Warum man Schule wohl den Ernst des Lebens nennt – Ninas Kaffeesätze (6)

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Warum man Schule wohl den Ernst des Lebens nennt – Ninas Kaffeesätze (6)

Ninas Kaffeesätze

Wie immer am 13. des Monats lässt uns die wunderbare Transfrau Nina an ihrem Familienleben teilhaben. Ich wünschte, ihr würdet diese starke Frau und ihre tolle Familie persönlich kennen. Nina ist transsexuell und empathisch und unglaublich herzlich. Sie hat uns bisher schon an ihrem ersten Geburtstag als Frau teilhaben lassen, über Freud‘ und Leid von Geburtstagsfeiern im Familienkreis erzählt, über die Adventszeit oder vom alltäglichen Trubel mit 4 Kindern berichtet und sie macht deutlich, dass seit sie die Kraft gefunden hat, die zu sein, die sie schon immer war, es in ihrer Familie eigentlich keine außergewöhnlichen Probleme gäbe, wenn da nicht die Welt da draußen wäre… eine Welt, in der einfach zu viele Nina nicht normal finden und ihr dies auch zeigen. Viel Spaß auch heute beim Lesen!

Warum man Schule wohl den Ernst des Lebens nennt

Ich kann Kinder sehr empfehlen, wenn man an zu viel Schlaf, einem Übermaß an Freizeit und Langeweile leidet. Und als Gegenmittel gegen einen leeren Terminkalender empfehle ich, die Kinder an unterschiedlichen Kindergärten und Schulen unterzubringen. Meine Frau und ich haben vier Kinder. Die drei Schulkinder gehen auf drei Schulen.

Zeitmanagement in einer größeren Familie ist super-easy. Man muss ja nur Sportvereine, Arzttermine, Termine mit Ämtern und andere Verpflichtungen mit den Stundenplänen der Kinder abstimmen. Stundenpläne sind die Säule jeder guten Planung. Natürlich hat jede Schule ihre eigenen Regeln für die Zeitplanung. Und sobald man geschafft hat, den Alltag an die Pläne aller Kinder anzupassen, fällt eine Lehrkraft für einige Wochen aus und alles wird umgekrempelt.

Ich neige nicht zu Verschwörungstheorien, wirklich nicht. Wenn ich aber beobachte, wie oft drei Schulen schaffen, unabhängig voneinander, an einem einzigen Tag, oft an einem Abend, Termine festzulegen, dann könnte man schon meinen, dass da eine System dahinter steht. Dann führe ich mir vor Augen, welche Fixpunkte im Schuljahr sind, die Ferien, die Zeugnisse, die Feste, Flohmärkte und Tage der offenen Tür, dann wird mir klar, dass für die meisten Termine wirklich nur ein kleines Zeitfenster zur Auswahl bleibt.

Ich beneide LehrerInnen nicht. Der Beruf ist anstrengend, Respekt ist Mangelware und die Tätigkeit verlangt viel Verantwortung und Geduld. Für die Möglichkeit Wissen an Kinder weiter zu geben, beneide ich LehrerInnen allerdings ein bisschen. Und ich verstehe, dass man für gutes Lehren, vor allem mit den unzähligen unsichtbaren Arbeiten im Hintergrund, eine gute Planung braucht.

Gute Planung erleichtert auch das Leben der SchülerInnen. Das gilt für die Einteilung des Unterrichts ebenso, wie für die der Hausaufgaben. Als gäbe es eine geheime Absprache, sind manche Tage vollgepackt mit Hausaufgaben in jedem Fach, die unbedingt bis zur nächsten Stunde zu erledigen sind. Ich verstehe den Sinn von Hausaufgaben. Aber eigentlich sollten LehrerInnen wissen, dass sie mit ihrem Unterrichtsgegenstand nicht alleine Aufgaben verteilen. Nein, ich will nicht jammern, dass meine Kinder überfordert sind. Jede Aufgabe für sich betrachtet ist auf jeden Fall zu schaffen und das in einem angemessenen zeitlichen Rahmen. Aber wenn drei oder vier LehrerInnen an einem Tag die gleiche Idee haben „heute mal was kniffeliges,“ zu fragen, dann wird das zu einer Belastung. Die Summe macht es zu einer großen Belastung. Zuhause habe ich dann ein eigentlich lernwilliges Kind mit Schulfrust.

Nur habe ich eben nicht ein Kind zuhause, ich habe ein kleines Rudel Kinder. Wenn ich sehe, dass meine Kinder den Tag nicht mehr mit Spiel verbringen können, dann sehe ich, wie ein Teil von Kindheit zerbricht. Ja, ich weiß, das gehört zum Leben dazu, aber ich frage mich, ob es wirklich dazugehören muss. Etwa eine halbe Stunde vor dem Abendessen sind wirklich alle fertig und toben lautstark durch den Flur. Im Badezimmer unterhalte ich mich mit meiner Frau, während wir beide uns für den Abend herrichten. Ein Kind läuft gegen einen Stuhl, lautes Schmerzgeschrei, das nur ein Kühl-Pack und tröstende Worte beenden können. Niemand ist verletzt.

Später am Abend ist Elternabend – eigentlich sind es zwei. Darum rennen meine Frau und ich ein wenig hektisch zwischen Kleiderschrank, Badezimmer und Garderobe hin und her. Ihr Elternabend beginnt etwas früher, ich habe eine halbe Stunde länger Zeit. Die Aufgabe des Babysitters übernimmt unsere Tochter. Inzwischen hat sie darin schon einiges an Erfahrung und durchläuft das Vorbereitungsritual gut. „Und wenn jemand klingelt?“ – „Dann machen wir nicht auf!“ sagt sie ruhig. Wir klären ab, wer im Notfall in welcher Reihenfolge anzurufen ist. Das Ritual kennen wir alle. Inzwischen antwortet oft der Kleinste schon mit. Meine Frau verabschiedet sich, ich überprüfe noch kurz die Handys. Genug Guthaben, genug Akku, genug Datenvolumen. Und dann muss auch ich los.

Die LehrerInnen bemühen sich, den Elternabend kurz zu halten. Während ich am Handy Notizen machen, schreibe ich kurz mit meiner Frau. Ihr Elternabend ist nach nicht einmal 40 Minuten schon zu Ende. Meiner wird ein wenig länger dauern, uns werden die verschiedenen Methoden schriftlicher Rechenarten grob beschrieben. Da ich als Elternvertreterin noch einige Gespräche nach dem offiziellen Teil führen darf: Die Cafeteria beim Schulfest, das Abschlussfest vor den Sommerferien und natürlich Gespräche mit Eltern, die sich Fragen, ob ihr Nachwuchs die vielen Belastungen der Schule körperlich und geistig wohlbehalten überstehen kann. Danach ein kurzes Gespräch mit der Klassenlehrerin, das eigentlich den halben Elternsprechtag abdeckt.

Zuhause angekommen, kann ich den Kindern noch eine gute Nacht wünschen. Der Erstklässler fragt aufgeregt, wie der Elternabend an seiner Schule war und ob er denn alles richtig macht. „Ja, du machst alles richtig, du bist ganz fleißig und toll,“ sage ich ihm und erzähle ihm kurz, wie so ein Elternabend abläuft. Er ist beruhigt und schläft kurz darauf ein. Auf der Couch findet ein kurzes Briefing zwischen den Elternteilen statt. Ich erfahre: Töchterchen darf kein Handy zur Klassenfahrt mitnehmen – ich schmunzle.

Am nächsten Vormittag ruft eine Lehrerin von der dritten Schule an. Anrufe aus der Schule unseres Großen sind inzwischen Routine geworden. Gemeinsam mit den LehrerInnen versuchen wir, ihm unter die Arme zu greifen. Das klappt mal besser, mal schlechter. Spannender ist, dass ich diesmal der Lehrerin erkläre, dass ich zwar der Stiefvater, aber eine Frau bin. In dieser Woche lief alles gut – abgesehen von einem kleinen Streich, für den er sich aber schon entschuldigt hat.

Es ist nun Mittwoch kurz vor Mittag, ich koche. Neben dem Schneidbrett liegt ein Collegeblock auf dem ich Rechenbeispiele notiere. Ich gebe meinem Neffen Nachhilfe in Mathematik und stelle Übungen zusammen. Mein Handy vibriert: eine e-Mail aus dem Kindergarten, ob ich morgen Abend Zeit hätte für eine sehr kurzfristig angesetzte Elternvertretersitzung. Ja, natürlich habe ich Zeit.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da fiel mir Terminplanung leicht. Wenn ein Termin an einem Tag nicht passte, legte ich ihn auf einen anderen. Es gab eine Zeit, in der ich die Frage: „Geht Donnerstag in vier Wochen, so gegen 16 Uhr?“ einfach beantworten konnte. Inzwischen beantworte ich diese Frage wahrheitsgemäß mit: „Ich glaube, das geht in Ordnung.“

Bei dem ganzen Chaos gibt es aber einen Termin, über den ich mich freue und der etwa alle vier Wochen kommt. Kurz davor bekomme ich sogar eine Benachrichtigung auf mein Handy. Es ist die Verständigung der Stadtbücherei, dass meine Kinder einen Stapel Bücher zurück bringen müssen – und, wie könnte es anders sein,, einen neuen Stapel mit nach Hause nehmen werden. Die Mail der Bücherei, die heute wieder kam, gibt meinem Alltag ein gewisse Beständigkeit und einen Rhythmus. Alle vier Wochen. Das ist ganz nebenbei mein liebster Takt geworden.

By | 2017-10-06T23:34:06+00:00 März 13th, 2016|Zum Miterleben und Mitfühlen|0 Comments

About the Author:

Mutter von Zweien, Berlinerin, Soziologin, Bloggerin, Jessi ist die Gründerin des Blogs Terrorpüppi. Sie bevorzugt eine undogmatische Sicht auf Familie und Gesellschaft, fordert aber von sich und anderen klare Haltungen ein. Jessi liebt Schokopudding und Berlin, ist Working Mom, Serienjunkie und liebt und lebt gleichberechtigte Partnerschaft und Elternschaft. Mit ihrer soziologischen Perspektive setzt sie sich gerne kritisch-reflektiert mit familiären und gesellschaftlichen Fragen auseinander, zugleich hat sie eine unbeirrbar optimistische Lebenseinstellung.

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