Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg? (Gastbeitrag)

//Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg? (Gastbeitrag)

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg? (Gastbeitrag)

Heute darf ich euch endlich mal wieder einen spannenden Beitrag in der Reihe „Familienleben zwischen Beruf und Berufung: Die Frage der Vereinbarkeit“ präsentieren. Die liebe Renate von Mamis Blog ist Zweifachmutter und verfolgt sehr überzeugt ein Familienmodell, in dem sie als Mama so wenig wie möglich arbeitet, um so viel Zeit wie möglich mit ihren Kindern verbringen zu können? Zu viel Fremdbetreuung? Das ist aus Renates Sicht nicht das Beste für die Kinder, denn Unter-3-Jährige gehören vor allem nach Hause in den Schoße ihrer Familie.

 

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg?

Ein Gastbeitrag von Renate, Mamis Blog
 

Meine Mama hat nach dem Mutterschutz direkt wieder Vollzeit gearbeitet. Ich habe mich immer gefragt, wie sie das geschafft hat. Am Ende ist doch immer der Arbeitgeber das letzte Glied in der Kette, der dann doch irgendwie darunter zu leiden hat. Das sind zumindest die Befürchtungen von Chefs, wenn es um die Tätigkeit von Müttern während oder nach der Elternzeit geht. Natürlich gibt es auch Väter, die sich gerne auch um die Kindererziehung kümmern bzw. bereit sind, dafür im Job kürzer zu treten. Die Arbeitgeber, die das gerne sehen und sogar unterstützen, gibt es auch heutzutage noch eher selten. In vielen Familien ist es immer noch so, dass der Mann das höhere Einkommen hat und dadurch schon alleine aus finanziellen Gründen die Frau Elternzeit nimmt und sich um die Kinder kümmert.

Was sollte schon schief gehen

Ich habe schon weit vor der Geburt unserer großen Tochter einen Teilzeitvertrag (1 Tag pro Woche) während der Elternzeit abgeschlossen. Das war zunächst rein aus finanziellen Gründen, weil wir eine ungünstige Krankenkassen-Konstellation haben und deshalb auch für mich Krankenkassenbeiträge fällig wurden, wenn ich kein Gehalt bekomme. Durch die Teilzeittätigkeit wurde dann mein Krankenkassenbeitrag bereits vom Gehalt abgeführt. Mein Chef hat immer gesagt, ich solle doch erstmal abwarten, wie das alles klappt nach der Geburt. Ich wollte den Vertrag aber vorher fest machen und war mir sicher, dass es schon irgendwie geht. Die Betreuung war gesichert durch die Tagesmutter, die wir auch schon vor der Geburt kennengelernt haben. Was sollte schon schief gehen, dachte ich mir. Und ja, wir haben es irgendwie geschafft und rein aus finanzieller Sicht hat es sich auch gelohnt, obwohl ich im Nachhinein sage, dass der Aufwand und das schlechte Gewissen der Ersparnis nicht unbedingt in guter Relation gegenüberstand.

Beim zweiten Kind sollte es anders werden

Deshalb wollte ich das beim zweiten Kind auf jeden Fall anders machen und habe deshalb vorzeitig geplant, indem ich meinen Vollzeitvertrag dauerhaft reduziert habe auf Teilzeit und somit die Situation damit etwas verbessert wurde, weil in diesem Fall durch das reduzierte Gehalt vor der Elternzeit keine Beiträge zur Krankenkasse während der Elternzeit anfallen, auch wenn ich kein Einkommen habe.

Auch mein Chef wusste, dass wir uns ein zweites Kind wünschen. Natürlich hätte ich ihm das nicht sagen müssen, ich fand es aber fair, ihm das vertraulich zu sagen, damit er nicht allzu überrascht ist, wenn ich dann innerhalb der nächsten Zeit noch ein zweites Mal – dann allerdings ohne Teilzeittätigkeit während der Elternzeit – ausfalle. Er konnte es sehr gut verstehen, dass ich dieses Mal nicht wieder nach dem Mutterschutz arbeiten möchte und ich behaupte einfach mal, dass ihm das auch lieber war, weil sich mit einem Tag pro Woche doch so die eine oder andere Schwierigkeit gezeigt hat, gerade auch, weil ich die erste Mama im Team war.
Nach der Geburt der Kleinen habe ich dann sogar direkt 2 Jahre Elternzeit eingereicht, weil ich zumindest solange zu Hause bleiben möchte, bis die Große im Kindergarten eingewöhnt ist. Dadurch sparen wir sowohl die teuren Kinderbetreuungskosten unter 3 Jahren als auch ermöglichen wir, dass die beiden Schwestern zusammenwachsen können und wir gemeinsam noch die Zeit genießen, bis dass die Große in den Kindergarten und die Kleine zur Tagesmutter geht, wenn ich wieder arbeite.

…damit die Kinder so wenig wie möglich betreut werden

Sicherlich bin ich in meiner Einstellung ziemlich speziell und es gibt auch viele unqualifizierte Kommentare, wenn ich über unser Familienmodell spreche. Ich möchte so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern verbringen und möchte deshalb so wenig wie nötig arbeiten, damit die Kinder so wenig wie möglich betreut werden müssen.

Wir haben für uns ausgerechnet, welchen Beitrag ich mit meinem Gehalt zum Familieneinkommen beitragen muss, damit wir gut auskommen. Und genau so viel möchte ich arbeiten, nicht mehr und nicht weniger. Da ich eine Stunde Fahrzeit pro Strecke zur Arbeit habe, lohnt es sich nicht, jeden Tag nur ein paar Stunden zu arbeiten. Deshalb arbeite ich ganze Tage und habe dafür andere Tage komplett frei. Das ist in dem Sinne eine Win-Win-Situation, weil diese Regelung auch besser zu den Aufgaben in meiner Abteilung passt. So bleibe ich im Themengebiet drin, habe neben den Kindern auch noch etwas anderes um die Ohren und habe auf der anderen Seite möglichst viel Zeit mit den Kindern.
Ganz auf den Job zu verzichten kommt für mich nicht in Frage, weil ich als Vorbild meinen Töchtern auch zeigen möchte, dass es wichtig ist, dass die Frau sich nicht komplett abhängig macht, sondern auch in gewisser Weise für sich selbst sorgt, indem sie arbeiten geht. So habe ich es von meiner Mama mitbekommen und möchte es gerne auch an meine Kinder weitergeben.

Eine Vollzeit-Betreuung im Kindergarten mit 9 Stunden pro Tag könnte ich mir auf der anderen Seite auch nicht vorstellen. Was habe ich davon, wenn ich total müde reizüberflutete Kinder abhole, die dann nach dem Abendessen übermüdet ins Bett fallen bzw. von den Tageserlebnissen total überdreht sind? So wird dann die komplette Qualitäts-Zeit, die Eltern und Kinder gemeinsam haben, aufs Wochenende gelegt, weil in der Woche nicht viel Zeit übrig bleibt. Dann soll alles nachgeholt werden, was dann meiner Meinung nach auch in Stress ausarten kann, je nachdem wie man es organisiert. So sind meine Kinder einzelne Tage komplett in Betreuung, wenn ich arbeiten bin. Dafür ist die Kleine dann die übrigen Tage komplett bei mir und die Große geht dann nur vormittags in den Kindergarten. Dadurch, dass ich ganze Tage arbeite, geht die Große dann mittags auch zur Tagesmutter, sodass sich der weitere Vorteil ergibt, dass ich nach der Arbeit beide Kinder an einem Ort, nämlich der Tagesmutter, abholen kann. Natürlich ist an diesen Tagen der Tag dann gelaufen und mehr als Abendessen und das Abend-Ritual ist nicht zu erwarten. Trotzdem bleiben dann noch andere Tage, an denen wir gemeinsam frühstücken, gemeinsam Mittagessen und nachmittags gemeinsam etwas unternehmen können.


Natürlich mache ich mich irgendwie abhängig, aber…

Dass das alles so klappt mit Arbeitgeber, Tagesmutter und auch nicht zuletzt meinem Mann, der meine Einstellung teilt und unterstützt, dafür bin ich unendlich dankbar. Grundsätzlich ist es natürlich so, dass jeder Arbeitnehmer seine Stundenzahl reduzieren kann und sogar den Anspruch auf Teilzeit hat – ob dauerhaft oder während der Elternzeit ist dabei egal. Die Tagesmutter habe ich bereits vor der Geburt der Großen kontaktiert und es passte sofort von beiden Seiten. Und mein Mann mag seinen Job sehr, sodass es für ihn kein großes Opfer ist, weiterhin Vollzeit zu arbeiten.

Natürlich mache ich mich durch die dauerhafte Reduktion meiner Arbeitszeit auf Teilzeit doch irgendwie abhängig, weil ich eben dauerhaft weniger verdiene als vorher in Vollzeit. Mein Mann und ich wirtschaften gemeinsam in eine Kasse und es gibt in dem Sinne nicht „MEIN“ und „DEIN“, sondern DAS Familieneinkommen, von dem wir alle profitieren und unsere Ausgaben gut decken können.
Sicherlich könnte ich durch einen Vollzeit-Betreuungsvertrag auch mehr Flexibilität und weniger Aufwand gewinnen, also dass ich mal „in Ruhe“ ohne Kinder zum Arzt, shoppen oder zu sonstigen Terminen gehen könnte. Das möchte ich aber nicht, weil ich davon überzeugt bin, dass die Kinder nicht dauerhaft Bespaßung brauchen, wenn sie bei mir sind, sondern auch mal mit zu meinem Terminen gehen können, wenn ich dann auf der anderen Seite auch Zeit für sie und Zeit für gemeinsame Unternehmungen (Spielgruppen, Turnen, Musik oder was sie mögen) habe. Das funktioniert bei uns sehr gut, gerade auch deshalb, weil ich darauf schaue, wie ich die Termine legen kann, dass sie zum Rhythmus der Kinder passen und nicht gerade mit Schlafenszeiten überschneiden.
Unser gesamtes Modell und die Organisation dessen ist sehr durchdacht und sicherlich nicht gerade das modernste. Ich denke in der Hinsicht sehr klassisch und denke, dass gerade kleine Kinder vor allem die Familie bzw. familienähnliche Betreuung brauchen. Die allgemeine Entwicklung, die Kinder immer früher durch die U3-Betreuung in die Kita zu bringen, befürworte ich nicht. Gerade unter 3 Jahren sind meiner Meinung nach Kinder in familiären Strukturen oder kleinen Gruppen deutlich besser aufgehoben. Natürlich kommt das auf’s Kind an und es gibt sicherlich auch unter-3-Jährige, die sich gut durchsetzen und auch in einer größeren Gruppe behaupten können.

Während viele nach einer höheren Betreuungsstunden-Zahl bzw. flexibleren Zeitfenstern schreien, sodass bestenfalls sogar eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung möglich ist, vermisse ich das Angebot der niedrigeren Betreuungsstunden von z. B. 25 Wochenstunden, die es in meinem Wohnort kaum bis gar nicht mehr gibt, weil sie zu wenig nachgefragt werden. Verständlicherweise sind sie nicht so gefragt, weil viele Berufspendler gerade aufgrund der gestiegenen Fahrzeiten zum Arbeitsplatz mit 5 Stunden pro Tag auch nicht auskommen. Trotzdem finde ich es ungerecht, dass die Eltern, bei denen die Mutter (oder in seltenen Fällen vielleicht auch der Vater) ganz zu Hause bleibt, trotzdem gezwungen sind, einen 35- oder sogar 45-Stunden-Platz zu nehmen oder zumindest zu bezahlen, selbst wenn das Kind mittags abgeholt wird, damit es eben auch in der Woche noch gemeinsame Familienzeit gibt. Dadurch werden wir, die das klassische Modell leben, eingeschränkt. Immer wieder hörte ich in letzter Zeit auch die Aussage, dass ich keine Chance auf einen Betreuungsplatz über 3 Jahren habe, weil nur noch unter-3-Jährige Kinder aufgenommen werden. Damit habe ich also im Endeffekt für meine unter-3-jährigen Kinder keine Wahl mehr, ob ich mein Kind bei Tagespflegepersonen (Tagesmütter/ Tagesväter) betreuen lasse oder in einer Kita. In meinem Wohnort gibt es noch wenige Kindergärten, die nur 3-Jährige aufnehmen. Diese werden aber immer weiter reduziert bzw. umgebaut für U3-Betreuung. Nicht zuletzt wird dadurch auch Konkurrenz geschaffen, sodass die Tagespflegepersonen immer härter kämpfen müssen bzw. viele sogar ihre Betreuungsplätze nicht besetzt bekommen, was ich sehr traurig finde.

Mag sein, dass wir in unserem Modell einfach Glück gehabt haben, dass das alles so gut zusammenpasst und damit mein Job mit dem Familienmodell vereinbar ist. Vielleicht haben aber auch alle Beteiligten gemeinsam daran gearbeitet, um einen Weg zu finden, der für alle passt, um eine Vereinbarkeit zu ermöglichen. Gemäß dem Motto „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!“

Vielen lieben Dank für deinen durchaus kontroversen Gastbeitrag liebe Renate!
By | 2017-10-18T10:27:15+00:00 Januar 26th, 2016|Familie ist bunt. Arbeiten auch|0 Comments

About the Author:

Mutter von Zweien, Berlinerin, Soziologin, Bloggerin, Jessi ist die Gründerin des Blogs Terrorpüppi. Sie bevorzugt eine undogmatische Sicht auf Familie und Gesellschaft, fordert aber von sich und anderen klare Haltungen ein. Jessi liebt Schokopudding und Berlin, ist Working Mom, Serienjunkie und liebt und lebt gleichberechtigte Partnerschaft und Elternschaft. Mit ihrer soziologischen Perspektive setzt sie sich gerne kritisch-reflektiert mit familiären und gesellschaftlichen Fragen auseinander, zugleich hat sie eine unbeirrbar optimistische Lebenseinstellung.

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  1. RonjaMama 26. Januar 2016 at 11:55 - Reply

    Danke für den Beitrag!
    Wir versuchen es ebenfalls mit dem Modell und haben nun schon mehrfach deshalb erklären oder sogar diskutieren müssen.
    Die Wichtigste Frage für uns besteht nun im Kindergartenbereich,da es anscheinend wie beschrieben kaum Chancen für Ü3-Kinder gibt.So jedenfalls hier in Mülheim.

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