Sonntag, 30. Juli 2017

Gibt es überhaupt Schutz für unsere Kinder vor sexueller Gewalt und Missbrauch?



Trotz der nun eingekehrten sommerlichen Leichtigkeit der Ferienzeit möchte ich heute über ein schwerwiegendes und sehr wichtiges Thema schreiben. Ich las die Tage einen Kommentar einer Mutter, die ihr Unverständnis über Eltern äußerte, die ihren Mädchen unter Röcken neben einer Unterhose noch andere Hose anzögen, um sie vor sexueller Gewalt zu schützen. Das brachte an anderer Stelle noch eine kontroverse Diskussion hervor. Ich nehme das zum Anlass, um über sexuelle Gewalt an Kindern zu schreiben. Nicht weil ich irgendwem unterstelle, er/ sie würde Kinder nicht schützen. Nicht weil ich denke, dass man Kindern Hosen über Hosen anziehen muss. Ganz und gar nicht. Nein, ich möchte mich vielmehr für Bewusstheit im Umgang mit sexuellem Missbrauch aussprechen. 

Selbstverständlich ist ein Nein ein Nein, selbstverständlich geht es nicht darum, Opfern vorzuhalten, sie hätten mit ihrer Kleiderwahl Schuld, aber leider ist es nicht so einfach, wie wir uns es vielleicht wünschen würden. Es gibt Menschen, insbesondere trifft das bei Männern zu, die bei bestimmten Anblicken Lust empfinden und das auch in Handlungen umsetzen. Kinder sollen Kinder sein dürfen, nackig umhertollen und nicht Angst haben müssen. Daher ist es die Verantwortung der Eltern, sie vor Übergriffen zu schützen UND ihnen trotzdem den notwendigen Freiraum zu schaffen. 



Ich habe als Psychologin und Psychotherapeutin mit traumatisierten Frauen gearbeitet, habe in einigen Therapien von pädosexuellen Gedanken und Phantasien langjähriger Patienten erfahren, über die sie selber schwer erschrocken waren und habe noch während des Studiums in einer Einrichtung, in der Kinder und Jugendliche ohne ihre Eltern untergebracht wurden,  entsetzliche Dinge miterlebt, die Kindern teilweise von den eigenen Vätern angetan wurden. Im Laufe der Jahre habe ich auch von mehreren langjährigen Freundinnen vermehrt von eigenen sexuellen Übergriffen, oftmals über Jahre hinweg, in der Kindheit erfahren. Mich begleitete daher das Thema beruflich und privat eine lange Zeit und es ist mir eine Herzensangelegenheit, einige Aspekte (mit-) zu teilen.

Zum Opfer gemacht 

 

Gestern las ich irgendwo (sorry, weiß nicht mehr wo und wie verlässlich die Quelle ist, hat das vielleicht noch jemand gelesen?), dass Kinder sich acht Mal an einen Erwachsenen wenden müssen, bis ihre Not wahrgenommen wird. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass nicht sein kann, was nicht sein darf und dass die meisten Eltern eine unfassbare Angst haben, dass ihren Kindern etwas zustoßen könnte. Dass wir verdrängen, dass unseren Kindenr etwas zustoßen könnte, ist eigentlich auch ganz gut, denn sonst würde sich niemand mehr frei bewegen, aber manchmal lässt es einen nicht wahrnehmen, wenn Missbrauch geschieht. Neben den ignorierten Opfern habe ich andererseits auch Patienten erlebt, die sich durch hysterische Reaktionen der Eltern nicht mehr gesehen fühlten, die den Eindruck hatten, ihren Eltern sei das Leid zugefügt worden. Kinder werden nach der Tat also manchmal tatsächlich nochmal zu Opfern, weil unangemessene Reaktionen stattfinden.
 
Es sind KEINE Einzelfälle
 
Jeden Tag werden Kinder sexuell missbraucht. In den meisten Fällen handelt es sich nicht um den fremden, unbekannten Täter, sondern um Täter aus dem Umfeld der Familie. Das macht es entsetzlich gruselig, wie ich finde. Die Vorstellung, ein Freund, Bruder, Onkel, Opa, langer Vertrauter könnte sich am eigenen Kind vergehen, bringt unsere Welt vollkommen durcheinander. Aber das passiert eben, sogar häufiger als wir denken.

Offizielle Statistiken wie die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) berichten jährlich von mehr als 14.000 Kindern in Deutschland, die Opfer von sexuellem Missbrauch werden. Drei Viertel der Opfer sind weiblich. Allerdings bilden solche Statistiken nur einen Teil des Phänomens „Sexueller Missbrauch“ ab und unterschätzen das Gesamtausmaß stark, da sie nur die angezeigten Fälle (Hellfeld) erfassen. Nationale und internationale Dunkelfeldstudien (Befragungen, die die stattgefundenen, aber nicht angezeigten Delikte erfassen) berichten, dass 15-30% aller Mädchen und 5-15% der Jungen in ihrer Kindheit Opfer von sexuellem Missbrauch werden. (Quelle Mikado- Studie )

Täter

 

Wie gerne würden wir glauben, dass man einem Menschen ansieht, was für mitunter abscheuliche Gedanken er hat. Aber das geht nicht. Es ist eben auch nicht gesagt, dass Gedanken, von pädosexuellen Handlungen etc., dazu führen, dass jemand ein Kind missbraucht. Es gibt Untersuchungen, die in die Richtung weisen, dass die Legalisierung von Kinderpornografie zu einer Abnahme von sexuellem Missbrauch führt. Das lässt den Gedanken zu, dass es Menschen gibt, die durch den Konsum von Kinderpornografie von Taten abgehalten werden. Es ist jedoch aus meiner Sicht ein Teufelskreis: diese Videos müssen schließlich produziert werden und dazu müssen Kinder leiden. Ein beklemmender Gedanke ist meiner Meinung nach derjenige, dass vielleicht so Taten auch verhindert werden können. Andererseits ist aus Befragungen von Tätern auch bekannt, dass sie sagen, dass ihnen irgendwann nicht mehr reicht, was sie sehen, sie wollen mehr. 

Ich möchte auch auf folgenden Aspekt aufmerksam machen, der in diesem Artikel ausführlich dargelegt ist: das Gehirn pädophiler Menschen funktioniert anders. Der anteriore cinguläre Cortex scheint stärker innerviert bei Betrachtung von kindlichen Nacktbildern als bei nicht Pädophilen und da der ACC an der Kontrolle von Impulsen beteiligt ist, kann durch das Betrachten eines nackigen Kinderkörpers durchaus ein Handlungsimpuls entstehen. 
Muss man nun seine Kinder verhüllen? Ich mache das nicht und bei mir wird auch nackt durch den Garten getollt, aber ich beobachte mein Umfeld in diesen Situationen, weil mir das ein bisschen Sicherheit und Kontrolle vorspielt, die ich letztlich gar nicht habe. Ich glaube, es gibt da keine definitiven Ratschläge, sondern  nur ein offenes Auge, Ohr, Kopf und Herz, um vielleicht wahrzunehmen, was vor sich geht. Natürlich ist ein selbstbewusstes Auftreten und die Fähigkeit eines Kindes, Grenzen zu setzen ein guter Prädiktor, um nicht Opfer zu werden. Der Täter sucht sich in den meisten Fällen tatsächlich oft ein leichtes Opfer. Hier liegt auch die notwendige Unertscheidung zwischen pädophil und pädosexuell: Pädosexuelle sind oftmals nicht in der Lage, altersentsprechende Partner zu finden, sie brauchen nicht prinzipiell Kinder, um sexuell erregt zu werden, sie nehmen Kinder aus der Unfähigkeit andere Geschlechtspartner zu finden. Jemand, der pädophil ist, "liebt" den kindlichen Körper und wird durch ihn sexuell erregt.

„Wenn ich ein Kind auf der Straße gesehen habe, das mir gefiel, dann ging sofort das Kopfkino an: Wie wäre es mit diesem Kind im Bett? Um die Erregung abzubauen, bin ich dann ins Internet und habe mir Pornos mit Kindern angeschaut.“ Der Mann – nennen wir ihn Markus – ist offen und direkt. Markus erzählt, wie zweimal die Polizei frühmorgens zur Hausdurchsuchung kam. Wie er beim ersten Mal seiner Familie gestehen musste, dass er Kinderpornos schaue. Wie seine Frau aufgeregt die drei Töchter und den Sohn fragte, ob sie vom Vater missbraucht worden waren. „Meine Kinder habe ich nicht angefasst“, versichert er. Aber der Versuchung im Internet konnte er nicht widerstehen. Manchmal sei er stundenlang durchs Netz gesurft, auf der Suche nach neuen Videos. „Danach bekam ich Schuldgefühle. Ich dachte: Ich bin ein Monster.“ Die breite Bevölkerung sieht das wohl auch so.

Sexuelle Gewalt ist eben nicht Sexualität, sondern Befriedung und Macht

 

Sexualität ist in jedem Menschen seit Anbeginn enthalten, wie sie sich ausprägt und entwickelt, das ist dann höchst individuell. Schon Babys haben ihre eigene Sexualität und gewinnen Lust durch körperliche Stimulierung und die Sexualität ist etwas Herrliches, auch als Kind.  Es ist als Kind keine genitale Sexualität, aber es ist Lust am und mit dem Körper und das ist Sexualität. An der Stelle möchte ich kurz darauf kommen, dass es hier um eine zu ziehende Grenze geht: es geht um Bedürfnisaufschub, dass die genitale Sexualität eben erst zwischen halbwegs Erwachsenen stattfindet und dass das Kind davon ausgeschlossen ist. Diese deutliche Grenze ist vielleicht enttäuschend, aber sie ist notwendig zum Schutz des Kindes. Es ist eine Grenze, die wir einem Kind setzen müssen, wenn die Vierjährige dem Papa z.B. am Penis zieht. Es braucht hier ein liebevolles Nein mit dem Verweis auf später und nicht bei Papa. So zeigen wir, dass es körperliche und sexuelle Grenzen gibt und dass es eben nicht ok ist, wenn ein Erwachsener sexuelle Handlungen vornimmt oder den Genitalbereich berührt oder berühren lässt.

Nun ist es aber so, dass der Anblick einer kindlichen Vagina/ Penis durchaus Gedanken auslösen kann und dass das nicht unnormal ist, denn wir Erwachsenen wissen,  was es damit auf sich hat. Lacan nennt es die „rätselhafte Botschaft“, die ein Kind nicht entziffern kann, die aber durch den um die genitale Sexualität wissenden Erwachsenen in den Raum mit eingebracht wird. Wenn ich beim Anblick des nackig mit gespreizten Beinen sitzenden Mädchens an etwas Sexuelles denke, dann macht das Angst und wird oft verdrängt. Das gelingt jemandem diesbezüglich Gesunden natürlich auch, aber jemand, der pädophil veranlagt ist, dem wird das Verdrängen unfassbar schwer fallen und es bedeutet eine große Impulskontrolle, die dann vielleicht entstehenden Wünsche nicht in die Tat umzusetzen. Gedanken, wie auch immer wir sie bewerten, sind jedem erlaubt und wichtig. Wie sonst würden sich Krimis, die abscheuliche Taten schildern, so gut verkaufen? Das sind ja nicht alles sadistische Serientäter, die das lesen, sondern es dient gewissermaßen dem Ausleben von aggressiven Impulsen in der Fantasie.

Es gibt etliche potentielle Täter, die große Angst davor haben, sich ihren Fantasien hinzugeben.  Dafür wurde das wunderbare Projekt „KeinTäter werden“ ins Leben gerufen und hilft einer Vielzahl von Menschen, ihre pädophilen Neigungen nicht auszuleben. Mir ist es wirklich wichtig darauf hinzuweisen, dass Gedanken und Fantasien sein dürfen, dass es abnorme Sexualität gibt und dass viele dieser Menschen wirklich leiden. Es hat mit sehr viel Impulskontrolle zu tun, seinem Verlangen nicht nachzugeben. Jemand, der diese Impulse nicht kontrollieren kann, wird tatsächlich meistens in der Sicherungsverwahrung einer forensischen Psychiatrie untergebracht bis mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Gefahr mehr von ihm ausgeht, manchmal ist das nie der Fall.

Kindern keine Angst machen, als Eltern aber dennoch wachsam sein

 

Ich nehme an, dass die meisten Eltern sich die Unversehrtheit ihres Kindes wünschen. Natürlich soll und muss ein Kind sich nicht mit der erwachsenen Sexualität auseinandersetzen, das wäre viel zu viel. Diese „rätselhafte“ Botschaft ist eben noch nicht entzifferbar und deswegen ist es die Aufgabe der Eltern einen sicheren Begegnungsraum zu schaffen, indem Kinder sich und ihren Körper sicher erkunden dürfen.
Als Eltern können wir aber im Kopf haben, dass es Menschen gibt, die sich erregt fühlen, wenn sie einen kindlichen Penis oder eine Vagina sehen und dass es davon auch einen gewissen Anteil gibt, der seine Impulse nicht kontrollieren kann.


Ich befürchte, dass für einige der Text unbefriedigend ist, weil er keine Handlungsanweisung liefert oder gar Verständnis (nicht Zustimmung!) für pädophile Gedanken beinhaltet, aber ich hoffe, dass ich insofern richtig verstanden wurde, als dass ich mich gegen den Missbrauch von Kindern ausspreche.
Es gibt kein richtiges Verhalten und Hosen über Schlüpfern schützen nicht zwangsweise. Aber wir Eltern sollten uns nicht vor der Möglichkeit verschließen, dass unsere Kinder Opfer werden könnten. Das kann passieren und ist nur schwer auszuhalten, insbesondere wenn man die eigenen Kinder frei und unbeschwert aufwachsen lassen möchte. Man kann aber nur auf etwas Wahrgenommenes reagieren, wenn man sich überhaupt gestattet, diese ängstigenden und bedrohlichen Gedanken zuzulassen.

Für die kindliche Unversehrheit,

Madame FREUDig, die sich über weiteren Austausch und Meinungen immer freut



Madame FREUDig ist als Psychologin und Psychotherapeutin an fundierten Darstellungen interessiert. Sie hat mit allen Altersgruppen von 0- 70 Jahren gearbeitet und fühlt sich durch ihr eigenes Muttersein und die verschiedentlich gemachten Erfahrungen darin bestärkt, einer breiteren Masse ein psychodynamisches Verstehen nahezubringen. Dabei geht es eben nicht vorrangig darum Ratschläge zu erteilen, sondern um eine Art des Denkens, Fühlens und Verstehens. Sie versucht, die Erkenntnisse aus den Therapien mit unterschiedlichen Menschen und den Wahrnehmungen des Alltags bei sich und anderen aus dem Blickwinkel der Therapeutin zu beleuchten und verständlich zu machen, was der sich entwickelnden Psyche schadet und was sie braucht, um sich gut entwickeln zu können. Seit Juni 2017 schreibt sie daher regelmäßig auf dem Blog ihrer langjährigen Freundin Jessi, der Betreiberin von Terrorpüppi.

Sie lebt mit Mann, Kind und Katern gerade noch so in Berlin, begegnet ihrer Tochter und anderen bedürfnisorientiert und um Verstehen bemüht und setzt sich für das Wahrnehmen eigener und fremder Bedürfnisse ein, weil Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt nicht falsch sein kann, glaubt sie.

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