Mama, und wann stirbst du? – Freitagslieblinge (16)

//Mama, und wann stirbst du? – Freitagslieblinge (16)

Mama, und wann stirbst du? – Freitagslieblinge (16)

Es gibt Gespräche, auf die ist man einfach nicht so richtig vorbereitet, egal wie sehr man sich auch darum bemüht, vorbereitet zu sein. Gespräche über den Tod gehören offenkundig dazu. Ich habe mich schon vor dieser Woche mit der Frage auseinander gesetzt, wie man mit Kindern über den Tod sprechen kann. Nicht allumfänglich, aber immer mal wieder. Meist, wenn wir Blogger*innen Kinderbuchempfehlungen oder Erfahrungsberichte in meine Timeline spülten und ich zugleich selbst dazu bereit war, mich mit derlei Fragen auseinander zu setzen.

Kinderbücher über den Tod. Bis zu dieser Woche standen ebensolche nicht in unserem Buchregal. Nun schon. Sehr schöne sogar – sofern man das bei einem solchen Thema sagen darf.

Ich sage, man darf. Der Tod gehört unweigerlich zum Leben dazu. Er ist die stets mitgeführte, unsichtbare Seite eines jeden lebendigen Moments. Der Tod begleitet viele von uns für eine lange Zeit ganz still. Andere haben schon früh und viel zu häufig Begegnungen mit ihm. Schmerzhafte Begegnungen.

Nur weil der Tod zum Leben dazu gehört, spendet dies nicht unweigerlich Trost. Wir Erwachsenen wissen schließlich, dass der Tod ein unumkehrbarer Abschied ist. Ein Abschied für immer, zumindest für das Diesseits.

Abschied. Für immer. Unumkehrbar. Niemals wieder miteinander lachen, weinen, kuscheln, streiten, sich versöhnen, Geheimnisse austauschen. Wie soll man das einem Kind verständlich machen, wenn man es doch selbst nicht gänzlich versteht?

 

Manchmal ist der traurigste Moment auch der liebste mit den Kindern

Unser traurigster Moment war zugleich mein liebster, denn er war voller Liebe.  Nachdem ich mit meiner Tochter erste Weihnachtskarten bastelte – meine ersten überhaupt, um ehrlich zu sein – lotste ich sie zur Couch. Ich fing gerade heraus an. Er sei gestorben. Tot.

Nach ersten Erklärungsversuchen nahm ich zwei Bücher zur Hand. Diese hatte uns eine Kitaerzieherin mitgegeben. Wir lasen gemeinsam. Immer wieder Fragen.

Fragen, die kein Erwachsener endgültig zu beantworten vermag, weil der Tod uns Lebende stets mit Fragen zurück lässt. Und so erwartbar die folgende Frage auch ist, so trifft sie mich dennoch mit voller Wucht: „Mama, muss ich auch sterben?“

…und  dann: „Mama, und wann stirbst du? Müsst ihr auch sterben?“

Da steht sie. Mein kleines Mädchen. Mit Tränen in den Augen. Sie will nicht, dass wir sterben. Vor ihr sterben. Sie will nicht allein sagen. Angst.

Und dann ganz plötzlich ein lautes Schluchzen und die Feststellung, dass sie dann doch nicht allein wäre. Da wäre noch ihr Bruder. Oder?

Ich bejahe und unter Tränen – auch der Freude – beruhigt sie sich. Ja ihr kleiner Bruder sei noch da.

Es  folgen noch viele Fragen. Aber der große Schreck scheint vertrieben. Zwischendurch kommen immer wieder neue Fragen auf, doch nicht mehr ängstlich und traurig, sondern wissbegierig. Sie sind Resultat kindlicher Neugierde. Ihre erste Begegnung mit dem Tod hat einen Raum für Fragen eröffnet. Die tragische Tragweite, die wir Erwachsenen verspüren, ist ihr noch fremd. Die Fragen, mit denen sie dem Tod gegenüber tritt, lassen auch mich nachdenken. Erinnern. Fühlen.

 

Erste Kinderbücher über den Tod

Es sind diese beiden Kinderbücher über den Tod, die mir die liebsten in dieser Woche sind. Sie haben eine Brücke für uns zwei zu diesem nicht ganz leichten Thema gebaut.

 

Erste Kinderbücher über den Tod | Mama, und wann stirbst du? | Terrorpüppi | Reflektiert, bedürfnisorientiert, gleichberechtigt

Die  besten Beerdigungen der Welt und Oma trinkt im Himmel Tee. Es sind Bücher, die jeweils in sich geschlossene Geschichten erzählen und doch ganz viel Raum für Fragen, für Erinnerungen, für Liebe und Schmerz lassen.

Wir fingen mit Die besten Beerdigungen der Welt* an. Es setzt in der Welt der Kinder an. Bei ihren Fragen, ihrer Fantasie, ihrem Alltag – in welchem die Kinder immer wieder neue Herausforderungen, neue Abenteuer suchen. Gerade bei diesem Buch kamen wir unglaublich gut ins Gespräch. Es hatte eine gewisse Leichtigkeit, weil es nicht nur Trauer als Emotion in Szene setze. Der Tod wurde weder ins Lächerliche gezogen, noch zeigte er auch ausschließlich düster. Der Zugang zum Tod war für uns an dieser Stelle zudem einfacher, weil Tiere beerdigt worden sind.

Das zweite Buch ist hingegen sehr viel dunkler von der Stimmung und zugleich unglaublich liebevoll. Die Beziehung (en) zum Sterbenden rücken ins Blickfeld. Beim Ende von Oma trinkt im Himmel Tee* musste ich mich selbst ziemlich zusammen reißen. Erinnerungen an geliebte Menschen, die bereits dem Tod begegnet sind, überwältigten mich beinahe. Zugleich war es sehr tröstlich.

Ich könnte noch so viel mehr schreiben zu diesen (und anderen Büchern) – und ich werde es auch. Aber nicht heute.

Sonnenstrahlen durchfluten den düsteren Himmel

Wann sterbe ich? Wie werde ich mich fühlen? Werde ich wissen, dass der Tod auf mich wartet? Ich neige, glücklicherweise, nicht dazu, mich in negativen Gedanken zu verlieren. Der Tod als Thema lässt jedoch auch mich nicht ganz los. Und dann ganz plötzlich, ich laufe gerade nach der Arbeit zu meinem Auto, sehe ich es.

Ein tiefdunkler Himmel. Das Oben droht bedrückend nach unten. Zugleich sonnendurchflutete Bäume und Hauswände. Lichtstrahlen erschaffen aus dem Nichts ein beeindruckendes Gegengewicht. Mein liebster Moment nur für mich.

Es sieht wunderschön aus… dieser Himmel hinter und über den strahlenden Bäumen und Häusern. Ich bleibe kurz stehen. Staune. Atme den Geruch nasser Blätter ein. Ich fühle mich gerade sehr lebendig.

 

Ein kurzer Moment des Genusses

In unserem Leben darf nicht die Schwere Einzug halten. Der Mann und ich nutzen die Gelegenheit, als es das Tochterkind überraschend früh ins Bett zog, und bestellten uns Sushi. Genuss und Ablenkung.

Sushi – mein liebstes Essen in dieser Woche.

 

Ein Quell der Inspiration: Das Tochterkind

Ja, wie wird es denn nun sein, wenn ich sterbe? Was passiert genau, wenn man stirbt? Was heißt für immer? Was ist der Himmel? Warum kann man dem Sterbenden nicht mehr helfen? Warum muss man sterben? Wo ist man nach dem Tod? Wieso läuft eine Beerdigung so ab? Warum werden nicht alle Tiere auch beerdigt? Weint man immer, wenn jemand stirbt? …

In dieser Woche habe ich genug Inspiration für ein ganzes Leben gefunden. Zumindest für jene Zeiten, in denen der Tod an die Tür klopft…

 

Herzlichst

Jessi

 

Noch mehr Freitagslieblinge findet ihr natürlich wie immer bei der BerlinMitteMom.

 

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By | 2017-11-24T19:08:41+00:00 November 24th, 2017|Zum Miterleben und Mitfühlen|2 Comments

About the Author:

Mutter von Zweien, Berlinerin, Soziologin, Bloggerin. Jessi ist die Gründerin des Blogs Terrorpüppi. Sie bevorzugt eine undogmatische Sicht auf Familie und Gesellschaft, fordert aber von sich und anderen klare Haltungen ein. Jessi liebt Schokopudding und Berlin, ist Working Mom, Serienjunkie und liebt und lebt gleichberechtigte Partnerschaft und Elternschaft. Mit ihrer soziologischen Perspektive setzt sie sich gerne kritisch-reflektiert mit familiären und gesellschaftlichen Fragen auseinander, zugleich hat sie eine unbeirrbar optimistische Lebenseinstellung.

2 Comments

  1. Lila 24. November 2017 at 22:12 - Reply

    Ich kann mich sehr gut an den Moment erinnern als mich mein Sohn genau diese Fragen gestellt hat. Wir waren spazieren, es war kalt und er fragte plötzlich ob jeder sterben müsste. Ob auch ich dann sterbe und ob auch er sterben müsste. Und obwohl der Tod zu meinem Berufsalltag gehört und ich tagtäglich viele schwierige Gespräche führe, musste ich in diesem Moment schlucken. Auf so eine Frage war ich nicht gefasst. Ich habe diesen Moment auch als sehr innig empfunden. Ich habe ihm alle Fragen ehrlich beantwortet und auch bei uns gab es Tränen. Vor allem bei mir. Mich hat es sehr berührt wie mein Kleiner mit diesem Thema umgeht. Kinder haben dazu einen so besonderen Zugang. Leben und Tod liegt so nah bei einander und wir Erwachsene können kaum damit umgehen. Verschweigen lieber und trauern in uns hinein. Kinder sind da so viel offener.

    Danke für deinen Beitrag! Er kommt gerade zum richtigen Zeitpunkt, denn heute musste ich viel über den Tod nachdenken.

    • Terrorpueppi 26. November 2017 at 18:00 - Reply

      Liebe Lila,

      ich habe das Gespräch zwischen dir und deinem Sohn gerade richtig vor Augen. Ich glaube, so ein Gespräch mit dem eigenen Kind kann gar nicht einfach sein, egal wie sehr beruflich mit dem Thema auch zu tun haben mag. Die eigene Vergänglichkeit und die Vergänglichkeit der eigenen Kinder ist ja höchst emotional.

      Danke für deinen Kommentar <3

      liebsten Gruß
      Jessi

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