst vertraust. Du weißt was du schon sicher kannst, ich sehe, wenn du dir noch unsicher bist, ob du etwas schon kannst, es aber trotzdem versuchen willst und du weißt, wann du lieber um Hilfe bittest. Manchmal unterschätzt du dich, manchmal überschätzt du dich – aber fast immer liegst du richtig. Doch wenn du dich irrst, dann sind wir da, um dich aufzufangen – und auch das weißt du.

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By | 2017-09-30T11:49:35+00:00 August 9th, 2015|Zum Nach- und Weiterdenken|0 Comments

About the Author:

Mutter von Zweien, Berlinerin, Soziologin, Bloggerin, Jessi ist die Gründerin des Blogs Terrorpüppi. Sie bevorzugt eine undogmatische Sicht auf Familie und Gesellschaft, fordert aber von sich und anderen klare Haltungen ein. Jessi liebt Schokopudding und Berlin, ist Working Mom, Serienjunkie und liebt und lebt gleichberechtigte Partnerschaft und Elternschaft. Mit ihrer soziologischen Perspektive setzt sie sich gerne kritisch-reflektiert mit familiären und gesellschaftlichen Fragen auseinander, zugleich hat sie eine unbeirrbar optimistische Lebenseinstellung.

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  1. Kerstin_30rockt 10. August 2015 at 10:28 - Reply

    Sehr schön geschrieben! Ich habe diesen Satz in letzter Zeit auch hin und wieder gehört, aber ich habe festgestellt das sich die Mühe nicht lohnt diesen Menschen zu erklären das ich meinen Mini-Me nicht verwöhne sondern schlicht und einfach für ihn da bin – die wollen oder können das einfach nicht verstehen.

    Liebe Grüße,
    Kerstin von 30rockt!

  2. Jessi [Terrorpüppi] 10. August 2015 at 10:46 - Reply

    Lass dich da bloß nicht beirren und mach weiter so. Mich macht es traurig, dass die Nazi-Pädagogik noch immer so weit verbreitet ist und das nicht sehr viel stärker thematisiert wird… Ich sag nur: Schreien kräftigt die Lungen?!

    Lieben Gruß
    Jessi

  3. Kerstin_30rockt 10. August 2015 at 11:07 - Reply

    Ja, den hab ich auch schon gehört… Aber diese Personen werden ja vielleicht mal alt und hilfsbedürftig – dann weiß ich ja das ich das sie nicht so auf "verwöhnen" aus sind ;-P

  4. Wiebke Verflixter Alltag 1. September 2015 at 15:33 - Reply

    Toller Text! Dass man Babys nicht verwöhnen kann, muss sich wohl erst noch rumsprechen!
    LG Wiebke

  5. Jessi [Terrorpüppi] 1. September 2015 at 15:54 - Reply

    Danke <3

    Ich finde es irgendwie befremdlich, dass so viele so ernsthaft glauben, man könne so kleine wehrlose und von uns vollkommen abhängige Wesen verwöhnen. Dieser Gedanke ist mir auch ohne jede Fachliteratur völlig fremd.

    LG Jessi

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