Im August eines jeden Jahres findet die Invasion kleiner und kleinster Kinder in die Kitas zur Eingewöhnung statt. Nun erhielt ich in den letzten Wochen von einigen Freundinnen und Bekannten Hilferufe, weil in der Eingewöhnung Dinge passieren, die sie schockieren und verunsichern. Teilweise wirklich absurde Dinge, die mich sehr ärgern und betroffen machen.

Ich wünsche mir, dass sowohl Eltern als auch pädagogische Fachkräfte hinreichend Bescheid wissen über die Bindungstheorie. Das beinhaltet das Wissen, dass Kinder, die mit etwa einem bzw. eineinhalb Jahren in die Kita kommen,  ein deutliches Bindungsverhalten zeigen werden. Ich wünsche mir, dass insbesondere Erzieher*Innen wissen, dass zu allererst an sie selber vom Kind eine Bindung entstehen muss, bevor es zu einer Trennung von der eigentlichen Bindungsperson kommen sollte. Laut Fahrplan des landesweit gerne angewandten Berliner Modells wird nach vier Tagen pauschal eine Trennung angesetzt. Ich halte diese sture Herangehensweise aus psychologischer Sicht für absolut zweifelhaft. Ohne Rücksicht auf den Bindungsstatus des Kindes kann solch ein Vorgehen wenig sinnvoll sein.

 

Mit Wissen zum besseren Verständnis: Unsicherheiten bei der Eingewöhnung in die Kita

Aber nun sitze ich hier und frage mich, was eigentlich zur Bindung und den verschiedenen Bindungstypen wirklich bekannt ist. Also mache ich mich mit meinem Text aus Sicht der Psychologischen Psychotherapeutin, die bindungsorientiert auch in den Therapien arbeitet, auf den Weg, die unterschiedlichen Bindungstypen und ihre Entstehung vorzustellen und aufzuzeigen, wie man sie als Bezugsperson oder einfach Person im Umfeld jeweils unterstützen kann. Nach der allgemeinen Einführung und den Grundlagen zur sicheren Bindung, erläutere ich die Spezifika der jeweiligen Bindungstypen kurz. Im Anschluss gehe ich auf den Einfluss des Bindungsstatusses der Eltern ein.  Am Ende findet ihr die Grundlagen/ Literatur, auf denen mein Text beruht. Fachbegriffe werde ich in „“ setzen, um euch das eigene vertiefende Recherchieren etwas zu vereinfachen. Zwischendrin verzichte ich aus Gründen der Faulheit Lesbarkeit auf die Angaben der Literatur, es sei denn es sind konkrete Zitate.

Grundlage für eine sichere Bindung

Die sichere Bindung eines Kindes an seine primären Bezugspersonen bildet die Grundlage für eine stabile psychische Entwicklung. Daher beschreibe ich, wie eine sichere Bindung hergestellt werden kann. Erzieher*innen müssen bei der Eingewöhnung diese Aspekte genauso berücksichtigen wie auch die Eltern selbst. Gerade wenn ein Kind mit eher unsicherer Bindung zur Eingewöhnung kommt, bietet diese Beziehungserfahrungen mit den Erzieher*innen eine wunderbare Möglichkeit, auch andere Beziehungsmuster zu verinnerlichen.

Es geht hier, um es deutlich zu sagen, nicht um Bindungsstörungen, sondern um den breiten Grat des Normalen. Insbesondere, was die unsicheren und viel mehr noch die desorganisierten Bindungstypen angeht, kann sich eine Bindungsstörung ergeben. Das soll aber nicht Gegenstand des Textes sein.


Der Artikel entsteht in einer Zeit, in der attachment parenting von verschiedenen Seiten angegriffen wird. Ich möchte mit diesem Artikel etwas Fundiertes beitragen und aufgreifen, warum es nicht um attachment parenting als solches, sondern es immer um die Bindungserfahrung im Allgemeinen geht. Attachment Parenting kann dabei helfen, schon früh die wesentlichen Bedürfnisse eines Babys zu beantworten und so die Weichen für eine sichere Bindungserfahrung zu stellen.

Es geht hier auch nicht darum, dass ein Kind als unsicher gebrandmarkt werden soll. Vielmehr soll ein besseres Verständnis helfen, Kinder zu unterstützen, auch bei der Kita- Eingewöhnung oder bei sonstigen Trennungen.

Was ist Bindung?

Bindung ist das Verhalten eines Kindes, sich bei Unsicherheit, Müdigkeit, Überforderung seiner primären Bezugsperson zuzuwenden. Das heißt, es kann sie z.B. anschauen, wenn jemand Fremdes hereintritt und sich rückversichern, ob das nun eine gute Sache ist oder nicht. Genauso ist das Hinkrabbeln, Hinlaufen und auf den Arm genommen werden wollen Ausdruck einer aktiven Suche nach Bindung. Bindungsverhalten beginnt auf Grundlage der gesammelten Erfahrungen mit etwa 6- 8 Monaten. Bowlby, der Vater der Bindungstheorie sozusagen, nannte es ein „unsichtbares Band“ zwischen Mutter und Kind (andere Zeit, deswegen spricht er auch nur von „Mutter“, allerdings ist durch die Beziehung zwischen Mutter und Kind vor der Geburt natürlich schon ein wesentlicher Unterschied zu ALLEN anderen Menschen gegeben, aber die Mutter muss eben nicht zwangsweise die primäre Bindungsperson werden).  

Wie entsteht Bindung?

Bindung entsteht, wenn eine Bezugsperson konstant feinfühlig auf ein Kind reagiert. Das sind naturgemäß im Idealfall in den ersten Lebensmonaten Mama und Papa, die auf die Signale ihres Kindes feinfühlig reagieren. Im Rahmen des „Feinfühligkeitskonzepts“ ist damit gemeint, dass die Bezugsperson prompt und angemessen reagiert. Eltern haben meistens von Natur aus gute „intuitive elterliche Kompetenzen“ und können daher angemessen auf ihr Kind reagieren. Die Kompetenzen liegt dabei auf drei Ebenen:

wahrnehmen
interpretieren
handeln


Durch eigene Erfahrungen kann es sein, dass eine oder mehrere Ebenen nicht voll ausgeprägt sind . So können diese Kompetenzen beeinträchtigt sein. Aber nicht nur das elterliche Verhalten kann eine sichere Bindungsaufnahme erschweren. Es gibt Säuglinge, die wirklich schwer zu „lesen“ sind. Da wechseln die Emotionen, die teilweise widersprüchlich sind, sehr schnella. Als Elternteil weiß man dann gar nicht, auf was davon man reagieren soll. Das ist wirklich schwer! Bindung ist also insofern ein wechselseitiger Prozess, denn ein Kind bringt sein eigenes Temperament und seine Vorlieben mit.

Vor der eigentlichen Bindungsphase liegt die Vorphase, in der das Kind die Erfahrung sammelt. Wer ist denn nun ein guter Partner in Sachen Bindung? Wer wird dann zur primären Bindungsperson auserwählt? Es entsteht eine Bindungshierarchie. Das ist für Eltern manchmal gar nicht leicht auszuhalten und oftmals Quell eifersüchtiger Gefühle.

Feinfühligkeitskonzept

Eine sichere Bindung entsteht durch die feinfühlige Reaktion der Bindungsperson: angemessen (dosiert also, was bedeutet, nicht zu viel, nicht zu wenig) und prompt. Das Kind hat also in den ersten Lebensmonaten erfahren, dass es wichtig ist. Das Baby fühlt sich wahrgenommen. Genauso weiß es nun, dass andere es zu unterstützen versuchen. Es hat erfahren, dass es Beruhigung gibt. Genauso hat es gespürt, dass andere sich seiner körperlichen Unlust anzunehmen und da sind.

Hinreichend oft angemessen und prompt reagieren

Eltern sicher gebundener Kinder reagieren hinreichend oft angemessen. Sie reagieren auf das gezeigte Gefühl. Wenn ein Baby weint, weil es sich vielleicht nicht genügend angesprochen fühlt  und dann aber statt eines gemeinsamen Spiels etc. die Brust/ Flasche angeboten bekommt, dann ist diese Reaktion nicht angemessen. Ich hatte hier eine solche Situation ausführlich beschrieben.

Bevor jetzt große Sorge ausbricht, weil man ja nicht immer wissen kann, was los ist: keine Angst! Man muss nicht immer genau das Richtige treffen, sondern oft genug. Es kommt nämlich auch auf den kindlichen Charakter und dessen Resilienz an. Robuste Kinder sind nicht so leicht zu erschüttern. Aber es gibt eben auch schon kleine Babys, die sehr irritierbar sind und schnell außer sich geraten. Es ist eine Anlage im Kind, die dann auf die Eltern trifft (nature and nurture). Leider setzt hier dann oft ein Teufelskreis ein: diese Babys fordern und überfordern ihre Bindungsperson einfach wirklich schnell und die ist natürlich irgendwann auch fertig und kann nicht mehr angemessen reagieren, weil sie am Ende ihrer Kraft ist.

Weitere Aspekte der sicheren Bindung

Der Sprache und dem Erzählen miteinander kommt eine große Bedeutung beim Bindungsaufbau zu, auch wenn das Baby natürlich nur gurrende und glucksende Laute von sich gibt. Wenn Eltern verbalisieren, was sie vom Gefühl des Kindes, von seinen Handlungen und seinem Wollen wahrnehmen, wie sie das verstehen, dann fördert das die sichere Bindung. Es ist nicht egal, worüber man mit seinem Kind redet. Ich wurde, wenn ich mit meiner Tochter unterwegs war, manchmal sehr seltsam angeschaut, weil ich, sehr lange bevor sie sprechen konnte, mit ihr im Gespräch war. Es scheint manchen Menschen seltsam vorzukommen, aber ich möchte euch ermuntern, das trotzdem zu tun. Wir können den undeutlichen Artikulationen unserer Babys so „Bedeutung, Inhalt und Gefühl“ (Brisch, S. 33) geben. Wie wundervoll, oder?

Blickkontakt und Berührung, natürlich in feiner Abstimmung aufeinander, sind ebenso wesentlich an einer sicheren Bindung beteiligt. Es ist eine Art Tanz zwischen Mutter/ Vater/ Bindungsperson und Kind, den nicht nur einer alleine tanzen kann, sondern man muss einander folgen können und sich dem Austausch auch hingeben wollen. 

Was nützt eine sichere Bindung

Eine sichere Bindung ermöglicht es, sich sowohl in nahe und befriedigende Beziehungen zu begeben, als auch sich- durchaus mit schmerzlichen Gefühlen- wieder zu lösen. Sie ermöglicht uns einen authentischen, liebevollen und zugewandten Kontakt zu uns selbst und zu unseren Mitmenschen und lässt uns interessiert und erkundungsfreudig sein. Es ist eben nicht ein Entweder/ Oder sondern ein Sowohl- als- auch.

Natürlich schützt eine sichere Bindung nicht davor, im Leben auch mal depressiv etc. zu dekompensieren, aber der Verlauf ist meistens doch ein ganz anderer. Es gibt nämlich innerlich so viel Gutes, was verinnerlicht wurde und was durch schwierige Zeiten hindurch trägt. Der Bindungsstil eines Menschen ist relativ stabil, dennoch sind wir an unterschiedliche Menschen natürlich unterschiedlich gebunden. Das Bindungskonzept reicht aber nicht aus, um die vielfältigen anderen Beziehungen hinreichend zu beschreiben. 

Mut sich Hilfe zu suchen

Was mir wichtig ist: wenn ihr merkt, dass ihr in einen Teufelskreis kommt, der euch und eure Beziehungsangebote behindert, wendet euch an erfahrene Hilfen (Kindertherapeuten, Schreiambulanzen etc., Familienbegleiter). Es ist oft nicht so wahnsinnig viel von Nöten, um diese Situation zu verändern und wieder Verständnis und Verstehen zu erlangen. Ich weiß, es ist für viele mit großer Scham verbunden, sich Hilfe von außen zu holen, aber sich einzugestehen, dass etwas schwierig läuft, ist eine wirklich große Stärke! Gemeinsam mit jemandem Außenstehenden zu schauen, wie das Baby kommuniziert, wie es seine spezifischen Bedürfnisse mitteilt, kann wirklich Wunder bewirken! Es ist wunderschön, wenn zwischen Mama und Kind das Gefühl aufkommt, dass sie einander verstehen. Damit kommt ein Ball ins Rollen, der alle Beteiligten entspannt.

Welche Arten von Bindungen gibt es? Was brauchen die unterschiedlichen Bindungstypen auch bei der Eingewöhnung?

Es gibt drei Typen der Bindung, die nicht pathologisch sind und eine, die besorgniserregend ist. Diese „desorganisierte Bindung“ ist bei Kindern aus schwierigen Familien und Konstellationen häufiger zu beobachten. Oftmals erleben sie schon früh Vernachlässigung und Verwahrlosung, physisch wie psychisch. Sie sind Fremden gegenüber oftmals distanzlos, klammern sich vielleicht auch fest und reagieren sehr widersprüchlich auf ihre Mütter, denn sie wissen nicht, was sie von diesen zu erwarten haben.

Die Beziehung ist für die Kinder nicht vorhersehbar, weil sie viel zu sehr von den Stimmungen der Bezugsperson abhängig ist und diese nicht konstant auf eine Art reagiert, sondern mal besonders freundlich, mal ganz abweisend, mal sehr gereizt und wütend, vielleicht auch gewalttätig ist. Dieser Bindungstyp ist relativ selten im Vergleich zu den nicht- patholgischen, aber auch diese Kinder sind an ihre Eltern gebunden, auf eine desorganisierte Art und Weise.

Grob unterscheidet man bei der gesunden Bindung zwischen sicher und unsicher gebunden. Es gibt dann zwei Typen der unsicheren Bindung, entweder vermeidend oder ambivalent. In einer älteren Studie (zu finden im Oerter und Montada) waren immerhin 38% der Kinder sicher gebunden, selbst wenn ihre Mutter wenig einfühlsam auf sie reagiert hat.

Kategorienbildung durch Fremde Situation Test: was sagt das aus?

Die Bindungstypen wurden aufgrund des Fremden Situation Test (Kind wird nach kurzer Phase von Mutter mit einem komplett Fremden zurückgelassen, sie kommt wieder, geht wieder raus) gebildet, denn man fand wiederkehrende Muster bei Kindern, die im Zusammenhang mit dem elterlichen Verhalten standen. Dieser Test ist nicht gleichzusetzen mit der Eingewöhnung. Er bzw. die Entwicklungen der Theorie daraus können uns helfen, den Blick für kindliches Verhalten und verdrängte Gefühle oder eine Überflutung mit Gefühlen zu schärfen. Es kann nur gut sein, wenn wir merken, dass und wie unser Kind manchmal unsicher wird. Nur wenn wir dafür einen Blick bekommen, können wir adäquat reagieren.

Vorsicht bei vorschnellen Deutungen

Es wäre anmaßend, wenn jemand meint: oh, dein Kind hat heute aber nicht auf dich reagiert und ist bestimmt unsicher gebunden.

Das ist Quatsch!

Ich persönlich glaube, dass es nicht per se darum geht, dass ein Kind immer und ausschließlich wie ein sicher gebundenes Kind reagiert. Jeder Bindungsstil passt zu dem Menschen, seiner Geschichte, zu der Familie, gehört mit zu den Wurzeln. Ich spreche mich dafür aus, von einem überwiegend (!) sicheren Bindungsstil zu sprechen, so dass es Raum gibt, nicht gleich in Panik zu verfallen, wenn ein Kind Mama bei der Rückkehr mal nicht beachtet. Das hat nicht zwangsweise etwas mit einer unsicheren Bindung zu tun.

Meine Tochter wendet sich z.B. auch oft ab bzw. mehr ihrem sie derweil betreuenden Papa zu, wenn ich nach der Arbeit heimkomme (ist bislang kein Kita- Kind) und ich erlebe es so, dass sie mir ihren Vedruss über meine Abwesenheit auch deutlich zeigt. Ist das nicht auch was Gutes? Dass unsere Kinder uns auch damit etwas mitteilen und wir sie an der Stelle auch verstehen können. Mein Mädchen braucht z.B. ein, zwei Minuten, bis sie mit mir schmusen möchte und mir zeigen kann, dass sie sich über meine Rückkehr freut. Ich bitte euch daher, die Darlegungen nicht allzu dogmatisch auszulegen, euch aber vielleicht doch auch zur Reflektion eingeladen zu fühlen.

 Sichere Bindung

Ein sicher gebundenes Kind hat eine deutliche Bindung an die Bindungsperson (BP): sie zieht sie anderen, fremden Menschen absolut vor, sucht sie in Zeiten der Beunruhigung/ Unsicherheit auf und weiß, dass die BP da sein wird. Deswegen reagiert ein sicher gebundenes Kind durchaus auch sehr intensiv auf Trennung von der BP, insbesondere wenn diese zu früh und nicht an den kindlichen Möglichkeiten orientiert ist! Es lässt sich vielleicht von einer fremden Person beruhigen, aber das ist nicht zwangsweise der Fall!

Und hier wird es ja interessant: ein Kind, dass bei der Kita- Eingewöhnung schwer einzugewöhnen ist, könnte also sicher gebunden sein. Ich sage könnte, weil man genau hinsehen muss, wie die Wiedervereinigung ist, um die sichere Bindung nicht mit der ambivalent unsicheren zu verwechseln. Das sicher gebundene Kind wendet sich aktiv seiner Mutter zu, wenn sie wiederkommt und ist dann aber nach einer gewissen Zeit auch wieder in der Lage, sich dem Spiel zuzuwenden und die Mutter auch wieder aus den Augen zu lassen.

Das sicher gebundene Kind wird bei Trennungen auch wahrscheinlich weinen, muss es aber nicht, wenn es sich durch die neue Bezugsperson ausreichend sicher fühlt und weiß, dass es Trost finden wird. Wenn sich eine positiv gefärbte Beziehung zu dem dann Anwesenden schon herausgebildet hat, dann wird das Kind seine Trauer oder Irritation (zum Beispiel durch Nachschauen) zeigen, sich dann aber nach einer gewissen Zeit auch beruhigen lassen und sich dem Spiel zuwenden.

Ein sicher gebundenes Kind zeigt Gefühle, beruhigt sich aber auch

Das ist wichtig: ein sicher gebundenes Kind kann auch weinen, wenn Mama/ Papa geht! Es hat nämlich verinnerlicht, dass es sich lohnt seinen Kummer zu zeigen (ein wesentlicher Unterschied zum unsicher- vermeidend gebundenen Kind) und es ist einfach auch traurig, wenn jemand geht, den man mag. Schön, wenn man alleine erkunden kann. Das sicher gebundene Kind weiß aber auch, dass es in der Unsicherheit wieder zu seinen Eltern zurückkann und es dort Sicherheit findet. Das Kind braucht seine BP insofern, als dass es sich rückversichert.

Man sieht das oft auf dem Spielplatz, dass kleine Kinder sich zu ihren Eltern umdrehen, manche sie dann auch holen, wenn sie etwas Neues ausprobieren. In dem Moment kann man wunderschön sehen, dass diese Kinder sich Dinge zutrauen, aber auch wissen, dass ihre Eltern das unterstützen, wenn es nötig ist. Der Blick sagt dann: ja, mach ruhig. Ich stehe hinter dir! Mit fortschreitendem Alter wird das Kind immer weitere Kreise um die Eltern ziehen, aber immer wieder auch in irgendeiner Form Kontakt suchen.

Es gibt auch sicher gebundene Kinder, die bei Trennungen nicht weinen, denen man aber anders anmerkt, dass die Trennung sie irritiert. Sie können Mama nachsehen und das nicht so toll finden. In irgendeiner Form reagieren sie, sie ignorieren die Trennung jedenfalls nicht.

Objektkonstanz entwickelt sich: eine innere Bindung in Abwesenheit

Mit zunehmender Objektkonstanz nimmt die Trennungsreaktion auch ab: das Bindungsverhalten, dass wir von Einjährigen kennen, ist mit drei Jahren so nicht mehr, zumindest bei den meisten, zu sehen. Objektkonstanz beschreibt, dass das innere Bild der Personen auch bei deren Abwesenheit bestehen bleibt, das es eine Idee/ Repräsentanz von der Person gibt. Bei ganz kleinen Babys geht man davon aus, dass die abwesende Mutter als die „böse“ Mutter vom Kind erlebt wird, da sie das Kind mit seinen überflutenden Gefühlen und Bedürfnissen zurücklässt. Das kleine Kind spaltet noch stark in die gute und die böse Mutter auf. Es ist ein bedeutsamer Schritt, wenn das Kind erkennt, dass Mama sowohl böse als auch gut ist und dass es sich dabei um dieselbe Person handelt. Ihre Abwesenheit wird dann nämlich erträglicher und das Kind beginnt zu fantasieren und sich eine weitere, neue und spannende Welt zu erschließen.

Ambivalent unsichere Bindung

Ein ambivalent unsicher gebundenes Kind reagiert ähnlich auf die Trennung und weint intensiv. Es lässt sich wahrscheinlich kaum trösten oder ablenken. Der Knackpunkt ist aber die Wiedervereinigung: das Kind ist ambivalent in seiner Kontaktaufnahme, meist wird es sich anklammern, aber auch gleichzeitig irgendwie abwenden. Mütter ambivalent gebundener Kinder reagieren eher unbeständig auf die Kinder. Mal reagieren sie prompt und angemessen auf das Weinen der Kinder, mal gar nicht. Diese Mütter werden als selber ängstlich und von ihren Gefühlen überwältigt beschrieben. Das ambivalent gebundene Kind klammert und exploriert kaum die Umgebung, bleibt eher bei der Bindungsperson. Es weiß ja nicht, wie die Mutter reagiert, wenn es sich loslöst. Wird sie das positiv unterstützen oder wird sie ihm Angst machen, was alles gleich passiert, dass es hinfallen wird etc.?


Ein ambivalent gebundes Kind braucht daher (z.B. in der Kitaeinegwöhnung) eine behutsame Erzieherin, die sehr viel Sicherheit vermittelt und sich als wirklich sichere und verlässliche Alternative anbietet, die stark ist, diese Tränen auszuhalten. Das Kind wird schreien, sehr stark sogar. Es wird sich wahrscheinlich auch nicht beruhigen lassen, weil es eben nicht weiß, ob danach mit Mama wieder alles ok ist oder ob sie böse und abweisend sein wird. Lieber nicht riskieren, dass die Beziehung in Gefahr gerät. Meiner Meinung nach müsste eine Kita hier wirklich schnell handeln und die Mama auch gut begleiten, damit sie sich lösen kann und die Ambivalenz, die die Trennung für sie bedeutet, besprechen kann. Das ist sehr personalaufwändig, aber es wäre einfach das Beste für alle.

Unsicher- ambivalent: Sicherheit und Ruhe


Ich habe mal in einem interessanten Vortrag einer Psychologin, die Kitas schult gehört, dass ambivalent gebundene Kinder emotional sozusagen wieder runtergebracht werden sollten. Das hieße, sie nicht noch weiter mit Spiegelungen „du bist so traurig“ zu destabilisieren, sondern sie etwas abzulenken, um eine schöne Erfahrung zu ermöglichen. Es ist ein Spagat zwischen Anerkennung der Gefühle einerseits und andererseits dem Anbieten einer äußeren Struktur. Das kleine Kind weiß nicht, was ihm in dem Moment noch gut täte außer bei Mama sein (aus der Angst heraus), daher wäre es schön, wenn der Erwachsene dann versucht Angebote zu machen (spielen, singen etc.).

Mütter dieser Kinder sind einerseits sehr herzlich, andererseits aber manchmal auch sehr abweisend und unerreichbar. Der Gefühlsausdruck des Kindes ist daher wahrscheinlich so „übertrieben“ (Oerter, S.200), damit sie auch wirklich wahrgenommen werden, denn es lässt sich für sie nicht mit Sicherheit voraussagen, dass ihre Mutter angemessen reagieren wird.

Ich habe hier einen weiteren tiefergehenden Text nur zu dem Bindungstypus unsicher- ambivalent geschrieben.

Unsicher- vermeidend gebundene Kinder


Das Drama der unsicher vermeidend gebundenen Kinder ist das, dass sie still leiden! Dass sie nicht zeigen, dass die Trennung sie schmerzt, sie beschäftigt. In Studien wurde mehrfach nachgewiesen, dass unsicher vermeidend gebundene Kinder am meisten Cortisol, ein Stresshormon, ausschütten, wenn es um die Trennung geht. Als Analytikerin wundert mich das nicht, denn sie zeigen ihre Gefühle nicht, die Gefühle kommen nicht raus, sondern werden körperlich abgeführt.


Auch bei der Wiedervereinigung reagieren die Kinder kaum auf ihre Bezugsperson. Sie sind weiter im Spiel vertieft und „machen keine Probleme/ Theater“. Es sind die in dieser Situation ausgesprochen pflegeleichten Kinder, die innerlich leiden.
Deswegen ist es enorm wichtig, dass diesen Kindern bei Trennungen vom Anwesenden gespiegelt wird, wie sie sich innerlich fühlen (könnten).

Unsicher gebunden: Zugang zu Gefühlen ermöglichen

„Das ist ganz schön schade/ traurig, dass Mama jetzt geht“. Wahrscheinlich wird das mit Schulterzucken oder gar nicht beantwortet. Immer wieder muss man das sagen, um dem Kind den Zugang zu seinen eigenen Gefühlen zu ermöglichen.


Es gibt erwachsene Patienten, die ich als ehedem unsicher vermeidend bezeichnen würde. In bis zu 300 Stunden Therapie weinen sie oft nicht ein Mal. Das ist beachtlich, da es primär um sehr schmerzliche Erfahrungen und Gefühle geht. Diese sind aber eben oft kognitiv und nicht etwa emotional zugänglich. Diese Rationalität ist eine Art Schutzmantel, der ihnen schon in früher Kindheit beigebracht wurde. Es kann durchaus Spaß machen, sich rein kognitiv auseinanderzusetzen. Oftmals wird dann aber eine gewisse Flachheit in der Beziehung spürbar.


Unsicher gebundene Kinder stecken scheinbar vieles weg. Meiner persönlichen Erfahrung nach würde ich aber sagen, dass sie in hohem Maße somatisieren. Sie drücken also psychischen Schmerz körperlich aus. Häufiges Bauchweh oder Kopfweh kann darauf hinweisen.

Die Mutter dieser Kinder ist ein eher emotional abweisender Mensch. Klar in den Ansagen, nicht viel Schischi um Gefühle machen, eher handeln als fühlen. Sie teilt sich ihrem Kind eher sachlich als gefühlsbetont mit. Mütter dieser Kinder mögen keine starken Gefühlsausbrüche (wie z.B. heftiges Weinen). In Längstschnittstudien konnte gezeigt werden, dass diese Mütter früh von ihrem Baby eine eigenständige Gefühlsregulation erwarten (Oerter, S.199).

Bindung der Eltern

Der Bindungsstatus der Eltern hat natürlich einen enormen Einfluss auf die Bindungssicherheit der Kinder. Mary Aintsworth (eine der Pionierinnen in der Bindungsforschung) hat ein Interview (AAI) entwickelt, aus dem man erkennen kann, welchen Bindungsstil Erwachsene haben. Sie unterscheidet dabei verschiedene Typen, die sich in ihrer Erzählweise während des Bindungsinterviews unterscheiden. Die Erzählweise greift das verinnerlichte Bild auf. Es werden die Repräsentanzen (innere, durchaus verzerrte Bilder der Personen) unterschiedlich dargestellt.

abweisende Eltern

berichten keine Erinnerungen an Interaktionen zu haben bzw. negieren sie den Einfluss der Interaktionen. Die Erzählungen passen nicht zusammen bzw. sind widersprüchlich. Z.B. „Ganz tolle Mama gehabt“. 30 Minuten später „immer wenn ich hingefallen bin, war meine Mutter wütend auf mich“.


verstrickte Eltern

können vor lauter emotionaler Geladenheit kaum eine kohärente Geschichte erzählen, sie sind in ihren Erinnerungen wie gefangen. Oftmals werden Episoden mit überschwappenden und teilweise verwirrenden/ verwirrten Gefühlen geschildert. „Ich war so so wütend auf meine Mutter, dass ich den Schlüssel nach ihr warf“

autonome Eltern (sicher gebunden) 

beschreiben kohärent und konsistent (also passend zum Affekt und in sich schlüssig) sowohl Positives und Negatives an Erinnerungen und Eigenschaften der eigenen Eltern.

ungelöste Eltern (desorganisiert)

leiden unter postraumatischen Einflüssen durch ihre eigenen Eltern und haben sich davon noch nicht befreit.

Was Eltern in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben, wie sie selbst gebunden waren, hat einen großen Einfluss auf das Beziehungsangebot, das sie ihren eigenen Kindern machen. Sie sind eben einfach auch erwachsene Kinder, deren inneres Kind weiterlebt. 
Ich habe euch hier mal Grafiken eingescannt. Ich finde sie auch deswegen interessant, weil deutlich wird, dass nicht nur der Bindungsstil der Eltern relevant ist. Sonst würden nicht bei allen Bindungstypen der Kinder auch autonome Eltern vorkommen. Insofern kann es auch ganz entlastend sein, dass man als Eltern zwar Einfluss, aber eben keine 100 % Sicherheit hat.

aus: Pauen, S. (Hrsg.) Entwicklungspsychologie im Kinder- und Jugendalter

Kritisches zur Bindungstheorie

Meine Kritik, die natürlich durch die analytische Community geprägt ist, bezieht sich auf die enorme Vereinfachung der menschlichen Psyche. Es geht im Leben um weit mehr als um Bindung! Die menschlichen Gefühle sind unheimlich vielfältig, irrational und wunderbar. Sie entstehen nicht nur aus der Bindungserfahrung heraus, sondern aus dem je eigenen Inneren, aus den eigenen Bildern und Fantasien. Leider bleibt das Triebhafte, das Lustvolle, in der Bindungstheorie außen vor.

Ich höre immer wieder, wie Eltern im Namen der guten Bindung Autonomie untergraben. Bindung und Autonomie sind zwei Seiten derselben Medaille. Ziel der Bindung ist, dass nach und nach die reale Beziehungserfahrung ins Innere übernommen wird. Dadurch entsteht eine positive Beziehungserwartung auch an andere Personen.

Loszulassen und Kindern eine altersgerechte Autonomie zuzugestehen, ist wesentlich.

Zum – offenen – Abschluss

Ganz grundlegend ist mir aber auch noch wichtig, folgenden Sachverhalt zu betonen. Wenn ein Kind sich von seinen primären Bezugspersonen trennen muss, dann reagiert es aus diesem erfahrenen Beziehungsrahmen. Die neue Betreuungsperson baut auch wieder eine Bindung zu ihm auf, indem es auf seine Gefühle reagiert. Es greifen dann also mehrere Bindungssysteme ineinander. Manche Kinder sind an ihre weiteren Betreuer durchaus auch sicherer gebunden, wenn jene eben auf die oben beschriebene feinfühlige Art und Weise reagieren. Daher ist es auch wichtig, dass Kinder die Möglichkeit haben, Bindungen zu verschiedenen Menschen aufzubauen.


Ein Kind kann sich glücklich schätzen, wenn es ein sicheres Bindungsnetzwerk hat. Oma, Opa, nahe Freunde sind für die Entwicklung sehr hilfreich. Sie zeigen die Vielfalt an Beziehungen und deren Möglichkeiten. Die emotionale Flexibilität kann davon profitieren, sofern es einen sicheren Hafen gibt, dem das Kind sich immer zuwenden kann. Dabei muss nicht immer alles so sein, wie wir als Eltern uns das vorstellen. Natürlich nehme ich als Mutter wahr, wen ich in seinen Beziehungsangeboten auf mein Kind abgestimmt erlebe. Demjenigen kann ich dann, wenn eine entsprechende Bindung stattgefunden hat, auch mit ruhiger Seele mein Kind anvertrauen. Das sollte aber alles nicht erzwungen und überstürzt sein.

Eine echte (!) Bindung aufzubauen, braucht Zeit.

Prinzipiell lässt sich festhalten: Gefühle zu zeigen, ist gesund. Davon dann „nach einer gewissen Zeit“  auch wieder Abstand zu nehmen ist genauso wichtig, weil die Gefühle dann nicht überrollen. Die Überzeugung kann wachsen, dass man die eigenen Gefühle aushält und sich nicht in ihnen verliert.