Dienstag, 27. Juni 2017

Ideale (der) Eltern: Verantwortung und Empathie bei UNERZOGEN

Anstoß zum Schreiben meines Beitrages ist ein Blogeintrag einer Mutter, die auf Grund ihrer dreijährigen, scheinbar intensiv schreienden Tochter nach einem längeren Aufenthalt im Kassenbereich aus einem Supermarkt geschmissen wurde. Zunächst empörte ich mich innerlich über diesen Supermarkt als ich die Überschrift las, aber mit fortschreitendem Lesen, insbesondere auch der Kommentare, führte ich eine innere Diskussion weiter, die mich schon lange beschäftigt und die ich auf Grund eines, wie ich finde, wunderbaren Beitrags von unverbogen kindsein für nicht mehr schreibenswert hielt. Es geht hier nicht um die Bewertung dieser konkreten Mutter, denn ihre Beweggründe und ihre Geschichte kenne ich natürlich nicht, aber ich benutze ihre öffentliche Darstellung als Aufhänger, um indirekt über das Konzept UNERZOGEN, aber vornehmlich ganz allgemein über Empathie, Grenzen und Aggressionen zu sprechen, die bei allen Eltern wichtig sind und nicht nur bei jenen, die spezifische Haltungen oder Konzepte für sich beanspruchen.

Fühlt euch frei, auch kritische Kommentare zu hinterlassen!





Ideale Eltern

Alle Eltern wünschen sich eine gute Beziehung zu ihren Kindern und viele Eltern sehen es heute als selbstverständlich an, dass keine Gewalt angewandt wird. Gewalt bedeutet inzwischen nicht nur Gewalt auf der körperlichen Ebene, sondern natürlich auch auf der psychischen.
Ein Kind schreien lassen? Ein Kind ausschimpfen? Ein Kind überfordern?
Natürlich nicht...
Angesichts der Vielzahl an Erziehungsratgebern zu liebevoller Beziehung statt Erziehung und zur Gleichberechtigung wird heutzutage schnell deutlich gemacht, dass sich etwas grundlegend verändert hat im Vergleich zu dem, wie die meisten Eltern selber groß geworden sind. Noch vor wenigen Jahren setzte die RTL- Super- Nanny "böse" Kinder auf die stille Treppe, heute spricht sie sich auch für Beziehung statt Erziehung aus. Ein sinnvoller Wandel hat eingesetzt...

Ich beobachte aber mit einer gewissen Sorge, dass der Anspruch, sein Kind perfekt zu verstehen, immer auf Augenhöhe zu sein, immer alles zu spiegeln, was im Kind vor sich geht und nie ärgerlich zu werden zu einer eigenartigen Verschiebung führt, für die ich gerne etwas Bewusstheit schaffen würde. 

Es ist eine Idealisierung der Elternschaft, es ist eine Idealisierung dessen, was wir mit unseren Kindern tun.
Idealisierungen sind psychische Abwehrmechanismen, die unter Anderem dazu dienen, die andere Seite der Medaille- die eigene Minderwertigkeit- nicht zu spüren. (theoretische Erläuterung zur Idealisierung/ Entwertung und zur Stabilisierung des Selbstwertes bei Eltern und anderen in der Fußnote)
Wir enthalten unseren Kindern etwas vor, wenn wir uns nicht trauen, auch mal zu scheitern, auch mal zu versagen. Das frustriert... und diesmal meine ich nicht nur die Kinder, sondern vor allem uns Erwachsene. Die meisten fühlen sich natürlich besser, wenn sie sich kompetent fühlen, aber vielleicht darf man sich auch zutrauen, Unsicherheiten auszuhalten und nicht alles an überfrachteten Idealen zu messen, die letztlich wahrscheinlich mehr schaden als helfen. 


Die Ängste der Eltern vor dem Versagen

Es scheint bei vielen Eltern riesige Ängste zu geben, zu versagen und dem Kind (und sich selbst) damit etwas anzutun. Das Ideal der verständnisvollen, aggressionslosen Mutter/ Eltern, die keine Grenzen setzt, wird zu einem inneren Diktat und macht unfrei. Warum sollten wir als Mütter unsere Freiheit und unsere Mannigfaltigkeit an Gefühlen in der Beziehung zu unseren Kindern aber so beschneiden? Ist die Angst so groß, aus dem Gefühl heraus zu handeln und für sich selbst keine Grenze setzen zu können? Ist da eine Angst, wenn man dem Kind Grenzen setzt, es so zu wüten beginnt, dass man selber so wütend wird und das Kind dann schlägt oder die Beziehung zueinander auseinanderbricht? Kommen eigene Erinnerungen an die Kindheit hoch, die es schwer machen, das eigene Kind als etwas Eigenständiges und nicht mit einem selbst Verschmolzenes zu sehen?

Aggression ist nicht per se etwas Zerstörerisches. Vielmehr ist es eine schöpferische Kraft, die wir brauchen, um uns (auch im wahrsten Sinne) zu bewegen. Um zu arbeiten, um kreativ zu sein, um uns zu entwickeln. Aggression ist Kraft! Wenn wir Liebe erlebt haben, brauchen wir uns vor Aggressionen nicht zu fürchten, denn unsere Liebesfähigkeit und der Glaube an das "Gute" in uns wird bei ausreichender Selbstkontrolle dazu führen, dass wir uns auseinandersetzen können, ohne alles zu zerstören. Selbstkontrolle ist nicht Verdrängung und Verleugnung. Gerade eben nicht. Denn Selbstkontrolle bedeutet, dass wir uns unserer Gefühle bewusst sind und sie zulassen können.

Wen schließen wir von unserer Empathie aus?


Ein brüllendes Kind aus dem Supermarkt zu tragen, es schnell abzusetzen, zu begleiten und dazusein halte ich nicht für Gewalt. Es ist notwendig, die Gefühle und Grenzen der Mitmenschen genauso zu achten wie die des eigenen Kindes. Mein Kind liegt z.B. im Restaurant gerne auf dem Boden und zieht überall seine Schuhe aus. Soll es doch... wer sich daran stört, dem geht es wahrscheinlich um ein "so etwas macht man nicht", denn ein stilles liegendes Kind ist objektiv betrachtet keine Störquelle. Aber ich zeige meinem Kind auch, dass es weder im Weg, noch unter dem Tisch der anderen Gäste zelten sollte, weil die sich gestört fühlen könnten und ich vermitteln will: jeder Raum ist wichtig. Ich will auch kein fremdes Kind unter meinem Tisch, wenn ich mir mal einen freien Abend gönne. Empathie wird manchmal als etwas ausgelegt, dass Kinder nur und ausschließlich im Umgang mit sich selbst lernen. Das ist natürlich EIN großer Baustein. Nur wenn das Kind spürt, dass es verstanden wird, wird es den Wert dessen auch erkennen, aber das ist eben nicht alles. Wenn ich eine Dreijährige im Supermarkt aus welchen auch immer nachvollziehbaren Gründen nicht beruhigen kann (was einfach normal ist und vorkommt), dann gehe ich raus.
Warum? Weil da vielleicht eine Ärztin steht, die im Krankenhaus nach einer 32 Stunden- Schicht einen Saft kauft, um dann endlich erschöpft ins Bett zu fallen. Weil da vielleicht ein Mann steht, der in seiner eigenen Kindheit geschlagen wurde und bei dem das Brüllen etwas Schwerwiegendes auslöst. Weil da vielleicht eine Mama steht, die ihr Kind gerade überfordert anderswo abgegeben hat, weil sie nur kurz mal durchschnaufen wollte und dabei den Einkauf erledigt.  Weil da eine Kassiererin sitzt, die sich wirklich konzentrieren muss, weil die Korrektheit ihrer Kasse geprüft wird und die einen anstrengenden Job hat. Weil auch die Gefühle der anderen nicht egal sind... Jeder Mensch hat eigene Erfahrungen und das können wir unserem Kind auch mitgeben. Natürlich kann und muss man nicht in jeder Situation alles bedenken, aber diese hoch emotionalen Situationen sind für viele schwer auszuhalten. Letztlich sind die bissigen und beleidigenden Kommentare der Mitmenschen in solchen Augenblicken oft auch ein Ausdruck deren Überforderung.

Ein um sich schlagendes Kind, was vielleicht beißt und kratzt, anzuheben und wegzutragen, ist sicher eine Herausforderung, aber heißt sie nicht auch: ich HALTE dich? Ich TRAGE deine Wut und deine Verzweiflung?
Wäre es nicht möglich, dem irgendwann wieder ruhigen Kind zu sagen: Puuuh, das war vorhin ganz schön schlimm für dich, nicht wahr? Weißt du, ich finde deine Gefühle sehr wichtig, aber du warst so wütend und hast soooo laut gebrüllt und wir wissen ja beide nicht, ob da jemand dabei war, dem es gerade schlecht geht. Deswegen habe ich uns einen anderen Ort gesucht. 
 
Grenzen und liebevolle Begleitung schließen sich nicht aus... Begrenzungen helfen, uns selbst in Bezug auf andere und deren Bedürfnisse zu verorten, Erfahrungen mit Grenzbegehungen und Grenzüberschreitungen zu machen, uns mannigfaltig zu erleben. Sie  bedeuten, dass wir irgendwo Halt finden und dass es eine Struktur gibt. Wer Regeln- für was auch immer ihm/ihr wichtig ist- hat, hat Grenzen. Wie starr man diese setzt, das ist eine wichtige Frage, auf die es keine passende Antwort geben kann, denn die Regeln und Grenzen müssen immer wieder neu angepasst werden. Ein grenzenloser Raum schützt nicht. Komplett ohne Grenzen zu leben ist eine Illusion, die dem werdenden Selbst eines Kindes vermittelt: alles geht! Du musst vor nichts Halt machen.
Wollen wir das wirklich? Geht es nicht darum, dass ein Kind die eigenen Grenzen kennenlernt und auch die des Gegenübers respektiert? Ist es nicht ein narzisstischer Größenwahn, wenn ein Kind glaubt, alles geht und alle müssen auf seine Bedürfnisse Rücksicht nehmen?
Mama und Papa "müssen" das, dafür sind sie da, so weit wie sie das wollen und können. Es gibt eine Menge zwischen zuckersüßem und verharrendem "Ich weiß du möchtest das gerne und das fördert deine Kreativität, aber würdest du bitte aufhören, deiner Puppe die Haare in der Toilette auszuwaschen?" und "geh auf dein Zimmer und komm wieder, wenn du wieder lieb bist".

Wir müssen unsere Kinder bei etwas sehr Wichtigem begleiten: bei dem Aushalten von Frustration und bei der Suche nach Ersatzbefriedigungen. Das ist Leben! Wir können nicht permanent ohne Rücksicht auf andere unsere Bedürfnisse durchboxen. Wir können uns selbst nur das Geschenk machen, unsere eigenen Grenzen wahrzunehmen und dafür einzustehen. Das können wir auch unserem Kind vermitteln. Das heißt z.B., dass ein wütendes Kind mit fünf dann vielleicht nicht mehr andere beißt, sondern dass es entweder schon seine Wut verbalisieren kann oder/ und im Spiel seine Wut rauslässt und seine Zerstörungswut ausdrücken kann, indem es symbolisch das Haus in Brand setzt. Es geht um ein Handeln im symbolischen Raum... genau das, was wir als Eltern auch tun.
Es gibt ein herrliches Buch eines Psychoanalytikers (Verhaeghe: Liebe in Zeiten der Einsamkeit), wo er ausführt, dass ein Mangel erst dazu führt, dass sich Begehren entwickelt. Permanente Befriedigung bringt nichts, es lässt uns nicht wachsen. Damit meine ich selbstverständlich nicht, dass ich mein Kind willentlich ignoriere, um es zu erziehen!

Für die Entwicklung von Empathie (so ca. zwischen 3- 4 Jahren), also das Gefühl für die Gefühle Anderer, braucht es, dass die Anderen ihren Gefühle angemessen authentisch ausdrücken. Natürlich fange ich nicht wütend brüllend eine Diskussion mit meinem Kind an, aber ich kann sagen: das macht mich echt wütend, dass du jetzt zum vierten Mal meine Ohrringe vom Balkon schmeißt. Ich will das nicht (und dann sollte ich mal handeln und die Ohrringe sicher woanders verwahren).
Es geht um ein sowohl- als- auch in der Beziehung zu unseren Kindern. Ich und du, wir haben Gefühle und Bedürfnisse, so wie die anderen Menschen auf der Welt auch.

Streit aushalten 

Es fällt vielen Menschen schwer, Streit auszuhalten, weil er eine gefühlte (oder manchmal auch reale) Bedrohung der Beziehung und deren Qualität ist. Aber Zwangsharmonie erstickt Lebendigkeit. Frustration führt zu Ärger, der oftmals zu Streit führt. Und dann kann man sich wieder annähern und sich versöhnen. Man kann besprechen, warum die Gefühle so intensiv waren, was man sich gewünscht hätte. 
Wir geben unseren Kindern Angst vor Auseinandersetzung mit, wenn wir nicht gestatten, dass wir miteinander auch kämpfen. Es gehört zu uns Menschen, uns zu wehren, für uns einzustehen und manchmal auch Angriffe zu starten. (kurzer Hinweis: Mütter und Väter sind schließlich  auch Menschen). 
Auch Angriffe eines Kindes müssen beantwortet werden! Ein Kind, dass eine sichere Bindung ausgebildet hat, wird durch solche Auseinandersetzungen reifen.
Ein Kind kann nicht verletzen, ohne dass darauf reagiert wird und es muss durch uns spüren dürfen, was gesellschaftlich wichtig ist. Das spürt es auch an unserem Handeln und dazu gehört, dass wir für unsere Kinder Verantwortung übernehmen, denn sie können vieles in ihren Gefühlsstürmen nicht steuern. Es gehört zu einer gesunden Entwicklung dazu, dass Aggressionen auftreten, aber es ist notwendig, dass wir darauf reagieren und nicht aus Angst oder manchmal sogar heimlichem Stolz die Hände in den Schoß legen und von anderen verlangen alles auzuhalten. Diese Entscheidung können wir nur für uns selber treffen. 


Adieu, 
Madame FREUDig



https://isebert.wordpress.com/2017/06/19/rausschmiss-bei-aldi/


Fußnote 

Aus psychoanalytischer Sichtweise schützen wir uns vor unangenehmen und unaushaltbaren Gefühlen, in dem wir unbewusst so genannte Abwehrmechanismen einsetzen, um Schmerzliches oder Konflikthaftes nicht mehr spüren zu müssen. Je nach Reife der Persönlichkeit ist die Abwehr unterschiedlich struktiert. Jemand, der sehr früh und permanent Versagungen erlebt hat, ist in seiner Abwehr nicht so stabil strukturiert und braucht deswegen sehr drastische Abwehrmaßnahmen wie die Spaltung (es gibt entweder gut oder böse, aber nie beides zeitgleich), um sich in seinem Selbstgefühl zu schützen.

Ein Abwehrmechanismus, den man besonders stark bei Personen mit brüchigem Selbstwert  vorfindet, ist  die Idealisierung und die Entwertung. Oft wird das Eigene idealisiert (mein fabelhaftes Auto) und das Andere entwertet (also in einen Golf würde ich nie steigen), aber es geht auch genau andersrum (du bist so toll und ich bin der letzte Dreck). Beide Mechanismen dienen dazu, den von außen schnell beeinflussbaren Selbstwert zu stabilisieren. Donald Trump ist dafür ein wirklich sensationell gutes Beispiel, aber so drastisch zeigt sich das nicht bei allen mit einer Beeinträchtigung im narzisstischen Bereich. 

Bei besonders engen oder gar symbiotischen Eltern- Kind- Beziehungen kann es vorkommen, dass das Kind gar nicht mehr als etwas Eigenständiges wahrgenommen wird, sondern im Dienste der elterlichen Bedürfnisse fungiert. Es wird zum Selbstobjekt der Eltern, die über die Leistungen oder über die Art des Kindes eine Gratifikation erleben. 

Glück hat derjenige, der wirklich in etwas begabt ist, weil er sich so die wichtige narzisstische Zufuhr sichern kann. Viele Menschen brechen regelrecht zusammen, wenn sie nicht mehr arbeiten, weil das sonst immer ihren Selbstwert stabilisiert hat. Burnout ist in diesem Zusammenhang zu sehen, wobei oft eine typische Überzeugung der Selbstausbeutung zu Grunde liegt: "Nur wenn ich ich andauernd Hochleistungen erbringe, werde ich wertgeschätzt (geliebt)".

Ein Kind kann z.B. dafür gelobt werden, dass es immer brav ist, dass es immer seinen Kopf durchsetzt, dass es so stark, so lieb, so sonstwas ist. ALLES kann dazu dienen, dass Eltern sich stabilisieren, je nachdem, was ihnen wichtig ist. Da verschwimmt immer schnell die Grenze zu "das sind aber meine Werte". Ein höfliches Kind z.B. ist etwas, was Eltern meistens anerkennende Worte von außen bringt. Sie fühlen sich in ihren Bemühungen wertgeschätzt, was vollkommen normal ist, denn wir alle brauchen narzzistische Zufuhr. Bewusst etwas drastisch formuliert, könnte es aber auch ein narzisstischer Missbrauch des Kindes sein!
Natürlich kann ich stolz auf mein Kind sein, ohne dass das etwas mit meinem Selbstwert zu tun hat, aber wenn ich auf Teufel komm raus möchte, dass mein Kind höflich danke sagt, dass es sich nicht unterkriegen lässt, dass es mit drei englisch spricht, dann klopft da wohl ein Gefühl des Versagens aus dem Unbewussten an. Das hat mit unseren eigenen Erfahrungen aus der Kindheit zu tun, als wir womöglich selber nicht so geliebt wurden, wie wir einfach sind. Trotz besseren Wissens versuchen wir unsere eigenen Wunden und Verletzungen zu heilen, indem wir uns unbewusst von unserem Kind etwas wünschen. Aber leider geht der Teufelskreis an der Stelle dann immer weiter und weiter.

Gesund (für das Wohlbefinden förderlich) wäre es, sich zuzugestehen, dass man manches manchmal nicht richtig oder gut macht, aber dass das auch kein Drama ist, dass das passiert und menschlich ist. Dass wir uns, trotz Anfeindungen von außen, realistisch betrachten und abwägen können, ob unsere Haltung und unser Handeln an der einen oder anderen Stelle wirklich so sinnvoll gewesen ist. Manchmal können wir uns auch auf die Schulter klopfen und sagen: ach, das ist dir aber heute wirklich gut gelungen. Es gibt kein richtig oder falsch, es gibt nur Standpunkte, die mehr oder minder mit unseren eigenen übereinstimmen. Aber auch die anderen Standpunkt können uns behilflich sein, uns immer wieder neu zu betrachten und mit uns selber innerlich im Gespräch zu bleiben.



Madame FREUDig ist als Psychologin und Psychotherapeutin an fundierten Darstellungen interessiert. Sie hat mit allen Altersgruppen von 0- 70 Jahren gearbeitet und fühlt sich durch ihr eigenes Muttersein und die verschiedentlich gemachten Erfahrungen darin bestärkt, einer breiteren Masse ein psychodynamisches Verstehen nahezubringen. Dabei geht es eben nicht vorrangig darum Ratschläge zu erteilen, sondern um eine Art des Denkens, Fühlens und Verstehens. Sie versucht, die Erkenntnisse aus den Therapien mit unterschiedlichen Menschen und den Wahrnehmungen des Alltags bei sich und anderen aus dem Blickwinkel der Therapeutin zu beleuchten und verständlich zu machen, was der sich entwickelnden Psyche schadet und was sie braucht, um sich gut entwickeln zu können. Seit Juni 2017 schreibt sie daher regelmäßig auf dem Blog ihrer langjährigen Freundin Jessi, der Betreiberin von Terrorpüppi.

Sie lebt mit Mann, Kind und Katern gerade noch so in Berlin, begegnet ihrer Tochter und anderen bedürfnisorientiert und um Verstehen bemüht und setzt sich für das Wahrnehmen eigener und fremder Bedürfnisse ein, weil Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt nicht falsch sein kann, glaubt sie.


Kommentare:

  1. Vielen vielen Dank für diesen Artikel! Erst gestern musste ich in einer Situation mit meinen Kindern meine Grenzen deutlich machen und aufgrund mangelnder Energie habe ich das in einer Weise getan, die sonst nicht meiner Überzeugung entspricht: Ich wurde laut und auch etwas unfair und habe den Raum verlassen, weil ich so wütend war. Das hilft den Kindern auch nicht in ihrem Frust, ist unpädagogisch, ich weiß, aber es ging nicht anders. Es tat mir hinterher so leid und ich habe auch drüber gesprochen, aber ich fühlte mich schrecklich danach, so inkompetent und gescheitert. Der Artikel ist kein Freibrief, wieder zurück zu alten Erziehungsmustern zu gehen, aber er drückt deutlich aus, was viele Eltern heute brauchen: Den Mut und die Gewissheit, dass auch die eigenen Grenzen schützendswert sind, dass wir auch dies den Kindern vorleben müssen, um sie aufs Leben vorzubereiten, und nicht nur andauernde Harmonie und Verstandenwerden. Danke danke danke für diese so wichtigen Gedanken!

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  2. Danke für diesen Beitrag!

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  3. Sehr schön geschrieben!
    Ich bin zwar auch der Meinung, dass gegenseitige Rücksichtnahme in einer funktionierenden Gesellschaft unabdingbar ist und die Freiheit des einen da aufhört wo die des anderen anfängt. Ich glaube aber auch, dass Eltern mit kleinen Kindern ganz besonders belastet sind und Unterstützung brauchen.
    Ich weiß nicht auf welche Situation sich der Artikel bezieht, aber ich habe einen fast zweijährigen Sohn,der mich momentan oft an meine Grenzen treibt. Ich arbeite mit Kindern und beschäftige mich viel mit dem Thema, aber ich würde mir manchmal einfach etwas mehr Menschlichkeit wünschen und weniger Kopfschütteln!

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  4. Vielen Dank für eure Rückmeldungen!
    Ja, es ist kein Freibrief, sondern im Gegenteil ein Aufruf zu mehr Bewusstheit mit den eigenen Schwächen und jene auch den (nicht mehr ganz kleinen) Kindern authentisch nahezubringen. Sie sind kein Drama, aber sie sind zu reflektieren. Jeder kann manchmal nicht anders und verhält sich "unpädagogisch". Deswegen ist das innere Gespräch mit uns so wichtig.

    Und ja, ich sehe es genauso: mehr Verständnis und Menschlichkeit, mehr wirkliche Empathie, täte unserer Welt sehr, sehr gut!
    Adieu, Madame FREUDig

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  5. Toller Artikel, danke dafür. Dem gibt es kaum etwas hinzuzufügen. Nur eins fiel mir beim Lesen ein: während du die Gefühle und den Schutz der anwesenden fremden Personen in den Mittelpunkt gerückt hast, denke ich beim Raustragen (m)eines tobenden Kleinkindes aus einem öffentlichen Ort (und dies kann schon das gemeinsame Essen mit Freunden sein), dass ich mein Kind an einen geschützten Ort bringen will. Geschützter Ort, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen, OHNE die negativen Stimmungen der anderen zu provozieren und gleichzeitig abzubekommen. Selbst wenn niemand etwas sagt, die emotionale Reaktion und die daraus resultierenden körperlichen Reaktionen (Aktivieren des Sympathikus) auf ein wütendes Kind sind DA und somit auch für das Kind unbewusst spürbar. Niemand ist gern Fokus von Abwehr und Ablehnung. Ich schütze mein Kind also davor, im negativen Mittelpunkt zu stehen, wenn ich eingreife und es aus dieser Situation befreie.
    Ich werde jetzt mal ein bisschen weiter auf deinem Blog stöbern, denn ich bin gerade erst darauf gestoßen ;-)
    LG Jitka

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  6. Danke für dein Feedback, Jitka!
    Ja, du hast vollkommen Recht, dass es auch um den Schutz des eigenen Kindes geht. Es spielt ja beides mit rein, aber ich glaube, eine einseitige Gewichtung wäre nicht so vorteilhaft.
    Ich glaube, die missachtenden Zuschreibungen und Kommentare treffen ja eher die Eltern, so dass sie sich dann dem Kind nicht mehr widmen können. Es ist ja kein Ein- Personen- Stück, sondern eine Interaktion, die von außen kritisiert wird. Ich persönlich würde meinem Kind das gar nicht so deuten wollen, dass es der Grund von Missachtung war, sondern dass es unsere gemeinsame Situation war und dass der Ort einfach nicht so schön war, um sich gut zu beruhigen.
    Liebe Grüße und viel Spaß beim Stöbern!
    Madame FREUDig

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    1. Nein, meinem Kind würde ich das natürlich auch nicht so sagen! Mir ging es eher um die Energie, die auf das Kind einwirkt, wenn es unbewusst im Mittelpunkt von negativen Reaktionen steckt. Aber gerade wenn es zu verbalen Angriffen der Eltern kommt, wird es nochmal spürbarer, dass etwas "nicht stimmt", auch für das Kind, selbst wenn es die einzelnen Worte noch nicht hundertprozentig verstehen kann.
      LG Jitka

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  7. Echt jetzt? Mein Kind schmeißt vier mal hintereinander (trotz Verbot) meine Ohrringe aus dem Fenster und alles was es zu hören bekommt ist "das macht mich echt wütend, dass du jetzt zum vierten Mal meine Ohrringe vom Balkon schmeißt. Ich will das nicht" - und damit lernt es seine und meine Grenzen kennen? Sogar meine (sehr braven Kinder) würden sich da denken "so what?" - an meine SchülerInnen möchte ich da gar nicht denken. Und die Konsequenz ist dann, dass ICH meine Ohrringe woanders aufbewahre? Schritt 1: DU gehst jetzt runter und hebst die Ohrringe wieder auf (wenn Kind noch zu klein, gehe ich mit). Schritt 2: Das Schlafzimmer (falls die Ohrringe da aufbewahrt wurden) ist für dich in nächster Zeit erst mal Tabu. Was nützt es denn bitte, eigene Gefühle zu benennen und Grenzen aufzuzeigen, wenn das Ganze dann keine Konsequenzen hat.

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    1. Danke für den Kommentar! Der Ansatz, den Sie verfolgen scheint mit ein grundsätzlich anderes Menschenbild zu beinhalten, aber ich wage dennoch mal einen Vorstoß:

      Es geht hier nicht primär um Erziehung, sondern um die Entwicklung psychisch gesunder Kinder, die in der Lage sind, zu fühlen und Gefühle anderer wahrzunehmen. Das läuft nicht über Konsequenzen, das entwickelt sich über die Feinfühligkeit der Bezugspersonen! Solche Kinder werden mit fünf auch nicht so desinteressiert an den Gefühlen ihrer Mutter sein und mit "so what" reagieren oder wenn, dann wird dieses Kind sich irgendwann um emotionale Wiedergutmachtung bemühen, weil es weiß, dass es mit der Reaktion VERLETZT hat.

      Empathie entwickelt sich, wie beschrieben, aus der Wahrnehmung der eigenen Gefühle und jener der anderen in einem Alter von 4- 5 Jahren. Ein konsequent behandeltes und erzogenes Kind weiß, was richtig ist, absolut, aber es hat nicht zwangsweise ein Gefühl dafür, denn es passt sich der konsequent anerzogenen Erwartungshaltung an. Es weiß, wofür es gelobt und anerkannt wird. Ein gespiegeltes und markiertes Kleinkind wächst zu einem empathischen Menschen heran, wenn nicht ansonsten schwerwiegende Beeinträchtigungen erfolgen.
      Jean Piaget zeigte in häufig replizierten Versuchen Folgendes: Kindern wurde eine Bergansicht gezeigt und sie wurden dann gefragt, was wohl jemand, der zb. auf dem dritten Berg steht, sieht. Ab ca. 4 Jahren erst (!!!) können Kinder die Perspektive des Anderen überhaupt erst kogntiv verarbeiten und merken langsam, dass für andere Menschen Dinge anders aussehen und sich anders anfühlen. Vorher glauben die Kinder, dass alle, egal, wo sie stehen, das sehen, was die Kinder auch sehen.
      Daher halte ich es- insbesondere- bei dem Ohrringbeispiel mit einem Kleinkind für notwendig, das Gefühl des Kindes aufzugreifen und mein eigenes auch zu benennen. Wie sonst sollte ein Kind denn lernen, was Gefühle sind? Weil ich es konsequent erziehe etwa? Dann wird das vielleicht ein ordentlicher und erwartungsgemäß funktionierender Mensch, aber kein umfassend (!) fühlender! Im Übrigen schließt emotionales Begleiten nicht aus, dass man dann gemeinsam im Garten nach den Ohrringen sucht, aber wenn man nur das tut, dann halte ich das für schade.

      Ich möchte an der Stelle auf meinen ersten Artikel verweisen, der am Ende auf strukturelle Störungen und die einzelnen Bereiche davon eingeht: http://www.terrorpueppi.de/2017/06/diese-sache-mit-dem-weinen-warum-baby-schreien-lassen.html

      Mit besten Grüßen!


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