Einschlafen ist Trennung und Trennung aktiviert das Bindungssystem: nur, wenn eine sichere Bindung entstanden ist, weil jemand sich bewährt hat in vielen Situationen und angemessen und prompt- also feinfühlig- auf das Kind reagiert hat, dann kann das Kind sich auf diese Trennung einlassen, loslassen und sich friedlich dem Schlaf überlassen. Daher ist Einschlafbegleitung eine gute Möglichkeit, dem kleinen Kind hinreichend Sicherheit zu vermitteln, um sich zu lösen!

Schlafen beschäftigt alle Eltern irgendwann im Laufe der Elternschaft. Kinder tun meistens nicht das, was Eltern von ihnen wollen: so schlafen, wie sie es selber brauchen. In Ergänzung zu den im Bereich bedürfnisorientierter Elternschaft und attachment parenting immer wieder ausgeführten Notwendigkeiten für eine gesunde Kindesentwicklung, picke ich mir mal ein paar psychologische Aspekte heraus, die mir besonders wichtig sind, die aber meiner Meinung nach oft hinter den evolutionsbiologischen Erklärungen zurückstehen.

Schlafen ist der Prototyp der Trennung (Anna Freud)

Wenn man sich schlafen legt, egal in welchem Alter, bedeutet das, dass man Abschied nimmt: vom Tag, von den Erlebnissen, von den Menschen, von Gedanken.
Wir trennen uns für eine gewisse Zeit von unserem Bewusstsein, von der Kontrolle und der Sicherheit. Wenn wir uns dem Schlaf hingeben und träumen, sind wir mit unserem Unbewussten in Kontakt. Wir sind uns und unserer Umwelt in dem Moment vollkommen ausgeliefert. Wir können nichts tun, wenn wir träumen, wenn Bilder in uns aufsteigen und uns wundervolle innere Erlebnisse bescheren, aber eben auch dann nicht, wenn etwas Beschämendes, Ängstigendes oder gar Vernichtendes aus unserem Inneren aufsteigt und Bilder erzeugt.

Innere Bilder, Träume und Fantasien „stören“ den Schlaf

An dieser Stelle wird es natürlich schwierig, mit Forschungsergebnissen um die Ecke zu kommen, denn wir wissen nicht, wann genau Fantasien/ Träume im Kind entstehen. Die Kleinianer (Anhänger/ Weiterentwickler der Psychoanalytikerin Melanie Klein 1882- 1960) gehen davon aus, dass das Kind von Anfang an Fantasien hat und ihnen auf Grund seiner psychischen Unreife ausgeliefert ist.
Wenn z.B. der Bauch brubbelt, könnte das im Kind eine Fantasie auslösen: was ist da drin denn los? Es tut weh, wo kommt das her? Bin ich das, wer tut mir weh? Ist das Papa da in meinem Bauch, der immer so komisch guckt, wenn ich bei Mama an der Brust bin?

Natürlich (also wahrscheinlich) denkt ein Baby das so nicht, dafür fehlen die Worte, aber diese Empfindungen bzw. Wahrnehmungen von inneren Vorgängen sind da und verwirren. Das Baby nimmt sich und seine Umwelt wahr und aus diesen Wahrnehmungen muss es sich seine innere Welt herstellen.

 

Sprache verändert die Träume

Heute gehen viele davon aus, dass mit dem fortschreitenden Erwerb der Sprache sich innere Bilder und Fantasien herausbilden, also etwa um den 18. Monat (wo innerpsychisch echt viel passiert). Ich finde das etwas kurz gedacht, denn diese Wahrnehmungen des kleinen Säuglings werden von ihm auch vorher ja auch irgendwie innerlich sortiert werden müssen.

Es ist aber definitiv ein Sprung, wenn das Kind Worte hat und diese Worte zu Repräsentanzen innerer Bilder werden. So fangen wir Menschen dann an, uns bildlich zu erinnern. Vorher gibt es diese Erinnerungsspuren auch, nur eben nicht bildlich, sondern primär als rohe, starke Affekte, die das Baby in sich mitträgt. Stellen wir uns nun einmal vor: das Baby/ Kind wacht nachts auf, weil es aus seinem Inneren etwas erschreckt, weil es am Tag z.B. mit dem wahrgenommenen Zorn des Vaters/ der Mutter konfrontiert wurde oder vielleicht gehört hat, wie die Eltern Sex haben und diese Geräusche, die so intensiv klingen und natürlich erstmal Angst machen, dann braucht es Hilfe, das zu verdauen, dann braucht es Unterstützung bei der Verarbeitung von einer Bindungsperson. Ja, genau, es braucht ab einem gewissen Alter eine vertraute Person, zu der eine Bindung entstanden ist.

 

 

Das Bindungssystem wird beim Einschlafen aktiviert

Neulich las ich von einem Papa, der nicht verstand, warum sein Kind so lange zum Einschlafen braucht, obwohl es müde sei. Sonst habe die Mama es immer ins Bett gebracht und nun solle er auch mal. Diese Situation passt perfekt zu meiner Agenda (aus Kindersicht betrachtet):

oh, es geht ins Bett. Schön, jetzt kuscheln und stillen mit Mama. Da gehts mir gut, meine Augen fallen langsam zu und alles ist warm und weich und ich muss keine Angst haben, Mama ist da. Mama macht diesen Job echt gut. Seit 9 Monaten macht sie das jeden Abend so und mir ist nichts passiert. Mama ist echt richtig gut!
Äh, Moment mal, was macht Papa hier? Der ist auch echt cool, aber mit dem spiele ich lieber. Äh, Mama? Mamaaaaa? Ok, da ist sie. Nee, jetzt wieder weg. Na dann gucken wir mal, was Papa so macht jetzt. Ob der mich auch so beschützen kann wie Mama? Hm, so weich ist er schon mal nicht. Und was nehme ich jetzt in den Mund? Hm… na gut, da ist Spielzeug, ich spiele mal noch ein bisschen, das machen wir ja sonst auch. Oh man, ich werde müde. Ganz schön doll. Ich will nicht einschlafen… was, wenn heute wieder so komische Geräusche kommen? Bei Mama weiß ich, die beschützt mich. Also erstmal wach bleiben.

Sei mein sicherer Hafen, auch in der Nacht

Ihr merkt, worauf ich hinauswill, denke ich. Kinder haben Angst. Wenn das Bindungssystem greift, etwa wenn also das Fremdeln beginnt, dann braucht das Kind seinen sicheren Hafen, der zeigt: keine Sorge, ich bin da, dir passiert nichts. Du kannst jetzt beruhigt einschlafen.
Das kann dauern, ja klar. Je nach Bindungssicherheit unterschiedlich lang. Die Sicherheit der Bindung hängt von der Feinfühligkeit (feinfühlige Reaktion auf Baby bedeutet: angemessen und prompt) der Betreuungsperson ab. Diese muss auch die Chance haben, dem Baby in schwierigen Momenten zu zeigen: ich bin für dich da, ich sehe dich. Deswegen bringt es nichts, wenn Mama da in dem Moment angetigert kommt und Papa wieder aus dem Bett vertreibt. Papa muss sich bewähren dürfen. Vielleicht ist es aber erstmal angebracht, die Bindung tagsüber zu stärken, bevor es an das Schlafen geht.

Einschlafen ist Trennung und Trennung aktiviert das Bindungssystem: nur, wenn eine sichere Bindung entstanden ist, weil jemand sich bewährt hat in vielen Situationen und angemessen und prompt- also feinfühlig- auf das Kind reagiert hat, dann kann das Kind sich auf diese Trennung einlassen und loslassen.

Schlaflernprogramme: Einschlafen antrainieren

Was mich an diesen ganzen Schlaflernprogrammen stört, ist, dass es meist nur um die Beseitigung des störenden Verhaltens geht, aber nicht darum, warum ein Kind/ Mensch aufwacht. Da werden schnell die leichtverdaulichen Ratschläge und Hinweise zur (auf jeden Fall nützlichen) Schlafhygiene, zum richtigen letzten Tagesschläfchen, zum richtigen Essen und so fort gezückt. „Gib deinem Kind abends mal Pre- Nahrung, dann schläft es durch“. Problem gelöst…

Nur stimmt das nicht zwangsweise.
Dieses kleine Baby oder Kind hat innere Befindlichkeiten, von denen wir erstmal nichts sehen. Und ich meine damit nicht die ständig herangezogenen Koliken, sondern je eigene, ganz individuelle psychische „Anschleichungen“.
Ich spreche hier von einer anderen Ebene: ich meine nicht Handlung und Verhalten, sondern Verstehen. Unbefriedigend? Ja, bestimmt für einige, aber die können sich immer noch an Verena Kast- Zahn und das Ferbern halten und ihren Beteuerungen lauschen, dass checking- das kontrollierte Schreien lassen- nicht schade, immerhin ist der Cortisolspiegel (Cortisol ist ein Hormon, welches insbesondere bei Stress ausgeschüttet wird) nicht erhöht, wenn man ihn am folgenden Morgen miaat. Wenn es einem reicht, dass der Cortisolspiegel herangezogen wird als Maß der Enttäuschung und des potentiellen Trennungsschmerzes, dann mag das beruhigend befriedigend sein.

Babys und Kinder schlafen nun mal meistens nicht befriedigend. Ich habe vollstes Verständnis für Eltern, die am Ende der Kraft sind. Ich glaube auch, dass Eltern, die davor sind, ihrem Baby Schaden zuzufügen auf Grund der eigenen Überforderung lieber ferbern sollten. Sind das denn aber wirklich so viele? Wenn ich mir angucke, wie viele diese Bücher kaufen, wenn ein Kind nicht schläft, dann beschleicht mich die Vermutung: wird ganz schön häufig praktiziert, ohne dass es wirklich notwendig wäre.

 

Gute Strukturen für sich finden

Allen, denen das zu kurz gegriffen ist, rufe ich zu: lasst euch nicht verführen von der Aussage „jedes Kind kann schlafen lernen“.

Erstens braucht es das nicht, weil ein Kind schlafen kann und aus spezifischen, eben auch innerpsychischen, Gründen aufwacht und zweitens ist man ja geneigt, wenn ein Symptomproblem nicht mehr besteht, auch nicht mehr darüber nachzudenken, was denn eigentlich gerade im Kind wirklich vor sich geht.

Statt das Kind im Schlafen zu trainieren, können wir Eltern uns überlegen, welche Hilfe WIR in Anspruch nehmen wollen.

j

 

Madame FREUDig

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Leseempfehlungen

Hier findet ihr nochmal schön aufgelistet all das, was einem manche Experten als schädlich auslegen wollen und was Susanne von geborgen wachsen dazu sagt:
https://geborgen-wachsen.de/2016/07/08/ammenmaerchen-ueber-den-babyschlaf/

Und natürlich wieder toll fundiert darf das Gewünschteste Wunschkind nicht fehlen:
Durchschlafen:
http://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2013/09/wann-schlafen-babys-durch-und-wie-kann-man-es-unterstuetzen.html
Einschlafen:
http://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2013/02/einschlafen-warum-neugeborene-nicht.html