Wenn ein Kind stirbt

Wenn ein Kind stirbt

Das Thema Tod hat mich oder viel mehr uns als Familie in den letzten Monaten sehr beschäftigt. Nicht umsonst hatte ich schon im November im Rahmen meiner Freitagslieblinge die Frage meiner Tochter aufgegriffen: „Mama, und wann stirbst du?„. Dabei ist der Tod dermaßen komplex, dass wir ihn nicht nur nicht gemeinsam mit unseren Kindern so recht begreifen, sondern ich mir explizit auch Gastbeiträge zu diesem schwierigen Thema gewünscht habe. Antje hatte bereits gemeinsam mit mir zu Trost und Trauer mit Kindern nachgedacht.

Mit Lila vom Blog Erdbeerpause habe ich nun eine weitere und vor allem ganz besondere Autorin für dieses nicht ganz leichte Thema gewonnen. Sie schreibt heute aus ihrer professionellen Sicht – da sie in einem ambulanten Kinderpalliativteam arbeitet – und sie gibt zugleich persönliche Einblicke, denn auch privat gab es mit dem Tod schon Berührungspunkte.

Dem heutigen Gastbeitrag möchte ich eine TRIGGERwarnung vorwegsetzen, denn wenn Kinder sterben, berührt das in besonderer Weise. Wer persönlich betroffen ist, mag durch so einen Text möglicherweise in besonderem Maße getroffen werden.


Lila ist fast 30 und lebt mit ihren drei Kindern und dem Liebsten im bayerischen Hinterland. Auf Erdbeerpause schreibt sie über ihren bedürfnisorientierten Familienalltag, über ein nachhaltiges, gesünderes Leben, über Mutterschaft und alles was sie sonst noch so bewegt, erfreut oder manchmal auch richtig nervt.

Der Tod gehört zum Leben dazu! Er ist unaufhaltsam! Dennoch fehlt es uns schwer darüber zu sprechen. Wir versuchen das Thema zu vermeiden und viel zu viele setzen sich ihr ganzes Leben lang nicht mit ihrem Tod auseinander! Sie haben es so gelernt, denn schon als Kind hieß es „darüber spricht man nicht“. Dabei könnte man hier den Grundstein für einen natürlichen Umgang mit dem Tod legen. Kinder haben einen anderen Zugang zum Thema Tod und Sterben. Sie sind interessiert und neugierig und haben keine Berührungsängste.

Wenn ein Kind stirbt

Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen. Dabei ist es schon vier Jahre her. Ich arbeite als Sozialpädagogin und Koordinatorin in einem ambulanten Kinderpalliativteam. Es war das erste Mal, dass ich alleine einen Hausbesuch machte. Ohne eine Krankenschwester oder einen Arzt. Die Familie, die ich besuchte, hatte sozialrechtliche Fragen und bat um Beratung. Soweit nicht ungewöhnlich als Sozialpädagogin. Das Besondere in der Familie war, dass sich ein Palliativpatient in der Wohnung befand. Ein vier Jahre alter Junge, der vor zwei Jahren an einem Hirntumor erkrankte. Nach etlichen Therapien konnten die Ärzte nichts mehr für ihn tun und wir, das Kinderpalliativteam, wurden eingeschaltet. Über ein Jahr haben wir die Familie auf ihrem Weg begleiten, haben Höhen und Tiefen durchgestanden und sind letztendlich in der Situation angekommen, die unsere Arbeit so besonders schwer macht. Der Tumor ist gewachsen und der Familie blieb nicht mehr viel Zeit.

Als ich die Wohnung betrat, kam mir die weinende Mama bereits entgegen. Einige Verwandte waren da, es wurde viel geweint und geschwiegen. Für mich ist das immer sehr schwer auszuhalten. Da hilft auch noch so viel Berufserfahrung nicht. Diese Situationen sind auch für uns schwierig. Ich möchte so gerne trösten, so gerne mehr tun, aber jedes Wort ist zu viel! Also war ich einfach da und habe die Stille mit ausgehalten. Im Nebenzimmer spielten die Kinder. Alle waren eingeweiht. Sie wussten, dass ihr Freund, Bruder und Cousin bald nicht mehr da ist. Dennoch war die Stimmung gut. Es wurde gelacht und gespielt. Von außen betrachtet war keine Trauer sichtbar, aber sie war da. Die Kinder haben sehr unbefangen darüber gesprochen und jeder hatte eine eigene Vorstellung vom Tod.

Einige Tage später hat dieser kleine, mutige Junge sein Spielzeug verschenkt. Die Lieblingsautos bekam der Vater. Er hat sich vorbereitet und wusste, dass er jetzt bald gehen muss. Er war traurig, aber nicht verzweifelt. Seine große Schwester (6) war die ganze Zeit bei ihm. Der offene Umgang mit dem Tod ermöglichte es allen, Abschied zu nehmen. Am Ende war alles friedlich und unendlich traurig!

Kinder trauern anders

Kinder sind genauso traurig, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Es zeigt sich oft nur anders. Freude, Wut und Trauer liegen häufig nah beieinander. Im einen Moment wird geweint und im nächsten Moment wird gewütet oder gelacht. Manche Kinder verstummen, andere tun so, als wäre es ihnen egal und bei vielen bleibt die Wut auf den Verstorbenen. All diese Gefühle können sich auf einmal zeigen oder über Jahre hinweg immer mal wieder aufflammen. Umso wichtiger ist es, sensibel zu sein, Kinder in ihrer Trauer zu begleiten und die Gefühle anzuerkennen. Jedes Verhalten ist richtig! Jedes Verhalten macht Sinn!

Das Kinderpalliativteam betreute eine Familie mit zwei Mädchen. Die eine Tochter starb zu Hause an dem Tag, an dem die Schwester einen Auftritt hatte. Dieser verlor auch durch das Versterben nicht an Wichtigkeit. Sie wollte unbedingt trotzdem hin. Ihre Eltern haben das Bedürfnis hinter diesem Wunsch verstanden und sind mit der Tochter zu ihrem Auftritt. Sie musste die letzten Jahre so viel zurückstecken, so dass es einfach sehr wichtig für sie war. Das Mädchen war natürlich traurig, dass ihre Schwester nicht mehr da ist, aber sie hatte auch Bedürfnisse! Die verstorbene Tochter blieb nicht alleine, das Kinderpalliativteam war bei ihr, bis die Familie wieder zurück kam.

Mir ist bewusst, dass dies eine sehr spezielle Situation ist und viele sich ein solches Vorgehen nicht vorstellen können. Und auch für die Eltern war es unglaublich schwer so zu handeln. Aber es zeigt, wie wichtig es ist, im Falle von Trauer und Tod jeden Einzelnen wahr zu nehmen.

Mit Kindern über den Tod sprechen

Kinder interessieren sich schon recht früh für den Tod! Sie stellen viele Fragen und haben ein Recht darauf, so ehrlich wie möglich darauf eine Antwort zu bekommen. Ich würde aus der beruflichen Erfahrung heraus immer dazu übergehen, den Tod als das zu benennen, was er ist. Sterben bedeutet Beendigung des Lebens – es bedeutet Abschied und Trauer. Natürlich ist es nicht leicht und es erzeugt unglaublich viel Traurigkeit, aber das ist in Ordnung. Einen Menschen zu verlieren ist traurig und das dürfen wir zeigen. Jedes Gefühl muss erlaubt sein.

Wenn ein Kind stirbt. Mit Kindern über den Tod reden, Kinder beim Sterben begleiten. Ambulante Kinderpalliativmedizin und -begleitung | Terrorpüppi | Reflektiert, bedürfnisorientiert, gleichberechtigt

Auf welcher Art und Weise man mit Kindern darüber spricht, ist von Familie zu Familie verschieden. Viele Eltern nehmen Bücher zur Hand, andere erklären es auf Basis einer Religion. Ich verwende weder Bücher, noch sind wir religiös. Ich glaube an kein Leben danach und dennoch kann ich meinem Kind etwas auf den Weg geben. Denn was wir glauben oder nicht, ist sehr persönlich und jeder muss selbst herausfinden was sich für ihn richtig anfühlt.

Unser persönlicher Weg

„Mama muss ich auch sterben?“ Wir hatten schon häufiger über den Tod gesprochen, aber diese Frage ließ mich dann doch kurz stocken. Am liebsten hätte ich verneint, einfach um meinen damals dreijährigen die Traurigkeit zu ersparen, aber das wäre nicht richtig. Ich wollte ihn nie anlügen. Also habe ich ihm gesagt, dass wir alle sterben müssen, wenn wir alt sind oder manche schon früher. Das zu verstehen, war für ihn schwierig. Es folgten viele Gespräche und Fragen. Alles habe ich so ehrlich wie möglich beantwortet. Obwohl in meinem Büro viele Kinderbücher über den Tod stehen, habe ich keines davon herangezogen. Ich wollte kein Medium zwischen uns. Für uns war das so richtig!

Die erste Beerdigung, auf der meine Kinder waren, war eine Beisetzung für einen fernen Bekannten meiner Mutter. Ich selbst kannte ihn nicht besonders gut, meine Kinder gar nicht. Und dennoch sind wir da hin. Das mag jetzt makaber klingen, aber ich habe die Chance genutzt, damit vor allem mein Großer sehen kann, wie eine Beerdigung abläuft. Er war sehr interessiert und hat alles genau verfolgt, ohne selbst traurig zu sein. Auf dieser Basis konnte ich seine Fragen noch besser beantworten. Er hatte jetzt eine konkrete Vorstellung.

Letztes Jahr starb dann meine Oma im Alter von 75 Jahren sehr plötzlich. Mein kleiner Wirbelwind kannte sie kaum, aber der große Bruder hatte sie sehr gerne und war dementsprechend auch sehr traurig. Sie wurde nach ihrem Versterben aufgebahrt und man konnte sie in dieser Aufbahrungshalle besuchen. Ich war dort, um mich zu verabschieden. Die Kinder haben ein Bild gemalt und ein Foto ausgesucht, damit ich es in den Sarg mit hineingeben konnte. In die Halle habe ich sie jedoch nicht mitgenommen, weil ich dachte das wäre zu heftig. Im Nachhinein bereue ich meinen damals fünfjährigen nicht gefragt zu haben, denn er hätte die Oma gerne noch einmal gesehen. Ich denke, ich hätte ihn auch in dieser Situation gut begleiten können. Der Anblick eines toten Menschen muss nicht verstören. Meine Oma sah wie ein Engel aus. Sie war wunderschön und lag friedlich da. Der Tod hatte in diesem Moment auch für mich seinen Schrecken verloren.

Bei der Beerdigung waren sie natürlich dabei. Der große Sohn saß in der ersten Reihe, direkt neben dem Sarg und hat alles ganz genau beobachtet. Am Grab hat er Blumen auf den Sarg gelegt und der Oma „Tschüss“ gesagt. Es war traurig und es flossen Tränen!

Ich würde immer wieder so handeln, bis auf einen Unterschied! Das nächste Mal werde ich meine Kinder genau fragen, was sie sich wünschen. Und ich werde diesen Wunsch respektieren und versuchen ihn zu ermöglichen.

Trauerbegleiter als Unterstützung

Ich konnte in dieser Situation meine Kinder schon alleine aufgrund meines beruflichen Background sehr gut darauf vorbereiten und beide in ihrer Trauer begleiten. Ich selbst war traurig, aber auch sehr gefasst. Sollte das nicht der Fall sein, kann es sinnvoll sein, Hilfe zu holen. Diese gibt es beispielsweise bei den örtlichen Hospizvereinen. Viele haben mittlerweile ausgebildete Kindertrauerbegleiterinnen und Kindertrauergruppen. Nachfragen kann man auch auf den Palliativstationen der Kliniken oder in den Palliativteams. Normalerweise sind alle gut vernetzt und können die geeignete Hilfeleistung vermitteln.

Vor allem wenn man selbst sehr mit sich selbst beschäftigt ist, macht es Sinn jemanden zu beauftragen, der sich auf der Beerdigung um die Kinder kümmert. Das kann der Papa, die Oma oder einfach eine liebe Freundin sein. Viel zu oft habe ich auf Beerdigungen erlebt, dass die Kinder außen vor standen und mit sich sehr alleine waren. Das sollte nicht passieren und da würde ich mich bereits im Vorfeld um eine geeignete Betreuung kümmern.

Für Fragen diesbezüglich oder Beratung zu Unterstützungsangeboten stehe ich gerne zur Verfügung!

Eure,

Lila♥

 


Liebe Lila, ich danke dir für deinen wirklich sehr berührenden Beitrag. Ich bewundere dich für deine Arbeit und wünsche dir auch für die Zukunft ganz viel Kraft, um diesen unglaublich wichtigen, emotional sehr belastenden Beruf auszuüben. Es braucht Menschen wie dich.

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Wenn ein Kind stirbt. Mit Kindern über den Tod reden, Kinder beim Sterben begleiten. Ambulante Kinderpalliativmedizin und -begleitung | Terrorpüppi | Reflektiert, bedürfnisorientiert, gleichberechtigt

By | 2018-04-10T21:12:11+00:00 April 11th, 2018|Categories: Allgemein, Zum Nach- und Weiterdenken|Tags: , |0 Comments

About the Author:

Mutter von Zweien, Berlinerin, promovierte Soziologin, Bloggerin. Jessi ist die Gründerin des Blogs Terrorpüppi. Sie bevorzugt eine undogmatische Sicht auf Familie und Gesellschaft, fordert aber von sich und anderen klare Haltungen ein. Jessi liebt Schokopudding und Berlin, ist Working Mom, Serienjunkie und liebt und lebt gleichberechtigte Partnerschaft und Elternschaft. Mit ihrer soziologischen Perspektive setzt sie sich gerne kritisch-reflektiert mit familiären und gesellschaftlichen Fragen auseinander, zugleich hat sie eine unbeirrbar optimistische Lebenseinstellung.

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