Mit mehr Fantasie und Empathie in die Zukunft

Mit mehr Fantasie und Empathie in die Zukunft

Privat sprach ich in den letzten Jahren gefühlt unzählige Male vom „Tod der Fantasie“. Dabei ist meine große Tochter gerade mal vier Jahre alt geworden und ihre Fantasie mehr als lebendig. Doch wieso sage ich dann so etwas und warum denke ich das noch viel häufiger?

Weil wir ständig auf eine Welt treffen, in der kindliche Fantasie als Lügen interpretiert wird. Eine Welt, in der Kinder, die vor sich hin träumen und Gedankenreisen in fantastische Welten machen, allzu schnell als problematisch eingeordnet werden. Zugleich leben wir in einer unglaublich komplexen Welt mit mannigfaltigen Problemlagen. Doch viel zu selten wird diesen mit kreativen Lösungsvorschlägen entgegengetreten. Nur sehr wenige Menschen scheinen dazu in der Lage, die Zukunft der Gesellschaft ganz anders zu denken – fantasievoll neue Bausteine zu unserem gesellschaftlichen Gerüst hinzuzufügen und die alten mit Blick auf ein übergeordnetes Ganzes zu modifizieren, statt nur zu flickschustern.

…und das in einer Gesellschaft in der die Innovation ständig hochgelobt wird.

Beim Sterben der Fantasie muss ich auch an all die Auswüchse denke, unter denen moderne Kindheit zu leiden hat: Kindergarten und Schule werden durchrationalisiert. Was nicht passt, wird passend gemacht. Erwachsene sprechen davon, dass Kinder auf die Realität vorbereitet werden müssten und die sei eben kein Ponyhof. Wer nicht schon im Kindergarten und allerspätestens in der Schule den Ernst des Leben kennen lerne und fantasievolles Spiel auf eng begrenzte Räume und Zeiten beschränke, der würde schnell angehängt werden. Zurückgelassen.

So schön zum Beispiel die Faschingszeit ist (Kostümideen gibt’s übrigens hier!), Kostüme an wenigen Tagen allein sind für die kindliche Fantasie am Ende zu wenig – und für eine lebenswerte Zukunft unserer Gesellschaft im Übrigen auch.

 

Was ist Fantasie?

Fantasie ist ganz grundsätzlich die Fähigkeit, sich Dinge ausdenken und vorstellen zu können. Auch Erträumtes ist Fantasie. Wenn man sich etwas vorstellt oder ausdenkt, dann ist dieses Vorgestellte und Ausgedachte für (unbeteiligte) Dritte (noch) nicht zugänglich. Für uns mag es ganz lebendig sein, unglaublich real wirken und doch: Es hat materiell noch nicht die Form angenommen, die es bräuchte, damit auch andere es gleichermaßen sehen, fühlen, hören, schmecken oder riechen. Über diesen „als ob“-Modus und die Fähigkeit der Mentalisierung hat Madame FREUDig auch schon hier berichtet.

So real es zudem auf uns wirken mag – i.d.R. können wir stets dennoch unterscheiden zwischen Fantasie und Wirklichkeit. Die Wirklichkeit wird nämlich im Gegensatz zur Fantasie die von uns allen – oder zumindest von vielen – vergleichbar wahrgenommen.

Fantasie bedeutet also, sich einzelne Dinge bis hin zu komplexen Welten anschaulich vorzustellen. Es handelt sich damit zunächst um eine psychische Fähigkeit, die hochgradig kreativ ist, denn es werden Bilder allein durch die Kraft der Gedanken erschaffen. Diese Bilder können dabei so viel Form annehmen, so dermaßen wirkmächtig werden, dass sie sogar mit unseren anderen Sinnen wahrgenommen werden können.

 

Vom Anfang und Ende einer Fantasiereise

Wenn wir beispielsweise ein Kind mit einem Stöckchen spielen sehen, dann sehen manche Erwachsene womöglich die Gefahr, die davon potentiell ausgehen könnte. Meist aber geht von diesen Stöcken keine unmittelbare Gefahr aus, sondern sie sind Teil des kindlichen Spiels. So rennen Kinder lachend über die Spielplätze und durch die Wälder, erleben als Räuber*innen Abenteuer und sind Monstern auf der Spur. Das Stöckchen kann dazu anregen, eine umfangreiche fantastische Welt aufzubauen, für welche die reale Welt für eine gewisse Zeit nur nutzbares Bühnenbild ist. Aus einem Busch wird eine unüberwindbare Burgmauer, aus einer Blume ein Schatz.

Dieses Beispiel zeigt aber auch, wie empfänglich Fantasie für Einflüsse von außen ist. Nahezu alles kann dank der Fähigkeit, sich Dinge auszudenken und (anders) vorzustellen, Teil der fantastischen Welt werden. Zugleich aber kann Fantasie durch (zunächst äußere, später aber auch innere) Grenzen ausgebremst oder jäh unterbrochen werden. Schreiten beispielsweise schon am Anfang Erwachsene ein und machen gegenüber dem Kind deutlich:

Mit Stöckern spielt man nicht, das ist gefährlich/ da machst du dich schmutzig/ weil Waffen sind böse…

Monster gibt es nicht…

Das ist bloß eine Blume – nichts Besonderes…

Stell dich nicht so an – das ist keine unüberwindbare Burgmauer, du musst doch nur die Äste beiseite schieben…“

…Ja dann ist die Fantasiereise schon zu Ende, ehe sie angefangen hat. Fantasie braucht Raum und Zeit, um sich zu entwickeln. Je mehr Vorgaben von außen gesetzt werden, desto schwieriger ist es, die Fähigkeit zu fantasieren auszubilden bzw. sich zu bewahren.

Die Bedeutung von Fantasie für unsere Kinder und die Zukunft unserer Gesellschaft | Terrorpüppi | Reflektiert, bedürfnisorientiert, gleichberechtigt

Fantasien sind nicht automatisch schön. Auch Kinder stellen sich nicht nur fabelhafte Welten vor, in denen sie gerne Zeit verbringen. Fantasien sind empfänglich für unsere Stimmungen, unsere Gefühle und zugleich können wir mit unserer Fantasie die Wirklichkeit verarbeiten.

 

Warum brauchen wir Fantasie? 

Zuerst einmal: Jeder hat Fantasie – ohne Fantasie geht es nicht. Wir haben höchstens viel oder wenig Fantasie – und das variiert auch in den unterschiedlichen Kontexten, in denen wir uns bewegen.

(Viel) Fantasie kann dabei helfen, empathisch mit seinen Mitmenschen sein zu können. Rollenspiele mit komplexem Rollentausch ermöglichen es Kindern, sich in die Gefühle und Motive anderer hineinzudenken. Dieses „taking the role of each other“ ,  also die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, das ist für eine Kommunikation auf Augenhöhe einfach notwendig. Es kann in fantasievollem Spiel – gemeinsam mit anderen, aber eben auch ganz allein – eingeübt werden.

Fantasie und Empathie - Für eine lebenswerte Zukunft | Terrorpüppi | Reflektiert, bedürfnisorientiert, gleichberechtigt

Gesellschaftswandel durch kreatives Handeln und Fantasie

Als Soziologin richte ich, so könnte man meinen, nicht unbedingt mein Augenmerk auf die Fantasie (auch wenn manch theoretische Abhandlung eine Menge Fantasie benötigt, um als halbwegs lesbar eingestuft werden zu können). Es stimmt: Fantasie ist kein soziologischer Grundbegriff – und doch: ohne Fantasie geht es nicht.

Gesellschaftlicher Wandel und Innovation sind nur möglich, wenn es zu kreativem Handeln, also zu Abweichungen von der Routine kommt. Das geschieht zwar nicht selten auch zufällig, aber der Zufall allein ist ein schlechter Ratgeber, wenn wir Gegenwart und Zukunft aktiv gestalten wollen

Fantasie und Empathie - Für eine lebenswerte Zukunft | Terrorpüppi | Reflektiert, bedürfnisorientiert, gleichberechtigt

Ohne Fantasie werden wir alle bald absaufen…

…wenn die anderen nur noch fremder werden

Treiben wir nun Kindern systematisch die Fantasie aus, indem wir ihnen kaum Raum zu komplexem Rollenspiel geben, bleibt auch immer häufiger die Empathie auf der Strecke. Das ist tödlich für eine differenzierte Gesellschaft, in der es immer mehr statt weniger Rollen gibt. Wenn Kinder nur lernen sich in ihnen unmittelbar real umgebende Menschen und deren Rollen zu begeben, dann lernen sie nicht den ganzen gesellschaftlichen Regenbogen kennen.

So werden die anderen noch fremder, noch weniger vertraut. Die Konsequenzen fehlender Empathie können wir tagtäglich sehen: Flüchtlingsheime brennen, einfältige und vor allem hasserfüllte Parolen werden gegrölt. Menschen wird individuell die Schuld für ihre ganze Lebenslage gegeben, statt mit ihnen zu fühlen und das Ungleichheits- und Ungerechtigkeitssystem dahinter zu sehen. Oder ganz banal auf dem Spielplatz: Wenn uns die Welten der anderen Mütter und Väter so fremd sind oder werden, dass wir sie nur noch ablehnen können, statt zu verstehen und mitzufühlen. (hier hab ich auch schon was zu Beobachtungen auf dem Spielplatz bezüglich Mütterrollen geschrieben…)

Vom spielerischen Lernen zu einem empathischen Miteinander

Lernen tun Kinder vor allem spielerisch. Über das Spiel tauchen sie ein in andere Welten und vermögen es zugleich über das Herstellen von Parallelen zwischen den fantastischen Rollen und den realen gesellschaftlichen Rollen eine Brücke zu schlagen. Das ist eine riesige Chance für uns als Gesellschaft, denn Kinder tragen noch nicht diesen riesigen Rucksack voller Schubladen und Vorurteile mit sich herum. Bei ihnen ist noch alles möglich. Die Grenzen, die kommen von uns und mit ihnen beschneiden wir auch die Lösungswege unserer eigenen Misere.

In diesem Sinne sollten wir unsere Kinder nicht diesen Ernst des Lebens proben lassen – der kommt schon von ganz allein. Stattdessen lasst sie mit unserer, bisweilen ja wirklich sehr schwierigen, ernsten Welt spielerisch umgehen. So ebnen wir vielleicht den  Weg für kreative Lösungen und damit für eine lebenswertere Zukunft unserer Gesellschaft. Eine Zukunft, in der Empathie wieder das ist, was sie sein sollte: eine Stärke und eine Chance auf ein friedliches Miteinander.

 

Gebt der Fantasie Raum, dann wird sie euch und uns alle bereichern.

liebe Grüße

Jessi

 

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About the Author:

Mutter von Zweien, Berlinerin, promovierte Soziologin, Bloggerin. Jessi ist die Gründerin des Blogs Terrorpüppi. Sie bevorzugt eine undogmatische Sicht auf Familie und Gesellschaft, fordert aber von sich und anderen klare Haltungen ein. Jessi liebt Schokopudding und Berlin, ist Working Mom, Serienjunkie und liebt und lebt gleichberechtigte Partnerschaft und Elternschaft. Mit ihrer soziologischen Perspektive setzt sie sich gerne kritisch-reflektiert mit familiären und gesellschaftlichen Fragen auseinander, zugleich hat sie eine unbeirrbar optimistische Lebenseinstellung.

One Comment

  1. Kleinstadtlöwenmama 31. Januar 2018 at 22:07 - Reply

    Liebe Terrorpüppi, danke für Deine Erinnerung an die Wichtigkeit der Fantasie…. meine Tochter hat unglaublich viel Fantasie ABER hat teilweise auch wirklich Angst vor ihren eigenen Ideen. Und da finde ich es dann immer schwierig, wie ich ihr einerseits die Angst nehmen kann, ohne andererseits ihre Fantasiewelt „schrumpfen“ zu lassen – weißt Du, was ich meine?

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