Ich pass auf dich auf

Ich werde wach. Es ist noch dunkel in meinem Schlafzimmer. In unserem Schlafzimmer. Deine kleinen Ärmchen haben im Schlaf nach mir gesucht und sich eng um meinen Hals geschlungen.

Ich bekomme keine Luft. Nicht, weil mir die vertraute und innige Umarmung körperlich das Atmen erschwert. Vielleicht doch. Die Liebe zu dir raubt mir manchmal für kurze Momente den Atem. Ich halte die Luft an und die Zeit bleibt stehen.

Deine kleinen Ärmchen, wie sie sich so eng umschlungen an mir festhalten. Sicherheit suchen. Ich verspreche dir: Ich pass auf dich auf.

Ich passe auf dich auf, so gut ich es eben kann. Ich passe auf dich auf, indem ich die Grundlage dafür lege, dass du stark sein kannst, wenn du es musst und ebenso schwach sein darfst, wenn du nicht stark sein kannst. Denn was auch geschieht: Ich bin da.

Ich bin dein Sicherheitsnetz.Und du bist meines.

Die Liebe, die ich in diesem dunklen Schlafzimmer, in dieser innigen Umarmung vor Augen geführt bekomme, obwohl ich nichts sehe und doch zugleich alles sehen kann, ist alles. Alles was zählt.

Wenn Du traurig bist, dann küsse ich deine Tränen hinfort

Du bist entstanden aus einer besonderen Liebe heraus. Diese Liebe ist mit dir noch größer geworden und zugleich ist die Liebe zu dir ganz anders. Existenziell. Wie ein Naturgesetz. Sie brach bereits über mich herein, als du noch nicht mehr als ein winziger Klecks auf einem Gemälde warst.

Wie eine Naturgewalt zog mich diese Liebe in ihren Sog, als ich dich zum ersten Mal in meinen Armen hielt.

Und wie eine Naturgewalt eroberst du nun diese Welt. Ich pass auf dich auf. Aber du passt auch auf dich selbst auf. Du bist so stark.

Doch diese Naturgewalt ist nicht nur stürmisch, sondern auch unsagbar zart. Sie schmiegt sich an, liebkost meine Seele und ist wie ein Versprechen. Ein Versprechen, dass alles gut ist, so wie es ist.

Wenn du traurig bist, mein Kind, dann küsse ich deine Tränen einfach hinfort.

Die Liebe zum Kind: Einmalig und doch universell

Meine Gefühle zu dir in diesen Worten beschrieben. Sie werden der Wirklichkeit nicht gerecht. Die Umarmung, mit der du mich aus meinem Schlaf gerissen und mich zugleich in wundersame Träume geschickt hast, sind meine Wirklichkeit.

Im Alltag ist es nicht immer unbeschwert. Zu schnell verliert man aus den Augen, was wirklich zählt. Du zählst. Ich pass auf dich auf.

Langsam löse ich mich aus deiner Umarmung. Noch einmal sauge ich deinen Duft in mich hinein. Ich sage nicht auf Wiedersehen. Ich bin da, auch wenn ich gerade nicht bei dir bin. Und heute Abend, da liege ich wieder neben dir. Rieche dich, höre dich, spüre dich.

Nun stehe ich auf dem Bahnsteig. Mit Gedanken bin ich noch halb bei dir und doch schon halb auf Arbeit. Ich blicke hoch und sehe eine Frau. Sie ist schwanger. Sie hat eine Hand auf ihren Bauch gelegt. Sie lächelt. Auch sie passt bereits auf. Sie passt auf das Leben, die Liebe in ihr auf.

Epilog

Ich hätte diese Frau auf dem Bahnsteig noch gerne eine Weile betrachtet. Sie erinnerte mich an mich selbst. Sie erinnerte mich an dich. Wäre sie eine Freundin gewesen oder eine Bekannte, die mein Herz berührt hätte, dann würde ich ihr vielleicht dieses Buch schenken. Ich pass auf dich auf. Die Liebe zu einem Kind lässt sich immer nur unvollständig in Worte fassen. Auch ein Bild dieser Liebe ist immer unvollendet – und doch reicht manchmal eine Geste, die zeigt: Ich verstehe dich, denn ich fühle genauso. Ich bin genauso überwältigt wie du.

Ich würde ihr vielleicht genau dieses Buch schenken, weil es in Wort und Bild die Naturgewalt der Liebe einer Mutter zu ihrem Kind wiedergibt, ohne dabei zu versuchen, diese universelle und doch zugleich immer einzigartige Liebe in ihrer Vollständigkeit abzubilden.

Dieses Buch ist eine wunderschöne Geste. Eine Geste, welche auf die Worte selbst nicht einmal angewiesen ist und die doch, durch ihr Erscheinen im zweisprachigen Gewand, Grenzen überschreitet.

 

 

 

About the Author:

Mutter von Zweien, Berlinerin, Soziologin, Bloggerin. Jessi ist die Gründerin des Blogs Terrorpüppi. Sie bevorzugt eine undogmatische Sicht auf Familie und Gesellschaft, fordert aber von sich und anderen klare Haltungen ein. Jessi liebt Schokopudding und Berlin, ist Working Mom, Serienjunkie und liebt und lebt gleichberechtigte Partnerschaft und Elternschaft. Mit ihrer soziologischen Perspektive setzt sie sich gerne kritisch-reflektiert mit familiären und gesellschaftlichen Fragen auseinander, zugleich hat sie eine unbeirrbar optimistische Lebenseinstellung.

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  1. Wiebke Verflixter Alltag 7. Juli 2016 at 22:02 - Reply

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