Montag, 28. August 2017

Ein narzisstischer Tyrann durch Zärtlichkeit und Begleitung?

Viele Eltern haben Angst aus ihrem Kind einen unangenehmen Menschen zu machen und der Narzisst scheint aktuell der Prototyp eines solchen zu sein. Narzissmus ist derzeit (schon wieder) in aller Munde, man spricht seit Längerem gar schon vom Zeitalter des Narzissmus bei all den Selfies und Selbstoptimierungsoptionen. Pessimisten mutmaßen, dass aktuell eine riesige Horde an Narzissten groß gezogen wird. Ich möchte in dem folgenden Text daher herausarbeiten, welchen Einfluss Eltern- oftmals unter den besten Annahmen- ausüben und worunter ein narzisstisch gestörter Mensch leidet und warum das eigentlich wirklich für den einzelnen so schlimm ist. Denn am Ende sind vielleicht die Mitmenschen genervt und wenden sich ab, aber das Kind, irgendwann der Erwachsene, ist einer schweren Bürde ausgeliefert. Kernberg schrieb mal in einem seiner Bücher, Narzissmus sei die Umkehrung dessen, was Liebe sein könnte und ich finde, er trifft es damit schmerzlich genau.




Was ist Narzissmus, was eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung?

Gesunder Narzissmus, sich selbst wichtig und ernst zu nehmen, ist für unsere eigene Wertschätzung wichtig. Es ist notwendig, dass wir ein möglichst stabiles Selbstbild von uns haben und uns gegen wirklich ungerechtfertigte Kritik zu verteidigen wissen. Ein narzisstisch stabiler Mensch wird sich wahrscheinlich Kritk zu Herzen nehmen, wird darüber nachdenken und dann entscheiden, ob das Kritisierte stimmt oder nicht, wobei am Ende weder er selbst noch andere entwertet werden müssen. Nahlah Saimeh (forensische Psychiaterin, "Jeder kann zum Mörder werden", S.66) schreibt, dass Narzissmus in "seiner gesunden Ausprägung zu einem positiven Selbstbewusstsein, zu Leistungsbereitschaft und Zielstrebigkeit, zu Verantwortungsübernahme und erfolgreicher Gestaltung des Lebens" befähige.

Es gibt so genannte offene und verdeckte Narzissten, wobei man eigentlich nur die offenen Narzissten mit der Diagnose einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) labeln würde. Eine gesunde Persönlichkeit braucht von allem etwas: ein bisschen was Depressives, was Schizoides, was Hysterisches, was Zwanghaftes und was Narzisstisches. Von einer Persönlichkeitsstörung spricht man, wenn einer dieser Züge sehr ausgeprägt ist und zur Inflexibilität in der Anpassung führt. Es gibt z.B. Diagnosen wie "mittelgradige Depression bei narzisstischer Persönlichkeits AKZENTUIERUNG". Das ist keine Persönlichkeitsstörung, sondern weist darauf hin, dass der Mensch ausgeprägte narzisstische Anteile hat, die die anderen überwiegen.

Der offene Narzisst ist von seiner Wichtigkeit und Besonderheit überzeugt und entwertet andere. Oftmals glaubt er, andere würden ihm etwas nicht gönnen oder ihm etwas neiden.
Er ist aber eigentlich, entgegen der gängigen Meinung, eben nicht wirklich davon überzeugt, so fabelhaft zu sein, unbewusst zumindest. Er idealisiert sich, entwertet oft die anderen, um sich selber in seiner Kleinheit nicht mehr spüren zu müssen.
Stell dir doch mal vor, wie mit jemandem als Kind umgegangen wurde, was jemand also verinnerlicht hat, der auf den Hauch einer Kritik mit Zynismus, Beschimpfungen und Entwertungen, Depressionen oder Suizid reagiert. Das ist nämlich das, was dann passiert. Ich erinnere mich gut an eine Behandlung eines recht narzisstischen Mannes in einem Krankenhaus, als ich gerade angefangen hatte, überhaupt psychotherapeutisch zu arbeiten: mein erster richtiger Narzisst. Ich konfrontierte ihn unbedarft in etwa der 5. Stunde, also viel zu schnell, mit einem eigentlich offensichtlichen Fehlverhalten seinerseits seiner Frau gegenüber. Nach der Stunde wollte er sich umbringen, konnte vom Klinikpersonal aber noch abgehalten werden. Es war nämlich Folgendes passiert: seine Abwehr, die sonst half, sich nur fabelhaft zu sehen, brach durch diesen Einfall der gespiegelten Realität zusammen: scheiße, irgendwer hat mich ertappt und sieht, dass ich eigentlich ein kleines, nutzloses Nichts bin. Ich hatte das natürlich nicht gesagt, sondern nur meine Wahrnehmung seines Umgangs mit seiner Frau aufgegriffen, aber er fühlte sich maßlos kritisiert. Da er ein sehr intelligentes Kind war und dann auch ein ebenso intelligenter Mann wurde, hatte er sich dadurch immer die Bewunderung der anderen gesichert. Deswegen war meine "Kritik" nur mit diesem äußersten Maß an Aggression zu beantworten, welches typisch ist für die NPS: die narzisstische Wut als Reaktion auf eine narzisstische Kränkung! Es ist sehr schwer, Kritik zu äußern, ohne dass ein Mensch mit NPS irgendwie zu einem Gegenschlag ausholt. Er wird nicht ernst gemeint sagen: Oh so empfindest du das? Darüber muss ich erstmal nachdenken. 
Bei Frustration wird er aggressiv und je nach Impulskontrollefähigkeit zeigt er das.

Kurz Theorie dazu: Es gibt einen entscheidenen Streitpunkt zwischen den zwei renommierten Psychoanalytikern  Otto Kernberg (Objektbeziehungstheorie mit Trieb) und Heinz Kohut (Selbstpsychologie), bei dem es um die Frage geht, woher die Aggression bei den Narzissten kommt. Kernberg vertritt die Auffassung, dass es ein Trieb ist, der von Anfang an da ist und den man unter Kontrolle kriegen muss und Kohut sagt quasi, dass durch eine übermäßige Frustration des Kindes mit inadäquater, enttäuschender Begleitung erst Aggression entsteht (also ganz arg runtergebrochen ausgedrückt).

Bei all dem wird klar, warum es bei einem derart narzisstisch gestörten Menschen keine wirklich engen Beziehungen mit authentischem Austausch und authentischem sich Zeigen geben darf, außer in einer Kollusion. Kollusionen (nach Jürg Willi) sind Beziehungen, wo die Neurosen der jeweiligen Partner sich ergänzen und es zu einem Zusammenspiel der unbewussten, sich ergänzenden Bedürfnisse kommt: jemand besonders "Großes" sucht sich jemanden, der ihm unterlegen ist (z.B. der wohlhabende Rentner und das 20- jährige Model).

Wenn jemand zu nah kommt, besteht die Gefahr, dass man in all den eigenen Facetten (und eben Fehlern) gesehen wird. Die sich daraus ergebene massive Einsamkeit auf Grund des Mangelns an wirklicher, echten und authentischen Beziehungen wird meist pseudo- autonom und selbstaufwertend abgewehrt. "Ich brauche niemanden". Und das ist das Drama: genau diese Erfahrung hat derjenige auch gemacht. Es gab niemanden, der in schwierigen Situationen wirklich dagewesen wäre, der ihn in all seiner Kleinheit und Größe gleichermaßen gespiegelt und wahrgenommen hat. So schillernd ein offen narzisstischer Mensch auch sein mag, so viele Facebook- Freunde und Bekannte und interessante Menschen im Umfeld er auch hat, so selten gibt es einen authentischen Austausch und verlässliche und wechselseitige Beziehungen mit Wertschätzung.


Offene Narzissten zeigen gerne, wie gut, klug, hübsch, gebildet, wohlhabend etc. sie sind, wie viel besser sie sind als andere. Sie werten sich darüber auf, sie genießen aber nicht wirklich lustvoll was sie haben und freuen sich  nicht wirklich daran, es ist vielmehr wie ein Aushängeschild. Die Beziehungen dieser Menschen spielen sich nicht selten nach mehr oder minder bewusster Kosten- Nutzen- Analyse ab. Andere, auch die eigenen Kinder, werden als Selbstobjekte missbraucht. Zeige mir andauernd wie toll ich bin, lautet die unbewusste Botschaft.
Oftmals bestehen solche Gedanken wie: Wen (ge-) brauche ich, wenn es mir schlecht geht? Den Kontakt aufrecht zu erhalten, das könnte noch von Nutzen sein. Oh, der sieht aber gut aus, die anderen werden beeindruckt sein, wenn das mein Freund ist. Mein Kind ist aber ganz besonders klug, klar, es ist ja auch mein Kind.

Ein Mensch mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist besonders durch einen Aspekt sehr auffällig und unterscheidet sich damit von anderen: er idealisiert und entwertet in einem besonders hohen Maß!

Ich kaufe nur das Beste, deine Teller sind der absolute Mist. 
Also meine Firma  ist das allerletzte, da musste ich raus, da hat ja keiner meine Fähigkeiten zu schätzen gewusst. 
Also wer Döner für 2 Euro isst, der ist ein absoluter Schwachkopf.

Ebenso ist ausgeprägte Konkurrenz, das Gefühl andere wären neidisch auf einen oder anderen nichts gönnen zu können kennzeichnend für jemanden mit einer NPS. Der eigene Neid bleibt dabei aber unbewusst, weil Neid ja bedeutet: mir fehlt etwas und der andere hat das. Ein Mensch mit NPS glaubt, dass andere das wollen, was er hat und kann sich kaum vorstellen, dass nicht jeder xy haben will. Typischer Satz: "ich bin doch nun wirklich nicht neidisch" oder "warum sollte ich denn neidisch sein". Anerkennende Worte für etwas, mit dem derjenige nichts zu tun hat oder was er selber nicht besitzt, kommen so gut wie nie vor. Man darf dem Anderen in nichts nachstehen.


Dieselbe Medaille, aber die andere Seite des Narzissmus ist der verdeckte Narzissmus, bei dem die Überzeugung, großartig zu sein, nicht offen zu Tage tritt bzw. auch gar nicht gespürt wird: ich bin nichts Wert, ich bin weniger als Nichts. Das sind oftmals Überzeugungen von Menschen, die ebenfalls in einem narzisstischen Rahmen gestört sind, die wir aber nicht der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung nach dem ICD- 10/ DSM- V zuordnen würden. Diese verdeckten Narzissten leiden aber ebenfalls an einer Fehlregulation ihres Selbstwertes und brauchen besonders viel Zufuhr von außen.


Das Problem, was den offenen und verdeckten narzisstischen Menschen eint, ist, dass sie eine unfassbare innere Leere haben, die sie auf verschiedenen Wegen zu stopfen versuchen. Ständig in Action, ständig irgendwas konsumieren, sonst droht nämlich vernichtende Langeweile. Wochenende und Ferien sind damit oftmals etwas nicht so Schönes, es sei denn, sie werden mit irgendetwas gefüllt oder gar überladen. Es gibt also kein Gefühl der inneren, beruhigenden Einkehr. Zu depressiven Einbrüchen kommt es meist in den Lebenssituationen, in denen die Bewunderung nachlässt: Kündigung, Trennung (als persönliches Versagen und Scheitern, nicht als Verlust eines geliebten Menschen), Kritik von anderen, Verlust von Schönheit durch natürliche Prozesse (hey Beautydoc), Altern mit Leistungseinbußen, Krankheit und allerlei Situationen, in denen das eigene Idealbild auf die Realität trifft.


Eltern narzisstisch gestörter Menschen

 

Es lässt sich an dieser Stelle nicht sagen: wenn du das und das tust, wird dein Kind mit Sicherheit eine ausgeprägte narzisstische Seite haben. So ist das einfach auch nicht. Ich versuche ein bisschen aufzufächern, was alles mit dazugehört. Achso, und: ich bin kein Vertreter der Auffassung: Narzissmus durch Gene! Nature AND Nurture...

Lob und Bewunderung für Schönheit und Leistung
Menschen, die eine starke narzisstische Persönlichkeitsakzentuierung haben, wurden von ihren Eltern meist für eine besondere Fähigkeit, Gabe oder Leistung bewundert, wurden stolz vorgezeigt, aber sie wurden nicht geliebt in dem Sinne, dass sie mit dem, was sie nicht können, mit dem, was ihnen Angst macht, wirklich wahrgenommen, gesehen und gehalten und auch damit geliebt wurden.
Die Eltern versuchen damit meist eigene Defizite im Selbstwert zu kompensieren und missbrauche ihr Kind, ohne das sie das wollen, als Selbstobjekt. Das Kind steht sozusagen im Dienste der Stabilisierung der Eltern.

Keine authentischen Grenzen: ich darf alles, ohne Rücksicht!
Darüber hinaus haben viele narzisstisch gestörte Menschen keine tatsächlichen Grenzen durch ihre Eltern erfahren, was oftmals mit einer Gleichgültigkeit/ Überforderung und/ oder Abwesenheit der Eltern einhergeht. Wenn nämlich keinerlei Grenze gesetzt wird und alles unkommentiert und unbegleitet einfach passiert, dann ist ein Kind ganz schön alleine und hat schnell das Gefühl, dass es egal ist, was es tut. Ich meine damit absolut nicht diese sinnlosen "das macht MAN aber nicht- Grenzen", sondern die Notwendigkeit der Anerkennung der Grenzen anderer und deren Bedürfnisse.  Für ein Kind ist der Unterschied noch nicht deutlich, ob die Eltern desinteressiert sind oder ob sie aus einem bestimmten Grund regellos mit ihm umgehen. Da entwickelt sich die ausgeprägte autonome Haltung "ich kann machen, was ich will". Zum gesunden Dasein gehört aber eben beides: ich kann autonom sein, aber ich habe auch keine Angst vor Nähe und davor, mich auch mal anzupassen. Ich sehe auch die Bedürfnisse der anderen und auch das interessiert mich.

Ein Kind wünscht sich starke Eltern, mit denen es sich identifizieren kann. Die Eltern müssen Angriffen standhalten und nicht zusammenknicken, aber natürlich emotional verfügbar und in Beziehung sein. Es geht dabei eben nicht um Strenge und vorbehaltlose Grenzsetzungen, sondern um eine Begegnung, die Verbundenheit erzeugt, wo aber auch das Kind nicht immer alleine den Ton angibt. Neulich las ich von einer Studie, derzufolge Kinder besonders dann narzisstische Züge entwickeln, wenn alles, was sie tun, überbewertet wird. Auch hier kommt es mit Sicherheit auf das Maß und die Art und Weise an, wie man Kinder mit dem eigenen Versagen konfrontiert. Es muss eben nicht immer alles super und toll sein, nein, manche Dinge kann man eben nicht. Das darf aber auch gesagt werden. Wir alle müssen "lernen", dass wir natürliche Grenzen des Wissens, Könnens und Verstehens haben und dass das Gegenüber nicht alle unsere Wünsche erfüllen kann und muss. Das frustriert natürlich umgemein, siehe "Trotzphase", aber wir tun unserem Kind als Eltern wirklich keinen Gefallen, wenn wir aus Angst vor dem Trotz, der Wut, der Bisse und Schläge unserer Kinder alles tun, um sie zu besänftigen. Begleiten immer, aber nicht um des lieben Friedens Willen alles erlauben. Wie Eltern mit ihren Kindern umgehen, wird in den Kindern zur Blaupause des Umgangs mit sich selbst.  Die sogenannte Frustrationstoleranz muss also durch das Außen vermittelt zu einem inneren Teil werden. Dazu ist es unbedingt notwendig, dass Eltern Kinder nicht frustriert zurücklassen ("so ist das eben, du brauchst jetzt xy nicht, sei jetzt still"), sondern in Beziehung mit ihnen sind und erklären, Gefühle verstehen und diese Frustration aushalten ("oha, du wolltest xy so unbedingt haben und verstehst gar nicht, dass Mama jetzt nein sagt. Ja, das ist aber auch wirklich fies."). Narzisstisch gestörte Menschen können das meistens wirklich nur sehr schlecht. Manche können das zwar gut verbergen (da hört man doch förmlich die Mutter innerlich blöken "jetzt sei nicht so bockig, du hast doch schon so viel"), aber innerlich lodert die Wut und entlädt sich dann irgendwann. Etwas nicht zu bekommen, weckt Wünsche und Begehren und das kann etwas Wunderbares sein! Wir können unseren Kindern zeigen, dass nicht alles umgesetzt werden kann und muss, aber dass wir in unserer Fantasie und unseren Träumen vieles doch trotzdem erfüllen können. Die innere Welt ist etwas Wunderbares! Helfen wir unserem Kind, sich diese Welt aufzubauen. Wird jeder Wunsch erfüllt, dann bleibt doch nichts mehr für Innen, für die Wünsche und Träume. Wir kennen wahrscheinlich alle die Kinder, die von vorne bis hinten alles an materiellen Wünschen erfüllt bekommen und sich sofort nach dem Auspacken damit langweilen.
Viele narzisstisch gestörte Menschen hört man sagen: ich will das und zwar jetzt! Besonders auffallend ist das bei Beziehungen, die eingegangen werden und die nach einer gewissen Zeit dann langweilig und wie das ausgepackte Spielzeug in die Ecke gelegt werden. "Der Hans, der hat mir einfach nichts mehr gegeben. Was soll ich dann mit dem denn noch?"

Bei dem Aspekt der Grenzen ist auf jeden Fall das Phänomen der Parentifizierung zu nennen. Darunter versteht man, dass das Kind in eine Elternposition kommt und die Eltern sich in ihren Bedürfnissen an das Kind wenden. Eine Mutter, die sich immer wieder von ihrem Kind trösten lässt, parentifiziert es, sie vereltert es sozusagen. Das geschieht manchmal ganz unabsichtlich, wenn es z.B. plötzlich zur Trennung der Eltern kommt. Natürlich muss ein Kind auch wahrnehmen dürfen, dass es den Eltern auch mal schlecht geht, unbedingt sogar. Aber: es ist die Aufgabe der Eltern, sich um sich zu kümmern! Das ist nicht Aufgabe des Kindes, auch wenn ich als Mutter natürlich verstehen kann, dass man sich, wenn es einem schlecht geht, dem Kind vermehrt zuwendet, weil das glücklich macht. Es wäre an der Stelle im Sinne des Kindes, wenn sich das leidende Elternteil Freunden, anderen Erwachsenen, Therapeuten oder einem Priester etc. zuwenden würde, um Halt zu finden. Es ist nicht die Aufgabe von Kindern, ihren Eltern in der Not Halt zu geben!
Wenn es dazu kommt, dass Kinder die Fürsorge für die Eltern übernehmen, dann ist das ein Dilemma. Einerseits ist das eine totale Überforderung, der sich viele Kinder aber adaptiv anpassen und dann auch dafür gelobt werden, andererseits ist es auch ein narzisstischer Gewinn. Das ist ja auch toll für das Kind sich so wertvoll zu fühlen. In der Geschichte einiger Menschen mit NPS, die ich kenne, gab es immer wieder diese Konstellation: Papa verlässt die Familie, der Sohn kümmert sich um die Mutter, bis hin zu inzestuös anmutenden Beziehungen (ohne dass es wirklich ein körperlicher Inzest gewesen wäre) zwischen Mutter und Sohn. Einerseits triumphierte der Sohn unbewusst über den Vater, andererseits löst das Schuldgefühle aus, denen man ja nur entgehen kann, wenn man sich mit dieser Rolle des besseren Mannes identifiziert und den Vater als Volltrottel entwerten kann.  Don Juan lässt grüßen: ich kann sie alle haben! (darüber muss ich an anderer Stelle schreiben, weil das sehr vielseitig ist und hier den Rahmen sprengen würde)


Enttäuschende Eltern und die Angst, auch sie zu enttäuschen
Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsakzenten haben meistens beträchtliche Enttäuschungen durch ihre Eltern erlebt. Jemand, der offen narzisstisch ist, wird das entweder negieren, weil seine Eltern nur perfekt gewesen sein können oder aber er wird sie entwerten.

Die Eltern waren vielleicht äußerlich und oberflächlich betrachtet perfekt, unnahbar und unberührbar, so dass es keinen Raum für Fehler gab. Diese Eltern wenden sich bei Schwierigkeiten oft ab und überlassen dem Kind die Lösung oder aber es gibt Eltern, die sehr streng werden, Regeln, Wege  und Ansprüche formulieren. Das Dilemma ist klar: keiner von beiden sieht die Belange des Kindes, versucht zu verstehen und zu verbalisieren, was in dem Kind vor sicht geht und dem Weg des Kindes zu folgen. Das Kind spürt nicht, dass es seine Eltern emotional erreichen kann und dass es gesehen wird in seiner eigenen Not. Das ist leider das, was sich zeitlebens auch wiederholt.

Es gibt Eltern, die auf andere, offensichtlichere Art enttäuschen, wenngleich diese Patienten ihre Eltern auch oftmals nach außen hin wahnsinnig idealisieren. "Meine Eltern haben alles gegeben, uns fehlte es an nichts". Das kann nicht sein, das geht in der Realität einfach nicht. Enttäuschungen gibt es immer, egal wie sehr sich jemand bemüht. Das ist einfach so und damit muss man sich auch abfinden. Es ist auch deshalb wichtig, weil wir lernen bzw. verinnerlichen,  wie wir damit umgehen und miteinander ins Gespräch über unsere Bedürfnisse kommen können (wen das interessiert, den dürfte mein Text zu den Herausforderungen bei UNERZOGEN klick interessieren, da gehe ich nochmal explizit auf die Empathie ein). Jedenfalls gibt es Eltern, die sich wirklich auch bemühen, die aber einfach nicht anders können. Eltern, die mit den emotionalen Anforderungen permanent überfordert sind und dem Kind signalisieren, dass sie es nicht aushalten. Diese Kinder können dann keine stabile idealisierte Elternimago (inneres Bild von den Eltern, Heinz Kohut, Selbstpsychologie) aufbauen, weil die Eltern zu schwach wahrgenommen werden. Das ist aber notwendig, um narzisstisch stabil zu sein: Eltern müssen einem Kind vermitteln, dass es sich anlehnen kann und mit all seinen Anteilen ausgehalten wird. Nur starke Eltern kann man angreifen, die anderen würden es nicht aushalten! Wenn ein Kind spürt, und das tut es sehr früh, dass die Eltern nicht viel aushalten, wird es Wege finden wollen, wie es doch noch gesehen wird, nur eben schon mit einer unbewussten Auswahl von eigenen Selbstaspekten, die es dann nur noch zeigt.
Kinder nehmen wahr, was die Eltern sich von ihnen wünschen und sie glauben, dass, wenn sie diese elterlichen Wünsche erfüllen, von ihnen auch geliebt werden. Das ist, was oft in ein so genanntes "falsches Selbst" mündet, denn es sind ja eben nicht die Eigenheiten der Kinder, wegen derer sie geliebt werden, sondern sie werden wegen ihrer Fähigkeit/ ihres Einsatzes für die Eltern von ihnen gliebt, also nicht um ihrer Selbst willen. In den Therapien, wenn ein Mensch mit einer offenen NPS denn in eine Therapie kommt (denn die Überzeugung ist ja, dass er perfekt ist und keinerlei Hilfe von außen bedarf, was in der Therapie wirklich anstrengend ist, weil man andauernd den Angriffen und Entwertungen standhalten muss) geht es dann sehr langwierig (wirklich über sehr viele Jahre, zumindest wenn man analytisch arbeitet) darum, das wahre Selbst zu bergen und auf Entdeckungsreise zu gehen, was da eigentlich alles an Gefühlen ist. Inklusive der Kleinheit und der Versagensangst, der Ohnmacht und Unfähigkeit. Das Dilemma des falschen Selbst ist natürlich nicht nur bei der NPS anzutreffen!!!

Es gibt  Kinder, die sehr schnell autonom und selbständig werden, um es den Eltern besonders leicht zu machen, sie zu lieben. Das sind oftmals die braven Kinder, die keine/ wenig Probleme machen, die dann in der Pubertät Essstörungen entwickeln, die mit Mitte 20/ Anfang 30 in den Therapien auftauchen, weil sie sich immer wahnsinnig bemühen und nicht mehr können. Das sind Menschen, die nicht wirklich Kind sein durften und die viel zu schnell gespürt haben, was von ihnen verlangt wird. In einer analytischen Therapie geht es dann darum, bestimmte Gefühle wieder zu erleben und sich in diesem geschützen Rahmen gehalten zu fühlen. Unter diesen versteckten Gefühlen befindet sich dann auch noch ein Kern, der sich nicht um seiner Selbst willen geliebt fühlt.
Das ist natürlich dann meistens keine narzisstische Persönlichkeitsstörung, aber die narzisstische Regulation dieser Menschen ist ebenfalls massiv instabil und es entwickeln sich diverse Störungen von Ängsten, Depressionen, Somatisierungen etc.

Vordergründig kann jede Diagnose von Sucht, Depression, Angst vor einer tieferen Störung der narzisstischen Regulation stehen. Muss nicht, aber kann. Diese Menschen leiden wirklich enorm, nicht nur an der Depression und Co. Sie können quasi "froh" sein, dass sie diese Symptome entwickelt haben und sich Hilfe suchen, denn viele narzisstisch gestörte Menschen begeben sich nie in Therapie. Sie erleben es als Schmach, als Ausdruck von Schwäche.

Beiden jetzt überspitzt dargestellten Elternprototypen ist gemeinsam, dass sie ihren Kindern nicht empathisch begegnen. Empathie bedeutet, sich in die Position des anderen zu versetzen und aus diesem Blickwinkel die Situation zu beleuchten. Das wäre aber, neben der Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse, von größter Wichtigkeit, um dem Kind das Gefühl zu geben, dass es wirklich gesehen wird. Ein narzisstisch gestörter Mensch fühlt sich immer irgendwie nicht gesehen. Das Schreckliche ist, dass das ja vollkommen stimmt.



Ich hoffe, ich konnte deutlich machen, dass man es sich mit monokausalen Erklärungen nicht zu einfach machen darf, und dass kein Kind ein narzisstischer Tyrann wird, wenn es wirklich gesehen und nicht als Selbstobjekt missbraucht wird. Es geht bei der psychischen Gesundheit wie überall im Leben um das Finden eines Mittelmaßes. Der Text ist als unvollständig und der Ergänzung würdig zu betrachten. Ich habe einige Apekte herausgegriffen, die mir wichtig erscheinen.
Gerne verweise ich auf den mit diesem Text zusammen entstandenen Text, um nochmal den Bogen zu den Aggressionen zu schlagen, der bei der Entwicklung der NPS eine wichtige Rolle zukommt: klick
Diese beiden Texte sind eine Reaktion auf die Kommentare zu dem Artikel von Jeannie von Mini and me, wo Eltern sich höchst besorgt äußerten, dass schlagende Kinder Narzissten würden. Ich hoffe, ich konnte darlegen, dass das nicht der Fall ist und gleichzeitig aber auch der Fall sein könnte und man es sich mit seinen Erklärungen nicht zu einfach machen sollte.

Literatur

Es gibt unzählige Sichtweisen auf den Narzissmus. Der Analytiker Hans Joachim Maaz schreibt im deutschsprachigen Raum gute, nicht allzu fachliche Bücher, die für eine weiterführende Lektüre durchaus zu empfehlen sind.
Heinz Kohut, Otto Kernberg und andere haben ausführlichst über die Vielseitigkeit des Narzissmus geschrieben, immer unter dem Titel "Narzissmus". Dazu ist es aber sicher vorteilhaft, wenn man sich in der psychoanalytischen Theorie etwas auskennt, weil es sonst wahrscheinlich, besonders bei Kernberg, recht anstrengend werden kann. Aber die Fallbeispiele sind auf jeden Fall sehr interessant.
Paulina Kernberg, verstorbene Frau Ottos, hat als Kinderanalytikerin auch spannende Bücher zum Thema geschrieben.


Ich freue mich wirklich, wenn ihr uns hier oder auf Facebook eure Gedanken und Erfahrungen mitteilt und wir miteinander ins Gespräch kommen. 
Besucht uns gerne auch auf Terrorpüppi bei Facebook, wo wir dem geneigten Leser versuchen allerlei Neuigkeiten und interessante Links aus verschiedenen Bereichen zu Beziehungen zu und mit Kindern bereitzustellen.

Madame FREUDig



Madame FREUDig ist als Psychologin und Psychotherapeutin an fundierten Darstellungen interessiert. Sie hat mit allen Altersgruppen von 0- 70 Jahren gearbeitet und fühlt sich durch ihr eigenes Muttersein und die verschiedentlich gemachten Erfahrungen darin bestärkt, einer breiteren Masse ein psychodynamisches Verstehen nahezubringen. Dabei geht es eben nicht vorrangig darum Ratschläge zu erteilen, sondern um eine Art des Denkens, Fühlens und Verstehens. Sie versucht, die Erkenntnisse aus den Therapien mit unterschiedlichen Menschen und den Wahrnehmungen des Alltags bei sich und anderen aus dem Blickwinkel der Therapeutin zu beleuchten und verständlich zu machen, was der sich entwickelnden Psyche schadet und was sie braucht, um sich gut entwickeln zu können. Seit Juni 2017 schreibt sie daher regelmäßig auf dem Blog ihrer langjährigen Freundin Jessi, der Betreiberin von Terrorpüppi.

Sie lebt mit Mann, Kind und Katern gerade noch so in Berlin, begegnet ihrer Tochter und anderen bedürfnisorientiert und um Verstehen bemüht und setzt sich für das Wahrnehmen eigener und fremder Bedürfnisse ein, weil Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt nicht falsch sein kann, glaubt sie.

Kommentare:

  1. Danke für diesen Artikel! Ich finde es ganz wichtig, dass du so fachliche Inhalte so toll herunterbrichst. Weißt du wo diese aktuelle Angst vor narzisstischen Kindern bzw. Erwachsenen herkommt? Würde mich mal interessieren

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    Antworten
    1. Ich dank dir, liebe Katha! Ich weiß es auch nicht, aber ich glaube, neu ist das auch nicht. Ich erinnere mich, dass zum Ende meines Studiums Michael Winterhoff seinen Tyrannen- Buch veröffentlichte und da eine große Debatte drum war. Ich glaube, es hat schon was damit zu tun, dass sich gesellschaftlich etwas wandelt und diese schnelllebige Abnutzbarkeit ein Symptom des Narzissmus ist. Den gab es schon immer, das ist einfach menschlich, aber ich glaube, dass es schon eine deutliche Zunahme gibt.
      Selbstoptimierung, Selbstverwirklichung, hier mal was Neues, da mal was Neues, flexibel und toll sein, Abnahme des gegenseitigen Mitgefühls durch eine ständige Bombardierung mit den neuesten Grausamkeiten, an die man sich gewöhnt, es verliert alles so an Wert, also in der Gesamheit... ja, aber was ist Henne, was ist Ei?
      Für eine wirklich gute Antwort müsste Jessi als Soziologin sich mal äußern.
      Ich grüß dich herzlich!

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