Mittwoch, 13. April 2016

Nina, die Spießerin - Ninas Kaffeesätze (7)

Eine Zugfahrt, die ist lustig. Eine Zugfahrt, die ist schön? Nicht unbedingt, hängt doch auch arg von den Mitreisenden ab. Neben Ärger hat man aber auch mal die wunderbare Gelegenheit, sich selbst besser kennenzulernen und womöglich zu interessanten neuen Erkenntnissen zu gelangen. Liebe Nina, steckt nicht in jedem von uns ein Spießer?

Nina, die Spießerin

Heute sitze ich im Zug. Eigentlich hat meine Frau Geburtstag und ich ich will gar nicht wegfahren, aber ich habe einen Termin, den ich nicht verschieben kann. Vielleicht bin ich deshalb ein wenig gereizt. Ich sitze also hier, tippe in meinen kleinen roten netbook und sortiere meine Gedanken. Bis diese drei jungen Männer einsteigen. Sie lachen. 

Gut. Sie reden etwas lauter als der Rest der Passagiere. Gut. Einer spielt ein Spiel am Handy und hat dabei die Töne an. Nicht gut.
Vieles, das ich über das menschliche Zusammenleben weiß, kann man mit einem Wort zusammen fassen: Respektvoll miteinander umgehen, erleichtert vieles. Und genau dieser Respekt fehlt mir bei hier. Also stehe ich auf und gehe hin, mit der Bitte, ein wenig leiser zu sein. Als ich mich wieder setze und das Handy wieder lautstark Geräusche von sich gibt, denke ich mir: „Bin ich vielleicht zu spießig?“


Ganz im Ernst, ist es wirklich ein Problem, wenn mal ein paar Handys Lärm machen? Oder wenn mal Müll rum liegt? Oder wenn… Verdammt, mein Gehirn schreit schon jetzt: JA, JA, JA, es ist ein Problem. Sowas tut man nicht, also hat das auch niemand sonst zu tun. Oh Goth, ich bin spießig. Irgendwo auf dem Weg von meiner Kindheit zur Familie mit vier Kindern ist es passiert. Dabei hätte es wirlklich gereicht, wenn ich erwachsen geworden wäre, aber ich habe Spießigkeit bekommen.

Wann genau ist das denn passiert? Einen genauen Zeitpunkt kann ich wirklich nicht sagen, aber ich merke, dass ich eigentlich schon immer zu brav war. Ein Teil von mir war außerordentlich darauf bedacht, Regeln einzuhalten. Bereits als Kind fiel es mir schwer, Regeln bewusst zu brechen. Es ist nicht unbedingt so, dass ich mich zwanghaft immer an Regeln hielt, aber meine Rebellion fand zum Großteil innerhalb definierter Grenzen statt. Ich habe mich zum Beispiel nie absichtlich betrunken, das konnte ich mir auch nie wirklich vorstellen. Was nicht heißt, dass ich komplett unschuldig blieb, aber das ist eine andere Geschichte. Ich mochte Regeln und Strukturen schon immer.
Ich lese meinen Text und schmunzle. Vor ziemlich genau einem Jahr haben wir uns als ganze Familie bei der Kleingartenanlage vorgestellt, um einen Garten zu bekommen, ein paar Wochen später waren wir SchrebergärtnerInnen. Wenn ich das Bild unserer kleinen Regenbogen-Patchworkfamilie ansehe, dann ist das alles andere als spießig.Und irgendwie ist das genau meine Art, zu rebellieren. Ich bringe meine Gedanken, mein Wesen und wenn es passt meine Familie mit ein und da ist dann reichlich frischer Wind.
Aber jetzt bin ich froh, dass der nächste Bahnhof zu sehen ist und die drei jungen Männer aussteigen. Das Handy dudelt noch immer, die drei grinsen mich doof an, aber bald habe ich Ruhe und kann einen Text schreiben. Ein Thema habe ich auch schon: Nina, die Spießerin.

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