Du kannst alles werden mein Kind?

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Du kannst alles werden mein Kind?

Ich sitze mit meiner Tochter im Auto auf dem Weg zur Kita, da schallt es von hinten: „Mama, sind eigentlich nie Frauen Bauarbeiter?“  Jede Erklärung, die ich ihr im Folgenden gebe, ruft bei ihr neue Fragen hervor. Doch nicht nur bei ihr, sondern auch bei mir. Genderfragen lassen mich, nein lassen UNS nicht los (Hier geht’s zu meinem Text über das Genderchaos in meinem Kopf).

Es ist unlängst allgemein bekannt, dass die Geschlechterverteilung in zahlreichen Berufen sehr ungleich verteilt ist. Auf dem Bau oder in höheren Managementpositionen arbeiten fast ausschließlich Männer, in Kitas hingegen meist nur Frauen. Nicht selten werden gerne auch biologistische Argumente herangezogen für die ungleiche Verteilung. Ja es gibt sogar Europapolitiker wie Janusz Korwin-Mikke, die ganz offen behaupten: Frauen seien weniger intelligent und weniger leistungsfähig, weshalb sie auch selbstverständlich weniger verdienen würden.

>>Mein Kind, du kannst alles werden, was du gerne sein möchtest.<< Diese Grundbotschaft möchte ich meiner Tochter wie auch meinem Sohn vermitteln. Es geht vor allem um Leidenschaft für das, was man tut. Zugleich ist es mir wichtig, zu verdeutlichen, dass sich ein*e jede*r auch anstrengen muss, um seinen oder ihren Berufswunsch verwirklichen zu können – und dass das manchmal vielleicht trotzdem nicht reicht. Nicht reicht beispielsweise, weil die Gesellschaft es uns, die vom Klischee abweichen (wollen), manchmal ganz schön schwer macht. Diese Gesellschaft, die eben nicht eine abstrakte Variable ist. Es handelt sich um all die Menschen, die wir kennen und die wir nicht kennen. Und um uns selbst. Auch wir machen es uns selbst schwer, denn ein jede*r tappt in sie hinein: die Rosa-Hellblau-Falle.

Beruf und Geschlecht – Erklärungen an meine Tochter

Als meine Tochter so plötzlich fragte, warum es denn keine weiblichen Bauarbeiter gäbe, erwischte ich mich dabei, wie ich beinahe automatisch in eine biologistische Erklärung tappte. Weil die Arbeit so schwer und anstrengend ist erschien mir als Antwort jedoch sehr unbefriedigend, auch wenn ich die körperliche Belastung nicht von der Hand Hand weisen möchte.

Ich brach gerade noch rechtzeitig meine spontane erste Antwort ab und merkte stattdessen an: „Ich habe zwar noch keine Bauarbeiterinnen bewusst gesehen, aber das bedeutet ja nicht unbedingt, dass es diese nicht gibt oder es sie geben könnte.

Meine Tochter entgegnete sofort und durchaus zu meinem Erstaunen (und zu meiner Freude): „Stimmt Mama, Männer können ja auch Erzieherin sein, auch wenn bei uns nur Frauen arbeiten.“

Während ich noch an der Aussage „Männer können auch Erzieherin sein“ hängen blieb und laut feststellte: „Leider aber finden viele Menschen, dass in Kitas nur Frauen arbeiten sollten“ – gehen die Gedanken meiner Tochter schon weiter. Sie ist zwar noch kurz empört darüber, dass manche Menschen ernsthaft glauben, Männer seien für Kitas nicht geeignet: Noch mehr aber wundert sie sich in diesem Moment über all die Bauarbeiter.

Während sie so ihre Beobachtungen schildert, merke ich: „Aaaah. Sie meint auch Handwerker im Allgemeinen.“ Das macht es mir etwas leichter. Hier kann ich mit etlichen Beispielen viel einfacher vermeintlichen geschlechtsspezifischen Unterschiede widersprechen. Malerinnen zum Beispiel. Auch Möbelstücke können doch von Frauen wie Männern gebaut werden. Lampen anschließen, Fliesen legen. Klar, man müsse da auch stark sein – doch „auch Frauen können körperlich stark und fit sein – und Männer sind nicht automatisch alle stark.

Außerdem kann sich auch der Papa um euch so gut kümmern wie ich, stimmt’s?“ Ich frage meine Tochter weiterhin, ob ihr irgendetwas einfällt, dass in der Kita nur Frauen könnten und Männer nicht. Ihr fällt nichts ein. Mir ebenso wenig.

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Berufswahl und Berufswunsch: Zwischen Möglichkeitsräumen und unüberwindbaren Grenzen

Das Thema ist für meine Tochter nach diesem kurzen Gespräch vorerst beendet, wird aber ganz bestimmt bald wieder auftauchen. Die verschiedensten Berufe begegnen ihr alltäglich und auch sie selbst stellt sich hin und wieder die Frage, welche Berufe für sie in Frage kommen könnten. Dabei ist es mir wichtig, dass ihr Möglichkeitsraum so wenig wie möglich eingeschränkt wird. Sie soll sich erst einmal alles vorstellen können. Künstliche Grenzen aufgrund von gesellschaftlich zwar gewachsenen, aber letztlich eben künstlich erzeugten Stereotypisierungen von Berufen und von Geschlecht möchte ich gemeinsam mit ihr besprechen.

Möglichkeitsräume. Man kann faktisch nicht alles werden. Denn sobald man bestimmte Wege geht, sind andere vielleicht nicht endgültig versperrt, aber doch schwerer zu betreten. Manche Wege bleiben aber durch bestimmte Entscheidungen dauerhaft versperrt. Ich stelle mir das wie einen unglaublich großen Baum vor: Es gibt ganz viele Verästelungen und je weiter man hinaufsteigt Richtung Baumkrone, desto mehr entfernt man sich von den ersten Astgabelungen. Es sind zu viele Äste und zu viele Gabelungen, um alles abzuklettern. Außerdem merkt man, dass manche Äste einen nicht tragen würden und von anderen aus gefällt einem die Aussicht nicht oder man erreicht nicht die präferierten Früchte.

Wenn meine Kinder losklettern, dann sollten sie, so gut es geht, ihren eigenen Weg finden können dürfen. Welche Äste sie gut tragen und welche nicht, sollen sie selbst herausfinden. Dazu gehört für mich, dass ich bewusst nicht zwischen Männer- und Frauenberufen unterscheiden möchte. Ignorieren lassen sich entsprechende gesellschaftliche Muster aber auch nicht. Also reflektieren und diskutieren wir gemeinsam – und fangen jetzt schon damit an.

Was gendergerechte Sprache damit zu tun hat: Zwischen Genus und Sexus

Das Argument, dass das grammatikalische Geschlecht (Genus) und das soziale Geschlecht (Sexus) nicht übereinstimmen, ja dass das generische Maskulinum doch Frauen mitmeine, wird gebetsmühlenartig von Kritiker*innen einer gendergerechten Sprache hervorgebracht. Doch es ist falsch und bleibt auch falsch, egal wie oft es auch hervorgebracht wird.

Einen lesenswerten Artikel zu Genus uns Sexus in der deutschen Sprache habe ich gerade erst die Tage in der Süddeutschen Zeitung gelesen. Wie eng Genus und Sexus zusammenhängen fängt schon damit an, dass vielfach allein über das Genus sprachlich ausgedrückt werden kann, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt.

„Viel wichtiger ist aber, dass in der Linguistik längst der Nachweis erbracht wurde, dass das Genus direkte Auswirkungen auf die Vorstellung von Sexus hat, und zwar konkret auf die Wahrnehmung. Grundlegend dafür ist die Erkenntnis, dass Personenbezeichnungen wie Terrorist, Spion, Physiker, Lehrer, Erzieher, Florist oder Kosmetiker ein sogenanntes soziales Geschlecht aufweisen, das unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann. Es leitet sich aus dem realen Geschlechteranteil ab und aus Stereotypen, die man der jeweiligen Personengruppe zuschreibt. Bei diesen Beispielen nimmt der männliche Anteil vom Terroristen bis zum Kosmetiker in diesem Sinne beispielsweise ab.“

Mit Blick auf Berufe bedeutet dies, dass wenn allgemein von Polizisten, Bauarbeitern, Erziehern oder Pflegern die Rede ist, dann sind damit nicht Männer und Frauen gleichermaßen gemeint. Während man sich unter Bauarbeitern fast automatisch nur Männer vorstellt, stellt man sich unter Polizisten überwiegend, aber nicht ausschließlich Männer vor. Bei Erziehern und Pflegern wiederum werden Bilder von Berufen mit geringem Männeranteil und sehr hohem Frauenanteil konstruiert. Und zwar ganz automatisch! Wenn dann etwa gesagt wird: „Da vorne stehen drei Polizisten!“, dann ist das erzeugte Bild vor unserem inneren Auge in der Regel das von drei Männern.

Gleichberechtigung fängt schon im Kinderzimmer an. Berufswahl und Geschlecht bzw. Gender | Terrorpüppi | Reflektiert, bedürfnisorientiert, gleichberechtigt

Die Geschichte vom Vater und Sohn im OP-Saal

Sehr eindrücklich finde ich folgende Geschichte, die ich mittlerweile schon an verschiedener Stelle gelesen und gehört habe (zum Beispiel hier). Die Geschichte geht in etwa wie folgt:

Ein Vater und sein Sohn fahren in einem Auto auf der Landstraße. Plötzlich kommt das Auto von der Straße ab und knallt gegen einen Baum. Der Vater ist so schwer verletzt, dass er noch an der Unfallstelle stirbt. Der Sohn kann erfolgreich aus dem Auto befreit werden und wird schwer verletzt ins Krankenhaus gefahren. Dort wird er sofort in den OP geschoben, wo bereits ein Team von Chirurgen auf ihn wartet. Plötzlich ruft einer der Chirurgen: Oh nein, ich kann nicht operieren. Das da ist mein Sohn!

Die meisten Menschen werden über die Aussage des Chirurgen nicht ohne Weiteres hinweg lesen oder hören können. Der Vater ist doch schließlich tot! Erst dann wird sich (vermutlich) die Erkenntnis breit machen, dass der Chirurg die Mutter des Jungen ist. Eine Chirurgin.

Berufsstereotype haben ein Geschlecht

Das ist typisch, denn Wörter erzeugen unmittelbar Bilder in unseren Köpfen und Frauen sind eben keineswegs automatisch mitgemeint. Wenn von Chirurgen die Rede ist, dann stellen wir uns fast schon zwangsläufig männliche Chirurgen vor. Einfach weil dieser Beruf überwiegend von Männern ausgeübt wird und auch vermeintlich männliche Eigenschaften zugeschrieben bekommt.

Das Beispiel kann gut auf viele Berufe und Bezeichnungen von Personengruppen übertragen werden. Wen stellen wir uns eigentlich als erstes – und zwar ohne weiteres Nachdenken – als Teil welcher stereotypen Gruppe vor? Wenn von Professoren die Rede ist, wer sieht da nicht den verstreuten, grauhaarigen und männlichen Professor?

Die unintendierten Nebenfolgen unserer Alltagssprache

Sprache prägt unser Bewusstsein – und das in aller Regel völlig unbewusst. Meist denken wir uns gar nichts dabei, wenn wir bestimmte Wörter verwenden. Es erscheint uns völlig normal, ja unproblematisch. Jede*r macht das doch so und was macht das dann schon, oder?

In der Soziologie, genau genommen vor allem in strukturationstheoretischen Auseinandersetzungen, spricht man hier aber von sogenannten unintendierten Nebenfolgen. Wenn wir Dinge tun, Dinge sagen, dann um ganz bestimmte Ziele zu erreichen und Zwecke zu erfüllen. Das meiste reiht sich ein in unsere Alltagsroutinen, ohne dass wir die einzelne Handlung oder den einzelnen Sprechakt hinterfragen. Nun aber haben unsere Handlungen und Sprechakte auch die besagten „unintendierten Nebenfolgen“. Es handelt sich um Folgen, die wir so gar nicht beabsichtigt haben und die wir auch nicht immer ohne Weiteres abschätzen können. Unintendierte Nebenfolgen sind vor allem deshalb interessant, weil es weniger um individuelle Schuld geht, als vielmehr darum, dass bestimmte Phänomene überhaupt erst auftreten, weil viele Menschen in ähnlicher Weise handeln bzw. sprechen.

Unintendierte Folgen nicht-gendergerechter Sprache bei Berufen

Blickt man auf die unintendierten Folgen zum Beispiel nicht gendergerechter Sprache von Berufszeichnungen, dann wirkt die Verwendung von ausschließlich männlichen oder weiblichen Berufsbezeichnungen insbesondere auf Kinder stark einschränkend bei der Berufswahl. Es ist für Kinder viel schwieriger, bestimmte Berufe in ihren Möglichkeitsraum aufzunehmen, wenn sie wahrnehmen, dass diese aber nicht „für ihr Geschlecht“ vorgesehen sind.

Die Konsequenz ist hinlänglich bekannt: Die Berufswünsche von Kindern sind schon früh geschlechtsspezifisch. Kinder trauen sich bestimmte Berufe nicht zu – nicht, weil sie nicht zu ihnen passen, sondern weil das doch schließlich „nur was für Jungen“ oder „nur was für Mädchen ist“.

Offenheit statt Einschränkung und Kampf

Natürlich ist Abweichung möglich. Es gibt Männer in sogenannten „Frauenberufen“ und umgekehrt. Aber Abweichung ist immer schwierig. Schwierig, weil es ein Stück weit Mut braucht und noch mehr Durchhaltevermögen, wenn der Schritt erst einmal gegangen wurde. Sehr empfehlen kann ich hier die Interviews von Frauen verschiedener Berufe zur Sendung „Der kleine Unterschied 2018“ im NDR: Von der Managerin, Chirurgin, Köchin, Wissenschaftlerin bis zur Polizeibeamtin erzählen Frauen von ihrer Arbeit in vermeintlichen „Männerberufen“. Etwas andere, aber ebenso diskriminierende Geschichten würden wir auch von Männern in „Frauenberufen“ hören können  (zum Beispiel der ständige Verdacht der Pädophilie bei Erziehern)… und genau da zeigt sich, es ist noch ein langer Weg bis zur Gleichberechtigung.

Finde deinen Weg

Gleichberechtigung fängt für mich schon im Kinderzimmer an. Ja, es gibt die Biologie, aber die meisten Differenzen zwischen Mann und Frau, die nicht nur bei der Berufswahl konstruiert werden, sind alles andere als biologisch begründbar. Sie sind soziale Konstruktionen und als solche werde ich nicht müde, sie zu dekonstruieren und meinen Kindern zu zeigen: Du bist nicht einfach nur eine Ausprägung deines Geschlechts. Du bist kein Stereotyp. Du bist ein Individuum und musst deinen ganz eigenen Weg finden.

Natürlich geht es lange Zeit überhaupt nicht darum, sich tatsächlich auf die Suche nach dem Traumberuf zu machen. Die eigentliche Berufswahl kommt erst sehr viel später. Doch schon jetzt, auch in so jungen Jahren, geht es um den Erhalt von Möglichkeiten, ja sogar um den Ausbau des Möglichkeitsraums des zukünftigen Erwerbslebens. Es gibt so viele Berufe. Manche gibt es sogar kaum noch, andere wird es erst in Zukunft geben. Mit der Botschaft „du kannst alles werden“ geht es gerade nicht um die Vermittlung unrealistischer Erwartungen. Vielmehr sage ich: Ich traue dir alles zu und bestimme auch nicht, wie dein Leben später zu verlaufen hat. Stattdessen finde du DEINEN Weg.

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Und du kannst alles werden mein Kind? Berufswahl und Berufswunsch bei Kindern mitten in der Rosa-Hellblau-Falle | Terrorpüppi | Reflektiert, bedürfnisorientiert, gleichberechtigt

By | 2018-06-12T11:19:20+00:00 Juni 10th, 2018|Categories: Allgemein, Familie ist bunt. Arbeiten auch|Tags: , , , |0 Comments

About the Author:

Mutter von Zweien, Berlinerin, promovierte Soziologin, Bloggerin. Jessi ist die Gründerin des Blogs Terrorpüppi. Sie bevorzugt eine undogmatische Sicht auf Familie und Gesellschaft, fordert aber von sich und anderen klare Haltungen ein. Jessi liebt Schokopudding und Berlin, ist Working Mom, Serienjunkie und liebt und lebt gleichberechtigte Partnerschaft und Elternschaft. Mit ihrer soziologischen Perspektive setzt sie sich gerne kritisch-reflektiert mit familiären und gesellschaftlichen Fragen auseinander, zugleich hat sie eine unbeirrbar optimistische Lebenseinstellung.

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