Mittwoch, 23. August 2017

Der Schlaf als Trennung: eine sichere Bindung für das Kind!

Einschlafen ist Trennung und Trennung aktiviert das Bindungssystem: nur, wenn eine sichere Bindung entstanden ist, weil jemand sich bewährt hat in vielen Situationen und angemessen und prompt- also feinfühlig- auf das Kind reagiert hat, dann kann das Kind sich auf diese Trennung einlassen, loslassen und sich friedlich dem Schlaf überlassen.





Schlafen beschäftigt alle Eltern irgendwann im Laufe der Elternschaft. Kinder tun meistens nicht das, was Eltern von ihnen wollen: so schlafen, wie sie es selber brauchen. In Ergänzung zu den im Bereich bedürfnisorientierter Elternschaft und attachment parenting immer wieder ausgeführten Notwendigkeiten für eine gesunde Kindesentwicklung, picke ich mir mal ein paar psychologische Aspekte heraus, die mir besonders wichtig sind, die aber meiner Meinung nach oft hinter den evolutionsbiologischen Erklärungen zurückstehen.


Schlafen ist der Prototyp der Trennung (Anna Freud)

Wenn man sich schlafen legt, egal in welchem Alter, bedeutet das, dass man Abschied nimmt: vom Tag, von den Erlebnissen, von den Menschen, von Gedanken.
Wir trennen uns für eine gewisse Zeit von unserem Bewusstsein, von der Kontrolle und der Sicherheit. Wir geben uns dem Schlaf hin, träumen, sind mit unserem Unbewussten in Kontakt. Wir sind uns und unserer Umwelt in dem Moment vollkommen ausgeliefert. Wir können nichts tun, wenn wir träumen, wenn Bilder in uns aufsteigen und uns wundervolle innere Erlebnisse bescheren, aber eben auch dann nicht, wenn etwas Beschämendes, Ängstigendes oder gar Vernichtendes aus unserem Inneren aufsteigt und Bilder erzeugt.

An dieser Stelle wird es natürlich schwierig, mit Forschungsergebnissen um die Ecke zu kommen, denn wir wissen nicht, wann genau Fantasien/ Träume im Kind entstehen. Die Kleinianer (Anhänger/ Weiterentwickler der Psychoanalytikerin Melanie Klein 1882- 1960) gehen davon aus, dass das Kind von Anfang an Fantasien hat und ihnen auf Grund seiner psychischen Unreife ausgeliefert ist.
Wenn z.B. der Bauch brubbelt, könnte das im Kind eine Fantasie auslösen: was ist da drin denn los? Es tut weh, wo kommt das her? Bin ich das, wer tut mir weh? Ist das Papa da in meinem Bauch, der immer so komisch guckt, wenn ich bei Mama an der Brust bin?

Natürlich (also wahrscheinlich) denkt ein Baby das so nicht, dafür fehlen die Worte, aber diese Empfindungen bzw. Wahrnehmungen von inneren Vorgängen sind da und verwirren. Das Baby nimmt sich und seine Umwelt wahr und aus diesen Wahrnehmungen muss es sich seine innere Welt herstellen.
Heute gehen viele davon aus, dass mit dem fortschreitenden Erwerb der Sprache sich innere Bilder und Fantasien herausbilden, also etwa um den 18. Monat (wo innerpsychisch echt viel passiert). Ich finde das etwas kurz gedacht, denn diese Wahrnehmungen des kleinen Säuglings werden von ihm auch vorher ja auch irgendwie innerlich sortiert werden müssen. Es ist aber definitiv ein Sprung, wenn das Kind Worte hat und diese Worte zu Repräsentanzen innerer Bilder werden. So fangen wir Menschen dann an, uns bildlich zu erinnern. Vorher gibt es diese Erinnerungsspuren auch, nur eben nicht bildlich, sondern primär als rohe, starke Affekte, die das Baby in sich mitträgt. Stellen wir uns nun einmal vor: das Baby/ Kind wacht nachts auf, weil es aus seinem Inneren etwas erschreckt, weil es am Tag z.B. mit dem wahrgenommenen Zorn des Vaters/ der Mutter konfrontiert wurde oder vielleicht gehört hat, wie die Eltern Sex haben und diese Geräusche, die so intensiv klingen und natürlich erstmal Angst machen, dann braucht es Hilfe, das zu verdauen, dann braucht es Unterstützung bei der Verarbeitung von einer Bindungsperson. Ja, genau, es braucht ab einem gewissen Alter eine vertraute Person, zu der eine Bindung entstanden ist.

Neulich las ich von einem Papa, der nicht verstand, warum sein Kind so lange zum Einschlafen braucht, obwohl es müde sei. Sonst habe die Mama es immer ins Bett gebracht und nun solle er auch mal. Diese Situation passt perfekt zu meiner Agenda (aus Kindersicht betrachtet):
oh, es geht ins Bett. Schön, jetzt kuscheln und stillen mit Mama. Da gehts mir gut, meine Augen fallen langsam zu und alles ist warm und weich und ich muss keine Angst haben, Mama ist da. Mama macht diesen Job echt gut. Seit 9 Monaten macht sie das jeden Abend so und mir ist nichts passiert. Mama ist echt richtig gut!
Äh, Moment mal, was macht Papa hier? Der ist auch echt cool, aber mit dem spiele ich lieber. Äh, Mama? Mamaaaaa? Ok, da ist sie. Nee, jetzt wieder weg. Na dann gucken wir mal, was Papa so macht jetzt. Ob der mich auch so beschützen kann wie Mama? Hm, so weich ist er schon mal nicht. Und was nehme ich jetzt in den Mund? Hm... na gut, da ist Spielzeug, ich spiele mal noch ein bisschen, das machen wir ja sonst auch. Oh man, ich werde müde. Ganz schön doll. Ich will nicht einschlafen... was, wenn heute wieder so komische Geräusche kommen? Bei Mama weiß ich, die beschützt mich. Also erstmal wach bleiben.

Ihr merkt, worauf ich hinauswill, denke ich. Kinder haben Angst. Wenn das Bindungssystem greift, etwa wenn also das Fremdeln beginnt, dann braucht das Kind seinen sicheren Hafen, der zeigt: keine Sorge, ich bin da, dir passiert nichts. Du kannst jetzt beruhigt einschlafen.
Das kann dauern, ja klar. Je nach Bindungssicherheit unterschiedlich lang. Die Sicherheit der Bindung hängt von der Feinfühligkeit (feinfühlige Reaktion auf Baby bedeutet: angemessen und prompt) der Betreuungsperson ab. Diese muss auch die Chance haben, dem Baby in schwierigen Momenten zu zeigen: ich bin für dich da, ich sehe dich. Deswegen bringt es nichts, wenn Mama da in dem Moment angetigert kommt und Papa wieder aus dem Bett vertreibt. Papa muss sich bewähren dürfen. Vielleicht ist es aber erstmal angebracht, die Bindung tagsüber zu stärken, bevor es an das Schlafen geht.


Einschlafen ist Trennung und Trennung aktiviert das Bindungssystem: nur, wenn eine sichere Bindung entstanden ist, weil jemand sich bewährt hat in vielen Situationen und angemessen und prompt- also feinfühlig- auf das Kind reagiert hat, dann kann das Kind sich auf diese Trennung einlassen und loslassen.


Was mich extrem an diesen ganzen Schlaflernprogrammen stört, ist, dass es mal wieder nur um störendes Verhalten geht, aber nicht darum, warum ein Kind/ Mensch aufwacht. Da werden schnell die leichtverdaulichen Ratschläge und Hinweise zur (auf jeden Fall nützlichen) Schlafhygiene, zum richtigen letzten Tagesschläfchen, zum richtigen Essen und so fort gezückt. "Gib deinem Kind abends mal Pre- Nahrung, dann schläft es durch". Ahja, danke! Problem gelöst.
Nur stimmt das nicht zwangsweise. 
Dieses kleine Baby oder Kind hat innere Befindlichkeiten, von denen wir erstmal nichts sehen. Und ich meine damit nicht die ständig herangezogenen Koliken, sondern je eigene, ganz individuelle psychische "Anschleichungen".
Ich spreche hier von einer anderen Ebene: ich meine hier nicht Handlung und Verhalten, sondern Verstehen. Unbefriedigend? Ja, bestimmt für einige, aber die können sich immer noch an Verena Kast- Zahn und das Ferbern halten und ihren Beteuerungen lauschen, dass checking- das kontrollierte Schreien lassen- nicht schade, immerhin ist der Cortisolspiegel (Cortisol ist ein Hormon, welches insbesondere bei Stress ausgeschüttet wird) nicht erhöht- puuh, welch ein Glück, was? Wenn es einem reicht, dass der Cortisolspiegel herangezogen wird als Maß der Enttäuschung und des Verlusts, dann mag das ja beruhigend befriedigend sein.

Ihr merkt, mich nervt das alles mächtig, weil schnell Lösungen gesucht werden für etwas, was eigentlich keine schnellen Lösungen erwarten lässt. Babys und Kinder schlafen eben nun mal meistens nicht befriedigend. Ich habe vollstes Verständnis für Eltern, die am Ende der Kraft sind und ich glaube auch, dass Eltern, die davor sind, ihrem Baby Schaden zuzufügen auf Grund der eigenen Überforderung lieber ferbern sollten. Sind das denn aber wirklich so viele? Wenn ich mir angucke, wie viele diese Bücher kaufen, wie viele einem bestimmte Tipps geben, wenn ein Kind nicht schläft, dann beschleicht mich die Vermutung: wird ganz schön häufig praktiziert.

Allen, denen das zu kurz gegriffen ist, rufe ich zu: lasst euch nicht verführen von der Aussage "jedes Kind kann schlafen lernen". Erstens braucht es das nicht, weil ein Kind schlafen kann und aus Gründen aufwacht und zweitens ist man ja geneigt, wenn ein Symptomproblem nicht mehr besteht, auch nicht mehr darüber nachzudenken.
Heißt im Genauen: das Kind verdrängt oder verleugnet diese inneren andrängenden Fantasien in sein tiefstes Inneres und dort treibt es dann sein Unwesen. Muss nicht schlimm sein, viele leben ihr Leben gut damit und gucken einen lediglich etwas bedröppelt an, wenn man von bestimmten Gefühlen und Fantasien spricht, weil sie irgendwie fühlen, dass sie das irgendwie kennen, aber irgendwie eben auch nicht.

Als manchmal müde, nachts oft stillende, sehr früh wieder teilweise arbeitende (also auch extern geforderte) Mutter kann ich an der Stelle nur sagen: versucht euren Alltag anders zu strukturieren. Schlaft die ersten Monate getrennt mit eurem Partner und wechselt euch ab, so dass ihr in Schichten schlafen könnt, wenn ihr vom Familienbett nichts haltet. Es gibt Kinder, die auch im eigenen Bett gut und sicher gebunden schlafen. Mein persönliches "Rezept" lautet allerdings auch: Stillen und großes Familienbett. Ich persönlich kenne das nächtliche Wachliegen und Weinen gar nicht: getrunken, gekuschelt, geschlafen. Alle 2- 3 Stunden. Manchmal anstrengend, manchmal echt ärgerlich, wenn man selber mitten aus einem Traum gerissen wird (was kaum passiert, weil sich die Schlafrhythmen zu synchronisieren scheinen), aber alles in allem eine liebevolle und fürsorgliche Lösung.

Und in so einer Welt will ich leben: liebevoll und fürsorglich!

Madame FREUDig



Hier findet ihr nochmal schön aufgelistet all das, was einem manche Experten als schädlich auslegen wollen und was Susanne von geborgen wachsen dazu sagt:
https://geborgen-wachsen.de/2016/07/08/ammenmaerchen-ueber-den-babyschlaf/

Und natürlich wieder toll fundiert darf das Gewünschteste Wunschkind nicht fehlen:
Durchschlafen:
http://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2013/09/wann-schlafen-babys-durch-und-wie-kann-man-es-unterstuetzen.html
Einschlafen: 
http://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2013/02/einschlafen-warum-neugeborene-nicht.html



Madame FREUDig ist als Psychologin und Psychotherapeutin an fundierten Darstellungen interessiert. Sie hat mit allen Altersgruppen von 0- 70 Jahren gearbeitet und fühlt sich durch ihr eigenes Muttersein und die verschiedentlich gemachten Erfahrungen darin bestärkt, einer breiteren Masse ein psychodynamisches Verstehen nahezubringen. Dabei geht es eben nicht vorrangig darum Ratschläge zu erteilen, sondern um eine Art des Denkens, Fühlens und Verstehens. Sie versucht, die Erkenntnisse aus den Therapien mit unterschiedlichen Menschen und den Wahrnehmungen des Alltags bei sich und anderen aus dem Blickwinkel der Therapeutin zu beleuchten und verständlich zu machen, was der sich entwickelnden Psyche schadet und was sie braucht, um sich gut entwickeln zu können. Seit Juni 2017 schreibt sie daher regelmäßig auf dem Blog ihrer langjährigen Freundin Jessi, der Betreiberin von Terrorpüppi.

Sie lebt mit Mann, Kind und Katern gerade noch so in Berlin, begegnet ihrer Tochter und anderen bedürfnisorientiert und um Verstehen bemüht und setzt sich für das Wahrnehmen eigener und fremder Bedürfnisse ein, weil Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt nicht falsch sein kann, glaubt sie.





 

Kommentare:

  1. Hallo,

    Schöner Post, der mir wirklich gut gefällt.

    Was ich mich beim ferbern immer frage ist: Warum tut man sich das an? Nach einem anstrengenden Tag hätte ich gar keine Lust mehr meine Kinder zum Schlafen zu "erziehen". Das kann doch eigentlich nur kontraproduktiv sein. Das Kind schreit immer mehr und man selbst wird auch immer gestresster. Den Beginn eines entspannten Abends stelle ich mir anders vor.

    Wenn man also darauf schaut, was das Kind benötigt um gut und sicher einschlafen zu können (und das ist mit Sicherheit auch von Kind zu Kind unterschiedlich), hat man viel eher die Chance auf ein entspanntes Einschlafen. Und man muss dabei natürlich auch immer schauen, ob es nicht aktuell Themen gibt, die dazu führen, dass die Kinder schlecht einschlafen. Der Kita-Start war bei uns so ein Thema. Da ist es dann doch auch sinnvoller den Tag zusammen mit den Kinder nochmal aufzuarbeiten, anstatt das Kind einfach ins Bett zu stecken und sich selbst vor den Fernseher zu setzen.

    Viele Grüße,

    Tim (von "ich konnte den Hund noch nie leiden")

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    1. Toll Tim, danke für den Kommentar! Sehe ich genauso. Also neben all dem Inhaltlichen ist ein "schönes" Einschlafen doch für alle viel entspannter.
      Madame FREUDig (die Katzen eh lieber mag)

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  2. Ich bin 38 Jahre alt und habe zwei Kinder mit 4 und 27 Monaten. Ohne dass ich es geplant habe, schlafen beide Kinder von Anfang an mit mir im Familienbett. Papa ist meistens vorübergehend ausgezogen damit wir schlafen können. Beide Kinder haben von Anfang an bis heute jede Nacht mit maximal einer Unterbrechung, an die ich mich manchmal noch nicht mal erinnere, geschlafen. Wir wachen morgens zusammen ausgeschlafen auf. In 27 Monaten hatten wir maximal 5 anstrengende Nächte.
    Ich gehe unglaublich gerne mit meinen Kindern schlafen. Ich bin sicher, dass wir genauso natürlich ein Ende vom Familienbett finden werden, wie es angefangen hat. Ich möchte jeden Tag gerne mit meinen Kindern leben und mein Glück und Wohlbefinden (ganz unabhängig von dem meiner Kinder) nicht auf die Zukunft verschieben...

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    1. Das sagt du sehr schön! Wenn man wachsam für die Bedürfnisse ist, dann wird es eben genau dieses natürliche Ende geben, das denke ich auch. Und bis dahin kann man es ja einfach so genießen!
      LG Madame Freudig

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  3. Ein wirklich guter Beitrag, der das Thema "Einschlafen" gut auf den Punkt bringt. Am Wochenende gab es in der Süddeutschen Zeitung einen Beitrag zu dem Thema, bei dem das Ganze eher verhaltenstherapeutisch angegangen wurde. Ein Kind, dass zu lange zum Einschlafen braucht, hat ein Problem und muss behandelt werden. Das hat mich ziemlich aufgeregt und ich habe da mal was zu geschrieben und deinen Beitrag verlinkt: https://micha-morethanwords.blogspot.de/2017/08/warum-eltern-ausschleichen-nicht-sein.html
    Mit ganz lieben Grüßen, Micha

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  4. Vielen Dank für diesen Beitrag! Mir kommt es oftmals so vor, als würden bei Babys nur die Bedürfnisse nach Essen, Trinken und trockener Windel ernst genommen und berücksichtigt. Dass ein Baby aber ein mindestens genauso starkes Bedürfnis nach der Nähe einer Bezugsperson hat, wird häufig ignoriert. Also Danke für diesen Beitrag! Ich teile ihn, damit ihn möglichst viele Eltern lesen :)

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