Donnerstag, 27. Juli 2017

Eine normale Familie. Mehr Gleichberechtigung als das Klischee (Gastbeitrag)

Es ist verdammt langer her, da war Steffi schon einmal Gast auf diesem Blog. Damals, es ist nun schon fast zwei Jahre her, schrieb sie über ihre Begegnungen mit Fremden, über Vielfalt und Bereicherung. Bei Twitter hatte ich nun ein wenig rumgefragt, wer denn Lust hätte - und sich eben auch entsprechend angesprochen fühlt -  bei einer Interviewreihe mitzumachen. In dieser wird es (ab Herbst) um gleichberechtigte Elternschaft abseits der Rosa-Hellblau-Falle gehen. Steffi meldete sich, nicht um mitzumachen, sondern weil sie wissen wollte, wie ich das denn genau meine. So mit gleichberechtigter Elternschaft und so. Ich deutete es ihr an und sie meinte von sich aus, dass sie dann wohl nicht ganz passen würde. Zugleich aber ließ sie das Thema nicht los und so schrieb sie mir spontan diesen Gastbeitrag. Ich glaube - und da interpretiere ich jetzt vergleichsweise frei -, dass sie das Thema deshalb nicht losließ, weil sie vielleicht keine gleichberechtigte Elternschaft, aber über die Jahre in der Summe eine gleichberechtigte Partnerschaft gelebt hat. 
Eine gute Elternschaft - das möchte (und muss ich wohl für den einen oder anderen auch) betonen, hängt nicht monokausal von diesem "gleichberechtigt" ab. Gute Elternschaft ist vor allem ganz viel Liebe, aber das ist ein anderes Thema... Steffi jedenfalls kenne ich nun schon ziemlich lange über Twitter und ich habe mir erlaubt, den Titel ihres Beitrags um eine Unterüberschrift zu ergänzen. Steffi ist (oder vielmehr war) nämlich keine Klischee-Hausfrau, die in Abhängigkeit von ihrem Mann zu Hause Pinterest-Ideen verwirklichte. Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit und auch nicht nur Erwerbsarbeit plus Hausarbeit. Und man muss auch nicht in einer rosa-hellblau-getrennten Gedankenwelt leben, um sich temporär aus dem Erwerbsleben zurückzuziehen. Steffi beschreibt nachfolgend nicht nur einfach ihre Erfahrungen und Beweggründe, sondern auch die Schlüsse, die sie aus ihren Entscheidungen und Erfahrungen gezogen hat. Viel Spaß beim Lesen!

Lieben Gruß
Jessi aka Terrorpüppi





Wir sind eine ganz normale Familie

Wenn in einem klassischen Familienmodell mehr Gleichberechtigung steckt als vermeintlich modernen Familienkonstellationen

von Steffi

Wir sind eine ganz normale Familie. Sowas von normal, dass es anachronistisch anmutet. Vater, Mutter, Sohn, Tochter. Wir sind das Plakat einer konservativ-christlichen kleinbürgerlichen Familie, und wir lieben es, so zu leben.

Meine Herkunftsfamilie war genauso eine wie meine jetzige. Als progressiv oder revolutionär hätte ich sie nie beschrieben. Doch mein Vater war in den frühen 70ern einer der ersten, die zur Geburt mit in den Kreißsaal gingen, der zu Hause wickelte, badete, Kotze wegwischte, was man eben so tut, wenn man Kinder hat. Ich habe dutzende Fertigkeiten von ihm gelernt, Radfahren, Schwimmen, Skilaufen, Fahrradreparieren, Sägen, einfach, weil er DA war. Kinder, die ihre Väter nie zu Gesicht bekamen, weil sie Ärzte, Bürgermeister oder Kiesgrubenbesitzer waren, haben wir bedauert. Mein Vater war Professor, aber nicht mit seinem Beruf verheiratet. Legendär die Geschichte, als er auf einer Party nach seinem Arbeitsort gefragt wurde. Er: Hochschule. Frage: Ach, sind sie da Hausmeister? Meine Mutter war lange nicht erwerbstätig. Doch sie hatte als junge Frau meinem Vater das Studium finanziert und neben dem Job ehrenamtlich Sozialarbeit in den dunkleren Vierteln ihrer Stadt geleistet. Dann war sie Hausfrau und dann wieder stundenweise im Job und wir bekamen einen Hausschlüssel.

Ich bin aufgewachsen mit dem absoluten Selbstverständnis, alles werden zu können, was ich möchte. Mein Vater drängte darauf, dass ich Abitur machte und studierte. Mir kam überhaupt nicht in den Sinn, dass ich mich einmal entscheiden müsste zwischen Karriere und Kindern. Meinen Mann heiratete ich, weil ich ihn liebte, nicht weil „etwas“ unterwegs war. Ich zog zu ihm, weil er im Institut der Uni seine Dissertation schrieb. Er ging mit mir, als er arbeitslos wurde und ich einen Job in Norddeutschland bekam. Unser mageres Einkommen lag immer auf einem gemeinsamen Konto. Ich erinnere mich an einen Termin beim Steuerberater, der irritiert fragte, warum ich Steuerklasse 3 habe und mein Mann 5. Für uns war es total egal, wer mehr verdiente. Hauptsache, wir hatten was zu beißen und konnten unsere Miete bezahlen. Mit den Kindern tauschten wir. Ich nahm Erziehungszeit, hauptsächlich aus zwei Gründen: 1. Mein Mann hatte überraschend und angesichts seiner Fachrichtung wider unseres Erwartens seinen Traumjob gefunden, der allerdings befristet war. Ich dagegen hatte durch meine Arbeitsbedingungen jederzeit die Möglichkeit, aus- und wieder einzusteigen. 2. Job und Baby funktionierte nicht. Ich stand nach einem halben Probejahr dermaßen unter Strom, dass ich mich hinsetzte und überlegte, was für ein Leben ich führen möchte. Und ich spürte, was mich glücklich machen würde: bei den Kindern zu sein. Geplant waren 6 Jahre Elternzeit. Dass ich dann deutlich mehr Urlaub vom Vollzeitjob nahm, lag daran, dass zum einen mein Sohn eine schwere Angststörung entwickelte und wir zum anderen eine Ehrenamtsarbeit für benachteiligte Kinder in den Schoß gelegt bekamen.

Jahrelang war es für mich sehr verletzend, wenn mich jemand fragte, was ich überhaupt den ganzen Tag machte, oder warum ich „nicht arbeite“. Ich arbeitete (ich habe es wirklich mal überschlagen) über die ganzen Jahre 8-10 Stunden am Tag, als Minijobberin, im Schulvorstand, als Geschäftsführerin unseres Vereins, in der Nachhilfe, als Flöten-, Schlagzeug- und Tanzlehrerin und, und, und. Aber wie sollte ich das meinen Gesprächspartnern deutlich machen? Immer fiel ich in eine Verteidigungsrolle. In den letzten Jahren habe ich vermehrt mit Müttern mit Vollzeitjob gesprochen, die mir erzählen, ICH hätte es doch gut, SIE würden ständig angegriffen, als Rabenmütter bezeichnet. Da fing ich an zu begreifen: Mütter, egal, wie sie leben, sind ein leichtes Ziel. Als sei allein das Muttersein ein Makel, ein Zeichen für Unselbstständigkeit, Unvermögen, Herzlosigkeit oder was auch immer. Und dass sie sich gegenseitig angreifen und ihr jeweiliges Lebenskonzept verurteilen, vertieft dieses schlechte Bild. Wie sind wir dahin gekommen? Sind wir vielleicht einer zutiefst männlichen Sicht auf die Welt, die Leistung, Produktivität und Konkurrenz über alles stellt, auf den Leim gegangen? In den letzten Jahren vertieft sich bei mir der Eindruck, dass wir in eine Falle gelaufen sind. Und es sind nicht die Frauen, die uns in diese Falle gelockt haben.

Ich bin unendlich dankbar, dass sich die Männer meines Lebens dieser „Männerwelt“ entzogen haben, ohne „Waschlappen“ zu werden. Mein Mann hat alles getan, was man so tut, wenn man Kinder hat: gewickelt, gebadet, Kotze weggewischt. Ich habe gemerkt, dass ich keine Übermutter bin. Ich habe nie Raumschiffe aus Äpfeln geschnitzt, Kindergeburtstage waren für mich eine Qual, Müttercafés auch. Ich habe die ganze Zeit gelesen, geschrieben, bin auf Seminare gefahren, habe eine 2jährige Fortbildung gemacht, habe das Leben gelebt, das ich mir gewünscht habe. Bin ich privilegiert? Ja, ich glaube schon. Aber ich habe auch auf Materielles verzichtet, um dieses Leben zu haben. Das war meine – unsere – Entscheidung, und keiner hat das Recht, uns dafür zu verurteilen. Genauso, wie niemand eine Mutter verurteilen darf, die nach einem Jahr wieder in den Beruf einsteigt. In meinem engsten Umfeld gibt es so eine Mutter, und sie macht in jeder Beziehung einen großartigen Job!

Mein großer Traum ist es, dass wir die Freiheit haben, zu entscheiden, wie wir leben möchten. Und dass das Muttersein wieder aufgewertet wird in Deutschland. Ohne Naziideologie oder überhaupt eine Ideologie. Nur deshalb, weil unsere Kinder uns so sehr brauchen. Es ist keine Schande, mit einem Cappuccino auf einer Wiese zu sitzen und zu beobachten, wie das Kind zum ersten Mal mit seinem Fuß gegen einen Ball tritt. Es ist Teil von Erziehung! Das Lächeln in meinem Gesicht, das Lob, das motivierende: Probier’s nochmal! Wissen wir eigentlich noch, was das für die Entwicklung eines Kindes bedeutet? Mein Traum ist es, dass Gesellschaft und Politik uns Freiräume geben, in diesem Sinne unproduktiv zu sein. Weil ein Bewusstsein für das Ganze da ist, für die Zukunft, in die wir investieren. Ich träume davon, dass nicht mehr nur die Kohle zählt, die abgerissenen Stunden im Job, die Anzahl der abgearbeiteten Notes. Wir reduzieren uns auf ein schmales Verständnis von „Arbeit“, und im tiefsten Sinne ist das un-menschlich. Keine Mutter (und kein Vater!) muss sich dafür entschuldigen, dass das Kind krank ist! Natürlich bleibt dann einer zu Hause! Das ist ein Teil unserer Produktivität als Eltern, und ich wünsche mir, dass das die Köpfe Aller eingebrannt wird.
Nun gehe ich in meinen alten Job, nach vielen Jahren und mit finanziellen Einbußen. Aber ich gehe so stark, kompetent und hochmotiviert wieder hinein, wie sich das manch Arbeitgeber wahrscheinlich nicht vorstellen kann. Meine Kinder sind aus dem Gröbsten raus, ich bin gesund und habe noch viele Arbeitsjahre vor mir. Eigentlich sollte man Menschen wie mich mit Kusshand willkommen heißen. Vielleicht kommt diese Erkenntnis in Wirtschaft und Politik ja irgendwann mal an.


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