Let’s talk about fame, baby! – Ninas Kaffeesätze (16)

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Let’s talk about fame, baby! – Ninas Kaffeesätze (16)

Nina und ihrer Familie geht es nicht um Berühmtheit, sondern darum, andere für das Leben von Regenbogenfamilien zu sensibilisieren. Sie wirkt sehr stark vor der Kamera. Nein, sie ist sehr stark vor der Kamera. Doch hinter der Kamera ist ihr Leben als Transfrau alles andere als sorgenfrei. Eigentlich geht es heute um „Fame“. Uneigentlich aber darum, wieso es Nina nicht gut geht. Warum sie am Verzweifeln ist. Was damit die Krankenkasse und das Fernsehen zu tun hat, lest ihr heute.

lieben Gruß
Jessi aka Terrorpüppi

Ninas Kaffeesätze


Let’s talk about fame, baby!

von Nina alias Frau Papa

Morgens im Badezimmer etwas genauer hinsehen. Heute nehme ich mir ein paar Minuten mehr Zeit, ziehe den Lippenstift genauer, sehe zu, dass die Wimperntusche nicht klumpt und zupfe deutlich länger an meinen Haaren herum. Heute kommt ein Kamerateam, heute kommt das Fernsehen.

Nein, ich bin nicht sonderlich aufgeregt. Der Redakteur hat im Vorfeld das Konzept vorgestellt und dabei auf meine Bedürfnisse (und die meiner Familie) Rücksicht genommen. Alles wird gut. Vor der Kamera bin ich ohnehin meistens ruhiger als die Zeit bevor der Dreh losgeht. Ich bin eine Rampensau. Wenn ich eine Bühne betrete bin ich nervös, bis die Scheinwerfer angehen, dann geht der Puls runter und ich tauche in einen Zustand voller Konzentration.

während der Dreharbeiten kommt die Post vom EMOTION.award

So wird es mir auch heute gehen. Nur mit einem kleinen Haken: meine Haut belastet mich. Gestern wollte ich meine Arme und meine Brust rasieren… nur die sichtbaren Bereiche… Derzeit spüre ich, dass meine Haut mehr als gereizt ist, die Neurodermitis ist spürbar nah. Ich kann es nicht beschreiben, es ist ein Schmerz am ganzen Körper. Ich habe einen kleinen Streifen am Bein rasiert, gerade mal 10 cm, dann war klar: wenn ich weiter mache, wird die Neurodermitis nicht nur spürbar, dann wird sie wieder voll ausbrechen, sichtbar und unberechenbar.

Gestern lag ich dann in der Wanne und weinte. Nicht nur, dass es sich nicht gerade weiblich anfühlt, die Brüste zu rasieren oder Bartstoppeln drauf zu haben, die Haare am Oberkörper belasten mich. Ich weiß, dass man sie sehen kann, dass ich dann als Mann wahrgenommen werde – für mich ist die Körperbehaarung eine größere Belastung als meine Genitalien.

Mein Antrag auf Haarentfernung ist bei der Krankenkasse. In den nächsten 2 Wochen muss er bearbeitet und beantwortet sein… aber meine Chancen stehen nicht gut. „Normale Frauen haben auch Probleme mit der Behaarung,“ sagte mir ein Mitarbeiter der Barmer vor ein paar Wochen am Telefon. Ja, das ist richtig und es ist zum Kotzen, dass diese Frauen keine Hilfe und Behandlung bekommen. In einer Zeit, in der jedes Körperhaar außerhalb des Intimbereichs bei Frauen… ach, lassen wir das.

Ich bin müde und erschöpft. Ich kämpfe nun schon so lange und habe noch immer meinen Bart, die haarigen Schultern, den wolligen Rücken und den Brustbart auf den weiblichen Rundungen. Und irgendwo in einem Büro sitzt eine Person, die meine Probleme wahrscheinlich nicht im Ansatz nachempfinden kann und entscheidet über meinen Antrag… über meine Behandlung, die meine Ärzte für notwendig halten.

Und heute kommt das Fernsehen. Ich werde lächeln und über Familie sprechen. Ich werde versuchen meine Probleme anzusprechen und hoffe, dass es ein Satz davon in den Beitrag schafft… ein kleiner Satz, der zeigt, wie schwer es ist, die nötige medizinische Behandlung zu bekommen – selbst wenn sich alle Ärzte einig sind.

Und in einer Woche, wenn ich live im Studio sitze, möchte ich am liebsten den Sachbearbeiter meiner Krankenkasse grüßen.

Für die Krankenkasse bin ich eine Nummer, denn der zuständige Sachbearbeiter kennt mich nicht und wird mir wahrscheinlich auch nie im Leben begegnen. Ich bin eine Fremde, eine Zahl, ein Aktenkennzeichen und ich will etwas – für die Krankenkasse ist es ja nicht so, dass ich das brauche, sondern etwas, das ich gerne haben möchte – ich will etwas, das keine Standardleistung ist. Ich will meine Körperbehaarung los werden und das dauerhaft. Tipps wie rasieren, epilieren, Wachs und Enthaarungscreme nehme ich gerne an – schüttle den Kopf und seufze einmal tief: Neurodermitis heißt das Schlüsselwort. Keine der Behandlungen ist lange wirksam und meine Haut spielt einfach nicht mit. Aber das zu vermitteln ist schwer.

Noch schwerer ist es, wenn ich vermitteln will, wie sehr es mich belastet. Dass ich mir schon Gedanken gemacht habe, mir etwas anzutun, weil meine Haut statt glatt und weich zu sein einfach nur stoppelig und schmerzend war, das kann ich kaum vermitteln. Mein Ärzte bestätigen zwar, dass ich unter den Haaren leide, aber ob das der/die Sachbearbeiter*in wahrnimmt und berücksichtigt? Ich habe keine guten Karten, die Chancen, die nötige und mögliche Behandlung zu bekommen, sind gering. Zu oft wird selbst die Entfernung des Bartes von den Kassen nicht genehmigt – was wohl daran liegt, dass zu wenige betroffene Menschen die Behandlung einklagen (die Chancen für eine Klage sind bei Bart relativ groß). Meine Chancen, dass ich den Brustbart und die Haare an Schultern, Bauch und Rücken jemals los werde, sind sehr gering.

By | 2017-10-06T23:05:26+00:00 Juni 13th, 2017|Familie ist bunt. Arbeiten auch|0 Comments

About the Author:

Mutter von Zweien, Berlinerin, Soziologin, Bloggerin, Jessi ist die Gründerin des Blogs Terrorpüppi. Sie bevorzugt eine undogmatische Sicht auf Familie und Gesellschaft, fordert aber von sich und anderen klare Haltungen ein. Jessi liebt Schokopudding und Berlin, ist Working Mom, Serienjunkie und liebt und lebt gleichberechtigte Partnerschaft und Elternschaft. Mit ihrer soziologischen Perspektive setzt sie sich gerne kritisch-reflektiert mit familiären und gesellschaftlichen Fragen auseinander, zugleich hat sie eine unbeirrbar optimistische Lebenseinstellung.

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