Dienstag, 13. Oktober 2015

Wenn der Regenbogen Kopf steht - Ninas Kaffeesätze (1)

Ninas Kaffeesätze

Wenn der Regenbogen Kopf steht

Es ist kurz vor noch sehr dunkel und ich höre Schritte. Der Wecker ging vor einiger Zeit, mein Tagesablauf und meine Frau erlauben es mir, noch unter der Decke zu bleiben. Draußen gibt es Frühstück. Der Duft von Kaffee und die Stimmen der Kinder holen mich langsam aus dem Dämmerzustand. Plötzlich steht mein jüngster Sohn vor dem Bett, zieht die Decke zur Seite und drängt sich an mich. „Du musst aufstehen, Papa,“ sagt er mit leuchtenden Augen. Einmal noch kurz kuscheln und dann auf ins Bad.

Der Regenbogen steht Kopf - Ninas Kaffeesätze


„Nina, wenn du heute Mittag…,“ oh, ich vergaß mich vorzustellen: Ich bin Nina. Beim morgendlichen Blick in den Spiegel schaut mich ein Mann an. Anders als die meisten Frauen lebte ich die meiste Zeit meines Lebens als Mann. Nun bin ich Frau und Papa. Unsere Familie ist ein bunter Mix: wir haben vier Kinder, die beiden ältesten haben biologisch gesehen einen anderen Vater, die beiden kleinen kamen dann später nach. Langweilig ist es hier nie.

Ich stehe also im Badezimmer und versuche Kaffee, Rasierer, Make-Up und Klamotten in der richtigen Reihenfolge an den Körper zu führen. Dabei alles im zeitlichen Rahmen. Mit etwas Glück schaffe ich noch, meine Frau in den Arm zu nehmen und erobere einen Kuss. Dann rattert das ziemlich gut eingespielte Uhrwerk dieser Familie wieder los.

Heute ist der 13. Oktober. Der 13. Oktober 2000 war ein Freitag und es war Vollmond. Ich konnte ihn durchs Krankenhausfenster sehen. Der Mond damals sah sehr friedlich aus. Ich kann mich erinnern, dass das die erste Nacht in diesem Jahr, in der ich keine Schmerzen hatte. Was genau damals los war, verdränge ich inzwischen, aber ich war nochmal davon gekommen. Es ist so etwas, wie mein zweiter Geburtstag. Na toll, ich bin also Steinbock und Waage.

Zurück ins echte Leben: ich stehe inzwischen mit zwei Kindern an der Bushaltestelle. In der Kleinstadt, in der wir leben, gibt es täglich Menschen, die mich noch nie zuvor gesehen haben. Ich ignoriere die Blicke, so gut ich kann, und plaudere mit den Jungs. Der Mittlere ist sehr stolz, dass er inzwischen von der Bushaltestelle zur Schule ganz alleine gehen kann und darf. Der Kleine rennt herum und hebt Blätter auf, die er im Kindergarten zeigen will.

Die Busfahrer kennen uns und grüßen freundlich. Ich denke oft darüber nach, was anders wäre, wenn ich „normal“ wäre. Meine Gedanken tragen mich in die Zeit, als ich mein männliches Kostüm noch tragen konnte. Ich war tief unglücklich. Stieg eine Frau in den Bus ein, brannte der Wunsch, selbst Frau sein zu dürfen, ein Loch in meine Seele.

Vor etwa fünf Jahren war es dann soweit. Es kostet viel Überwindung, der eigenen Frau zu sagen, dass man kein Mann sein kann. Inzwischen weiß ich so viel, über coming-out und was dabei schief gehen kann, dass es mich wundert, dass meine Frau mich nicht augenblicklich verließ. Sie verließ mich damals nicht und bis heute nicht. So hatte ich einen Ausgangspunkt, für den Weg, den ich seitdem gehe. Davor waren wir eine Patchworkfamilie, seitdem steht alles ein wenig Kopf.

Oft fragen mich die Menschen, wie ich das meinen Kindern antun kann. Was genau tue ich den Kindern denn an? Ich lebe ihnen vor, dass sie zu sich stehen dürfen, dass ihre Bedürfnisse in der Familie respektiert werden, dass wir jeden in der Familie so annehmen, wie er/sie ist. Ich lebe den Kindern vor, dass wir zusammen halten, auch wenn die Welt mit Spott ankommt. Wir gehen so liebevoll miteinander um, wie es geht. Und seit ich als Frau leben darf, habe ich auch die Kraft dafür. Als Mann war ich schon beinahe gebrochen.

Der Tag verfliegt. Lebensmittel kaufen, Bewerbungen schreiben, nachtelefonieren,… Alltag.

Später, wenn die Kinder wieder zuhause sind, reden wir. Der Große erzählt vom Fußball, die Mittlere tobt mit ihren Brüdern und hat die Arme wieder mit Filzstift bemalt. Wir lachen, reden, schweigen, streiten, spielen, toben, kuscheln… wie jede andere Familie auch. Später räume ich den Tisch ab und wir stecken die Kinder ins Bett. Abends ist es hier ruhig. Nie ganz still, aber ruhig. Dann schminke ich mich ab und lasse den Tag ausklingen, den Nachhall der Kinderstimmen immer im Kopf.



Nina schreibt immer am 13. eines Monats ihre Kolumne. Wenn ihr noch mehr von ihr lesen möchtet, dann schaut doch auf ihrem Blog Frau Papa und bei ihrem Projekt poesieversuchslabor vorbei!

1 Kommentar:

  1. Toller Beitrag! Ich bin schon auf die nächsten gespannt.

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