Tagebuch eines Mombies (2): Im Auge des Tornados

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Tagebuch eines Mombies (2): Im Auge des Tornados

Auszüge aus dem Tagebuch eines Mombies – Teil 2: 

Zwischen Sturm und Sonnenschein. Leben mit einem Kleinkind


Liebes Tagebuch,

Fast drei Monate ist es nun schon her, dass ich dir das erste Mal schrieb. Du magst es dir nach meiner Weltuntergangsstimmung vielleicht nicht vorstellen können, doch der Schleier des nicht geschlafenen Schlafs hat sich zeitweise verzogen. Unglücklicherweise ist er aber ersetzt worden durch ziemlich gespannten Draht, welcher sich um meine auf Contenance bewahren wollenden Nerven legt und sie Stück für Stück abdrückt.


Stück für Stück. Was rede ich da nur für einen Unsinn. Wer ein Kleinkind in seiner ersten Autonomiephase schon mal erlebt hat, der weiß, dass die eigenen Nerven niemals nur ganz langsam und sukzessive beansprucht werden. Vielmehr befindet man sich permanent im Auge des Tornados, der jederzeit damit droht, abzudrehen und eine Schneise der Verwüstung zu hinterlassen. Und genau dann, wenn man schon gar nicht mehr damit rechnet, stürzen Wände ein, fliegt das Dach zum Horizont, werden Autos in den Himmel geschleudert und es regnet Milch darnieder.

Aber ich will mich nicht ausschließlich beklagen. Ja nicht einmal überwiegend. 
Mein Töchterlein ist schlicht ein willensstarkes Persönchen. Sie ist schon ein richtiger kleiner Charakterkopf. Damit treibt sie mich zwar sehr oft in den Wahnsinn, aber eigentlich bin ich verdammt stolz auf sie. Sie erobert die Welt. Jeden Tag ein bisschen mehr. Sie lernt so viel und so schnell, dass ich mich nicht wundern darf, dass sie da manchmal auch überdreht durchdreht. Dabei ist es wahrlich erstaunlich, wie viel Kraft in so einem kleinen Körper stecken kann. Jüngst mussten wir neue Vorhangstangen kaufen, weil sie Püppi in ihrer Wut so sehr an den Vorhängen zog, dass sich die Stange großzügig verbog. Nicht einmal Chuck Norris hätte die Wut in ihr in geregelte Bahnen lenken können. 

Als mittlerweile erfahrener Mombie kann ich sagen: Auch das werde ich schaffen. Sicherlich werden neue graue Haare dazu kommen, ganz bestimmt sogar werden mich noch vollkommen unbekannte Wehwehchen ereilen und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werde ich mich irgendwann sogar todesmutig in ein zweites Abenteuer Terrorpüppi begeben. 

Die kleine Püppi kann zwar orkangleich Terror verbreiten, aber schon im nächsten Augenblick vermag sie so dermaßen viel Liebe geben, dass man wortwörtlich daran zu ersticken droht. Ihre kleinen Ärmchen schlingen sich Tag für Tag um meinen Hals und feucht-fröhliche Küsse überfluten mein Gesicht. Liebes Tagebuch, du musst mir glauben, wenn ich sage: In diesen Momenten ist jede Müdigkeit, jeder Frust und jeder Ärger davon geschwemmt und sie geben Kraft für die nächsten Stürme, die über mich hinüber brausen. Dann steigt Euphorie in mir empor. Pures Glück.

Morgen jährt sich nun meine Mutterschaft das zweite Jahr. Zwei Jahre ist es dann her, dass ich ein Leben ins Leben geschickt habe. Zwei Jahre mit mal mehr, meist weniger Schlaf. Zwei Jahre mit unzählige Ladungen Wäsche und mit Krümeln unter dem Tisch, die mindestens einen weiteren Erwachsen komplett hätten ernähren können. Zwei Jahre, die ich gegen nichts in der Welt eintauschen würde, obwohl ich nicht selten an meine emotionalen Grenzen gelange. Zwei Jahre Leben pur.

Alles Liebe
Deine Jessi

By | 2017-10-06T23:57:21+00:00 Dezember 5th, 2015|Zum Miterleben und Mitfühlen|0 Comments

About the Author:

Mutter von Zweien, Berlinerin, Soziologin, Bloggerin. Jessi ist die Gründerin des Blogs Terrorpüppi. Sie bevorzugt eine undogmatische Sicht auf Familie und Gesellschaft, fordert aber von sich und anderen klare Haltungen ein. Jessi liebt Schokopudding und Berlin, ist Working Mom, Serienjunkie und liebt und lebt gleichberechtigte Partnerschaft und Elternschaft. Mit ihrer soziologischen Perspektive setzt sie sich gerne kritisch-reflektiert mit familiären und gesellschaftlichen Fragen auseinander, zugleich hat sie eine unbeirrbar optimistische Lebenseinstellung.

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