Mittwoch, 5. Juli 2017

"Stell dich nicht so an" und "Das war doch nicht so schlimm" Stiche in die Kinderseele



Am Wochenende hatten wir liebe Freunde zum Frühstück eingeladen und wir kamen ins Plaudern. Eine Freundin sprach dabei über ihre Mutter und deren Unfähigkeit ihr zu signalisieren, so richtig zu sein, wie sie ist. Immer wieder begegnen mir auf dem Spielplatz, bei Bekannten oder natürlich in der Praxis Sätze, die manche Eltern/ Menschen leicht dahin sagen und die so folgenreich sind, so dass ich den Anstoß nutze, eine Fürsprache für das Fühlen und gemeinsame Aushalten zu halten.






Leon Wurmser, ein Psychoanalytiker, der sich sehr stark der Scham widmet und zahlreiche Bücher geschrieben hat, nannte es in einem Vortrag einen Seelenmord, wenn Eltern ihrem Kind vermitteln, dass etwas an seinen Gefühlen eigenartig ist. So würden diese Kinder eine überwältigende Scham empfinden, die sie ein Leben lang begleite. Scham darüber, so zu fühlen und so sein wie sie ohne Einwirken anderer einfach sind.
Mich berührt daran besonders Folgendes: die hoffnungsvolle Erwartung eines Kindes auf Liebe und Anerkennung wird abgrundtief erschüttert mit so typischen Sätzen wie


"das war doch nicht so schlimm"
"gibt Schlimmeres"
"stell dich mal nicht so an"


Wenn eine Atmosphäre herrscht, in der die Haltung hinter diesen Sätzen ein Dauerzustand ist, dann stirbt in dem Kind das grundlegende Gefühl: ich bin, so wie ich bin, einfach liebenswert. Das ist ein Seelenmord!


Es ist so fatal für das werdende Selbst, weil die Botschaft lautet: du fühlst falsch, du BIST falsch. Nichts verletzt die innersten Seelenschichten so tief wie diese Botschaft. Ein Gefühl ist etwas Persönliches, etwas was wir mitteilen, aber nicht tatsächlich und ganz wirklich teilen können. Die Begeisterung bei Großevents gibt uns dieses Gefühl der emotionalen Verbundenheit ebenso zurück wie das Gefühl des Verliebtseins.


Immer wieder sitzen oder liegen mir hoch gebildete, prinzipiell einsichtsfähige Menschen in ihren Therapien gegenüber, die an der Wahrhaftigkeit (und noch viel schlimmer: Richtigkeit !!) ihrer Gefühle zweifeln. Sie suchen in ihrer Sehnsucht nach der ehedem verwehrten Anerkennung der eigenen Gefühle ersatzweise Zuspruch durch Leistung, Schönheit, Besitz oder was auch immer. Vieles kann "helfen", diese tiefe Wunde des abgelehnten Inneren (der eigenen Gefühle) nicht mehr spüren zu müssen. Nach oftmals jahrelanger Analyse tauchen irgendwann diese verletzten kindlichen Anteile auf. Manchmal zeigt sich dabei dann auch, dass dass verletzte Kind von früher selber solch ein Verletzer geworden ist. Den Gefühlen, denen damals kein Raum zugestanden wurde, wird heute bei sich selbst und anderen auch keine Beachtung mehr geschenkt. Es braucht, therapeutisch betrachtet, seine Zeit, bis solche Erkenntnisse wirklich gefühlt werden können und dürfen, denn das Selbstbild speist sich aus diesen Ablehnungen und gerät bei Konfrontation damit unweigerlich ins Wanken. "Traurig sein bringt doch nichts. Da muss man einfach weitermachen, ich stecke das weg. Da muss man sich doch nicht lange mit aufhalten" sind so typische Überzeugungen. Bei zu schneller Konfrontation mit diesen Anteilen wirkt sie nämlich genauso traumatisierend wie sie es in der Kindheit tat. Es ist tatsächlich eine erschütternde Erkenntnis des menschlichen Daseins. 


Ich möchte so gern ein flammendes Plädoyer dafür halten, unsere Kindern in all ihren Gefühlen zu sehen! Nicht nur in manchen, für uns persönlich annehmbaren Gefühlen, sondern in allen. Je nach Verfassung kann man einige Gefühle mal besser, mal schlechter aushalten. Dass die Grenze des Aushaltbaren bei jedem ohnehin anders ist, ist wahrscheinlich für niemanden überraschend.


Es fällt vielen nicht leicht, wenn das eigene Kind einen ablehnt oder sich schrecklich über einen ärgert. Es löst vielleicht bisweilen Angst und Panik aus, nun die Liebe des eigenen Kindes zu verlieren und selbst nicht gut genug zu sein. Das ist schwer auszuhalten, aber es ist wirklich wichtig die Kraft dafür aufzubringen, vom eigenen Kind auch zeitweise mal gehasst zu werden. Ein Patient beschrieb (neben den allermeisten, die mehr oder weniger in all ihren Gefühlen oder in manchen Gefühlen nicht wahrgenommen wurden) einmal ein schreckliches Szenario: immer wenn er sich über seine Mutter ärgerte oder Kritik äußerte, ging diese weinend ins Schlafzimmer, signalisierte ihre Enttäuschung über das undankbare Kind und sprach dann mehrere Wochen kein Wort mehr mit ihm. Im Erwachsenenleben fiel es ihm natürlich schwer, überhaupt irgendwo seine kritischen Gedanken zu äußern und Grenzen für sich zu setzen, weil er immer fürchtete, dass er es sich dann für immer mit jemandem verscherzen würde. Unerträglich war das deswegen, weil es ihn in seine ursprüngliche Situation mit der Mutter und deren empfundener Verachtung seiner aggressiven Gefühle versetzte, die er im Rahmen seiner Depressionen gegen sich selbst richtete und absolut inaktiv wurde. Die Rolle der abgewehrten aggressiven Gefühle gegenüber geliebten Menschen ist insbesondere bei Depressionen außerordentlich groß.


Es gibt Eltern, die die Trauer ihres Kindes nicht aushalten, wenn z.B. die geliebte Kindergärtnerin die Kita verlässt. "Das ist doch nicht so schlimm, Gabi ist doch auch nett".

Genauso wird die Eifersucht auf ein nachkommendes Geschwisterkind oftmals als lästiges Übel gesehen. "Stell dich nicht so an, du musst jetzt eben teilen".
Neid scheint auch ein Gefühl zu sein, dessen viele sich schämen und welches bei ihren Kindern nicht vorkommen sollte, denn es bedeutet, dass das Kind sich von irgendwas mehr wünscht.
Aber auch das könnte man anerkennend aufnehmen. In diesen Momenten braucht ein Kind/ ein Mensch oftmals gar nicht mehr als: 
Ich verstehe das, dass du dich so fühlst. Magst du mir erzählen, was du dabei empfindest?

Manchmal versteht man ein Gefühl auf den ersten Blick vielleicht nicht, aber das sollte kein Grund sein, dem Gegenüber direkt oder indirekt zu vermitteln: "hä? Das ist doch Quatsch, du musst doch jetzt nicht sauer sein. Ich hab doch xx gemacht, wieso bist du dann so?"
Natürlich meine ich hier auch nicht ein unabgegrenztes und übertriebenes Spiegeln, bei dem gar nicht klar wird, ob die eigenen Gefühle oder die des Anderen ausgedrückt werden.  Das Kind zu beruhigen, ihm aber dabei das Gefühl zu geben, seine Gefühle wahrzunehmen und sie nachvollziehen zu können, das eröffnet unseren Kindern eine Welt voller lebendiger und aushaltbarer Emotionen!

In dem Sinne
Keep feeling,
Madame FREUDig 



Madame FREUDig ist als Psychologin und Psychotherapeutin an fundierten Darstellungen interessiert. Sie hat mit allen Altersgruppen von 0- 70 Jahren gearbeitet und fühlt sich durch ihr eigenes Muttersein und die verschiedentlich gemachten Erfahrungen darin bestärkt, einer breiteren Masse ein psychodynamisches Verstehen nahezubringen. Dabei geht es eben nicht vorrangig darum Ratschläge zu erteilen, sondern um eine Art des Denkens, Fühlens und Verstehens. Sie versucht, die Erkenntnisse aus den Therapien mit unterschiedlichen Menschen und den Wahrnehmungen des Alltags bei sich und anderen aus dem Blickwinkel der Therapeutin zu beleuchten und verständlich zu machen, was der sich entwickelnden Psyche schadet und was sie braucht, um sich gut entwickeln zu können. Seit Juni 2017 schreibt sie daher regelmäßig auf dem Blog ihrer langjährigen Freundin Jessi, der Betreiberin von Terrorpüppi.

Sie lebt mit Mann, Kind und Katern gerade noch so in Berlin, begegnet ihrer Tochter und anderen bedürfnisorientiert und um Verstehen bemüht und setzt sich für das Wahrnehmen eigener und fremder Bedürfnisse ein, weil Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt nicht falsch sein kann, glaubt sie.






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