Zukunft verplanen – die Gegenwart verlieren

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Zukunft verplanen – die Gegenwart verlieren

Wie wunderbar es doch ist, wie sehr unsere Kinder in der Gegenwart leben. Sie lieben und leben den Moment. Sie sind in der Lage das Schöne, das Aufregende, das Neue im Jetzt zu sehen und zu fühlen. Sie sind nicht von Erwartungen auf eine kaum greifbare, ferne Zukunft bestimmt. Je näher etwas an dieses Jetzt heranreicht, desto eher können Kinder auch ihr Handeln daran ausrichten. Die Fähigkeit, zukünftige Handlungen zu planen, muss sich sogar erst entwickeln. Babys können das zunächst noch überhaupt nicht, Kleinkinder nur sehr begrenzt und Stück für Stück. Auch der Planungshorizont von Schulkindern wird oft signifikant überschätzt. Wir Erwachsenen hingegen leben nicht nur im Jetzt, wir haben auch ausgeprägte Vorstellungen über unsere Vergangenheit und möglichen Zukünfte. Das übertragen wir allerdings auch manchmal viel zu leichtfertig auf unsere Kinder. Vor lauter Zukunftsplanung und Vergangenheitsbewältigung riskieren wir, die unbeschwerte Gegenwart unserer Kinder aus den Augen zu verlieren. Daher ist es auch so wichtig, dass wir auch unsere eigene Elternschaft immer wieder auch mal kritisch reflektieren (hier zu reflektierter Elternschaft!)

Zukunft planen, die Gegenwart verlieren | Kinder auf die Zukunft vorbereiten, Erwartungen | Terrorpüppi | Reflektiert, bedürfnisorientiert, gleichberechtigt

Die Zukunft ist nicht sicher planbar

Unsere Gesellschaft entwickelt sich dynamisch und große Veränderungen stehen auch weiterhin an. Allein, wenn wir die letzten 10, 20 Jahre zurückblicken, sind teils radikale Transformationen der Arbeitswelt, der individuellen Karriereplanung und auch der persönlichen Lebensführung zu beobachten. Es gibt sie nicht mehr, die linearen Lebensverläufe, bei denen ein Stein auf dem anderen geradlinig aufbaut. Es wird zunehmend unwahrscheinlicher, dass wir einmal erlernte Berufe ein Leben lang ausüben oder dass wir Zeit unseres Lebens am selben Ort leben werden. Zukunft ist per se schon nicht sicher planbar, doch die Unsicherheiten nehmen zu.

Wir leben nicht nur in einer schnelllebigen Welt, sondern auch noch in einer Zeit, die immer mehr Beschleunigung erfährt. Dazu gibt es sogar die passende Zeitdiagnose: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne – von Harmut Rosa*.

Einstige Gewissheiten verlieren in einer solchen Gesellschaft an Zuverlässigkeit: Ihre Prognosefähigkeit nimmt ab und die individuelle Verantwortung, den eigenen Lebensweg stetig aktiv zu gestalten und bereit zu sein, neue Wege einzuschlagen, steigt. Individuelle (Zukunfts-)Ängste verwundern da kaum und allseits zu beobachtende Mechanismen, dem individuell etwas entgegen zu setzen, ebenso wenig. Es wird also fleißig das Nicht-Planbare geplant.

Zeit und Zeiterleben bei Kindern

Dabei gibt es nicht nur die eine „objektive“ Zeit. Nicht einmal die physikalische Zeit (Sekunden, Minuten) dauert überall gleich lang. Zur physikalischen Zeit kommen mindestens noch Jahreszeiten und biologische Zeiten (bestimmte biologischen Rhythmen und Verläufe – ohne den Esoterikquark). Tja und dann wäre da auch noch die soziale Zeit, die in jeder Gesellschaft anders tickt (und in der Regel stark an Arbeitsrhythmen geknüpft ist), sowie individuelle Zeitwahrnehmungen und -erleben: Zeit ist nämlich auch noch hochgradig subjektiv und mit dem Messen mittels Uhren nähern wir uns dem Phänomen Zeit nur einseitig an.

Sicher jede*r kennt das: Mal vergeht Zeit sehr schnell, dann schreitet sie nur langsam voran. Manche Jahre fühlen sich rückblickend wie ein Wimpernschlag an, während andere eine Ewigkeit dauern. Wenn ich an meine Sommerferien als Schülerin so zurückdenke: Die waren immer ewig lang. Überhaupt hat der Sommer eine unglaublich große Zeitspanne eingenommen. Heute hingegen ist so ein Sommer schneller vorbei als er angefangen hat. Vom Urlaub will ich gar nicht erst reden.

Man geht davon aus, dass Kinder überhaupt erst zwischen 5 und 7 Jahren anfangen, ein Zeitgefühl zu entwickeln, d.h., dass sie erst dann damit beginnen, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie lange beispielsweise 5 Minuten andauern oder was eine Zeitspanne von zwei Tagen bedeutet.

Dabei bleibt aber bestehen, dass Zeitgefühl, Zeitwahrnehmung oder Zeiterleben immer subjektiv bleiben. In der Zeitforschung spricht man auch von „Eigenzeiten“. Unsere Gesellschaft ist dabei so strukturiert, dass Individuen dahingehend „trainiert“ werden, dass sich die Eigenzeiten an die objektiven Zeiten annähern. So werden auch Kinder, die ihre Zeit scheinbar vertrödeln und sich nicht an Zeitvorgaben halten (können), recht schnell als problematisch eingestuft.

An dieser Stelle kann und will ich keine umfassende Diskussion des Zeitbegriffs leisten. Ich möchte lediglich versichern: Zeit ist wirklich ein komplexes Phänomen, welches sich lohnt, von verschiedenen – auch disziplinären – Perspektiven zu beleuchten. In diesem Beitrag möchte ich lediglich einige besondere Beobachtungen von Zeit herausgreifen:

Zeit und Planung

Zeit und Planung stehen in einem engen Verhältnis zueinander. Planen meint das gedankliche Vorwegnehmen einen zukünftigen Zustandes/ einer zukünftigen Handlung. Um es vorwegnehmen zu können, braucht es eines Zeitverständnisses. Solch ein Zeitverständnis kann sich auf sehr unmittelbare bzw. fast schon greifbare Zeithorizonte begrenzen: Etwa wenn ein Kleinkind eine Handlungsabfolge für die nächsten 20 Sekunden plant (und davon nichts, aber wirklich nichts abweichen darf). Das hat mit sozialer Zeit noch nichts zu tun.

Wenn man hingegen etwa ganze Lebensphasen plant („Erst mache ich Abitur, dann gehe ich ins Ausland, um anschließend zu studieren, eine Familie zu gründen, … und dann gehe ich in Rente„), dann ist das schon ein sehr umfassendes Zeitverständnis. Dazwischen liegen natürlich kürzere Zeithorizonte, an die sich Kinder erst nach und nach heran tasten. Für Kinder hängt Zeitwahrnehmung noch sehr eng mit ihrem Erleben zusammen. Ein vierjähriges Kind kann den zeitlichen Rahmen von „Am Ende der Woche fahren wir in den Urlaub“ nicht wirklich begreifen. Als zeitliche Dauer wird es das über Umwege aber verstehen, etwa wenn wir sagen: „Du musst noch fünfmal in die Kita und dann fahren wir in den Urlaub„.

Deine Zeit und meine Zeit: Zeitforderungen zwischen Eltern und Kindern

Ähnlich ist auch auf dem Spielplatz zu beobachten: „Nur noch 10 Minuten!“ ist für jüngere Kinder schwer einzuordnen. In der Folge sind sie oft genauso wütend, dass wir nun loswollen, als wenn wir das Gehen nicht angekündigt hätten. Einigen Kindern hilft es hingegen, wenn man langsam runterzählt (sofern sie schon zählen können und sie auch verstehen, dass 2 weniger ist als 7 beispielsweise) oder die Zeit mit Aktivitäten verknüpft: „Du darfst noch 3 mal das Klettergerüst hochklettern und runter rutschen“ ist für ein junges Kind eine nachvollziehbare Zeitspanne (…die auch noch individuell verlängert werden kann…).

Folglich ist es für ein junges Kind nur sehr schwer nachzuvollziehen, dass es jetzt sein Spiel unterbrechen soll, weil der Weg zur Kita 15 Minuten und der darauffolgende Weg zur Arbeitsstelle weitere 25 Minuten dauert, damit Mama dann pünktlich ist – um insgesamt 8 Stunden arbeiten zu können, ehe sie erneut pünktlich in der Kita erscheinen muss.

Noch viel schwieriger wird es, wenn dasselbe Kind zu bestimmten Aktivitäten aufgefordert wird (oder es andere unterlassen soll), damit es später in der Schule leichter wird oder es irgendwann einmal studieren kann.

Wenn wir die Zukunft unserer Kinder planen, dann können unsere Kinder das also kaum begreifen. Ihre Vorstellungen von Zukunft weichen deutlich von den unseren ab.

Wenn Eltern die Zukunft ihrer Kinder (ver)planen

Emma ist gerade mal ein Jahr alt, aber die Eltern wissen schon genau: Sie wird einmal Abitur machen und studieren – und dafür wird schon jetzt nach der richtigen Schule Ausschau gehalten. Leonie ist zwar erst drei Jahre alt, trotzdem lernt sie schon jetzt in einer speziellen Kita englisch und spanisch, damit sie es später im Berufsleben leichter haben wird . Paul ist erst eingeschult worden, doch später soll er den Betrieb der Eltern übernehmen, deshalb geht’s auch nicht mehr zum Chor – das braucht man dafür einfach nicht. 

Wir alle wollen (hoffentlich) nur das Beste für unsere Kinder. Sie sollen es jetzt gut haben und auch ihre Zukunft soll sicher und glücklich sein. Doch gerade die allseits wahrgenommenen Unsicherheiten führen dazu, dass nicht wenige Eltern so sehr auf die Zukunft blicken, dass die Gegenwart der Kinder mit den aktuellen Bedürfnissen aus dem Blick geraten. Unsere Vorstellungen von einer guten Zukunftsplanung und von guten Voraussetzungen für ein gutes (sicheres) Leben drohen die individuellen Bedürfnisse unserer Kinder zu überlagern. Wir stellen dann (mit zwar besten Absichten) unsere Wünsche über ihr Bedürfnis, die Welt selbst zu entdecken und eigene Wünsche und Begehrlichkeiten zu entwickeln und zu verfolgen.

Kinder sind aber nicht unsere Projekte, die wir nach Belieben steuern können. Wer Erfahrung in Projektarbeit hat, weiß zudem: egal wie gut ein Projekt geplant ist, es kann immer noch ganz anders kommen. Das gilt für Kinder und deren Lebensplanung um so mehr.

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In unseren westlichen Gesellschaften wird Zeit vor allem als Ressource betrachtet: „Zeit ist Geld“ und „keine Zeit verschwenden“ sind nicht nur gängige Sprichwörter, sondern auch gesellschaftliche Handlungsmaximen. Auch Eltern sind diesen Handlungsmaximen unterworfen und so kann es auch passieren, dass sie diese auf ihre Kinder ebenso anwenden: Dann gilt das freie Spiel und Langeweile plötzliche als Zeitverschwendung. Stattdessen müsse schon früh die Zeit aktiv genutzt werden, um das Beste aus sich heraus zu holen.

Doch das Glück findet sich nicht in der Zukunft: Glücklich sein kann man immer nur in der Gegenwart. Ich will keineswegs dafür plädieren, dass man nicht an die Zukunft denken solle oder dass man Kindern nicht auch schon früh Bilder möglicher Zukünfte vermitteln sollte. Doch ein Kind, für das die Zukunft zu abstrakt ist, um das gegenwärtige Handeln überhaupt für es nachvollziehbar darauf beziehen zu können, das darf mit der Zukunft nicht belastet werden. Zukunft soll ein Strauss voller Möglichkeiten sein und nicht eine Last, welche jedes Handeln in der Gegenwart lenkt und begrenzt.

Die Gegenwart leben – aber wie?

Es gibt sie nicht, nur die eine „gute“, wünschenswerte Zukunft. Und ja, es besteht immer auch die Möglichkeit, dass das Leben alles andere als gut und wünschenswert verläuft. Kinder sollten ihren eigenen Weg finden. Es ist ihre Zukunft, nicht unsere. Diesen Weg in ihre Zukunft können sie erst gehen, wenn sie überhaupt eine Vorstellung davon haben, was ihr Leben für sie bereit halten kann. Unsere Aufgabe als Eltern ist es nicht, einen bestimmten Weg möglichst früh zu zementieren und unsere Kinder den Weg entlang zu scheuchen. Davon bin ich überzeugt.

Für mich hat es auch nur mit kurzsichtiger Vernunft zu tun, die kindlichen Bedürfnisse der Gegenwart einer abstrakten Zukunft, die ja trotzdem hochgradig ungewiss bleibt, unterzuordnen. So ist es doch vor allem die Angst und unser Bedürfnis nach Sicherheit, welche uns dann antreibt –  nicht aber die Bedürfnisse unserer Kinder.

Die eigenen (Zukunfts-)Ängste auszuhalten und sie nicht auf die Kinder zu übertragen, das ist eine große Herausforderung für uns Eltern. Wir wissen darum, dass da viele Unsicherheiten in der Welt auf unsere Kinder lauern. Nicht nur jetzt auf dem Spielplatz, sondern auch später auf dem Arbeitsmarkt…

… und so sehen wir manchmal so viele Lösungen,  dass wir aufhören die „richtigen“ Fragen zu stellen. Diese Fragen können nur unsere Kinder beantworten und zwar im Jetzt, denn sie beziehen sich auf unsere Kinder und ihre Bedürfnisse in der Gegenwart.

Unsere Aufgabe als Eltern ist es nicht, die Zukunft unserer Kinder zu verplanen. Stattdessen sollten wir die Voraussetzungen dafür schaffen, dass unsere Kinder ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und für sie einstehen können. Wir bereiten sie am besten auf die Zukunft vor, wenn wir sie stark machen, indem wir sie begleiten: Wirklich hinsehen, wirklich hinhören, wirklich da sein. Unsicherheiten und Ängste (gemeinsam) aushalten.

Die Gegenwart hält so viel für uns alle bereit. Permanent die Zukunft zu planen, macht die Gefahr groß, diese Gegenwart zu verlieren. Kindheit lässt sich nicht nachholen… und gegen die gröbsten Zukunftsängste lässt sich trotzdem was tun (meistens): Schreibt ein Testament (Wo sollen meine Kinder hin, wenn ich sterbe?) und trefft finanzielle Vorkehrungen.

Eure Jessi

 

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Literatur

Rosa, Hartmut (2005): Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne*. Suhrkamp.

 

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By | 2018-06-25T14:20:45+00:00 Juni 24th, 2018|Categories: Allgemein, Zum Nach- und Weiterdenken|Tags: , |1 Comment

About the Author:

Mutter von Zweien, Berlinerin, promovierte Soziologin, Bloggerin. Jessi ist die Gründerin des Blogs Terrorpüppi. Sie bevorzugt eine undogmatische Sicht auf Familie und Gesellschaft, fordert aber von sich und anderen klare Haltungen ein. Jessi liebt Schokopudding und Berlin, ist Working Mom, Serienjunkie und liebt und lebt gleichberechtigte Partnerschaft und Elternschaft. Mit ihrer soziologischen Perspektive setzt sie sich gerne kritisch-reflektiert mit familiären und gesellschaftlichen Fragen auseinander, zugleich hat sie eine unbeirrbar optimistische Lebenseinstellung.

One Comment

  1. Kleinstadtlöwenmama 26. Juni 2018 at 21:18 - Reply

    Wieder einmal ein ganz wichtiger Artikel! Ich merke selbst immer wieder, dass meine Zeitangaben für das Löwenmädchen oft noch zu abstrakt sind – sie fragt dann nämlich von selbst, wie oft sie noch schlafen muss oder versucht auf andere Weise, meine Zeitangabe in ihr Verständnis zu übersetzen. Der Löwenjunge bewegt sich noch im 5er-Zahlenraum, da ist es noch abstrakter.
    Ich sehe Zeit tatsächlich auch als eine sehr wichtige Ressource – meine damit aber vor allem FREIZeit. Ich merke allerdings immer wieder, wie schwierig es ist, abzuwiegen wieviel Therapiezeit beispielsweise gerade genug ist für den Löwenjungen. Immer wieder denke ich dabei an unseren wunderbaren Kinderarzt, der es einmal sehr überspitzt formulierte: „Mit jeder Therapiestunde nehmen Sie Ihrem Kind eine Stunde Lebenszeit.“

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