Freitag, 17. April 2015

Vereinbarkeit - Wollen wir das wirklich? (Gastbeitrag)

Blogreihe: Familienleben zwischen Beruf und Berufung 

Und schon geht es weiter mit der Blogreihe zur Vereinbarkeit. Nachdem uns bereits Dani von Glucke und so beehrt, folgt heute die herzliche Anna von Familie Mottes kunterbunte Welt. Anna hat sich umfangreich und in jedem Falle lesenswert Gedanken gemacht und fragt recht provokant: Ja, wollen wir diese Vereinbarkeit denn überhaupt?



Vereinbarkeit - Wollen wir das wirklich?

Ein Gastbeitrag von Anna, Familie Motte kunterbunte Welt

Als ich erfahren habe, dass die liebe Jessica eine Beitragsreihe zum Thema „Vereinbarkeit von Familie & Beruf“ plant, war ich sofort einverstanden mich mit einem Beitrag zu beteiligen.

Bevor ich beginne, möchte ich betonen, dass man die „Mama“ im Text natürlich auch jederzeit gegen den „Papa“ eintauschen kann. Der Einfachheit halber – und weil ich über mich schreibe – steht sie hier stellvertretend für beide Elternteile.  


Das Thema „Kind & Karriere“ beschäftigt wohl alle Eltern – ändert sich doch mit der Geburt eines Kindes alles. Mal eben – trotz Kind – Karriere machen ist nicht mehr so einfach. Trägt man nunmehr nicht nur für sich selbst und sein Leben die Verantwortung, sondern ist ab jetzt auch verantwortlich für dieses winzige Wesen, das aus uns eine Familie gemacht hat.

Ich möchte das Thema heute mal unter einem ganz anderen Gesichtspunkt betrachten. Dabei seien wichtige Kriterien wie Selbstverwirklichung im Job, die Tatsache dass ich gern arbeite und
auch der Aspekt, dass es schwer ist, einen Wiedereinstieg zu schaffen, wenn man lange im Job fehlt, mal außen vor gelassen. Ganz abgesehen von dem Punkt, dass auch die persönliche Rentenkasse nicht gefüllt wird.

Vielmehr möchte ich darauf eingehen, was ich mir in der derzeitigen Situation tatsächlich wünschen würde. Und das wird sicher nicht jedem gefallen.

Ich glaube, dass Vereinbarkeit von Kind & Job zwar möglich ist – behaupte aber mal ganz kühn, dass nicht jede Mama das auch wirklich möchte. Zumindest nicht solange die Kinder klein sind. Genau so geht es mir nämlich oft.

Ich will damit nicht sagen, dass wir Mamas nicht mehr arbeiten wollen. Doch, das wollen wir. Aber nicht in dem Umfang oder dem gleichen Rahmen wie vorher. Denn unser Lebensmittelpunkt hat sich verschoben. Die Kinder und Familie sind wichtiger und kommen an erster Stelle. Erst dann kommt der Job.
  
Seit wir Ende letzten Jahres erfahren haben, dass ich mit Zwillingen schwanger bin, und unsere Familie in diesem Sommer – schwupps – von einem auf drei Kinder anwächst, mache ich mir viele Gedanken über das, was kommen wird. Wie wird das sein, wenn ich drei Kinder habe und nicht nur eins? Wird es überhaupt möglich sein, die Krankzeiten der Kinder und damit Ausfallzeiten im Job zu kompensieren? Wird die Alltagslast mich dünnhäutiger machen? Werde ich - neben all den Bedürfnissen meiner Kinder - noch genug Kraft aufbringen auch im Job alles zu geben? Denn ich bin nicht naiv: je mehr Kinder, desto mehr Arbeit werden wir haben und desto mehr Organisationstalent ist gefragt.

Mir schweben Horrorszenarien vor – erst wird ein Kind krank, dann das nächste, dann das Dritte und ich fehle wochenlang im Job. Wie tolerant wird mein Arbeitgeber dann noch sein? Womöglich bin ich selbst auch noch einmal krank und fehle dadurch wieder.

Ich meistere (wie Millionen von anderen Mamas)  jeden Tag den Spagat zwischen Job, Kita, Kindererziehung, Haushalt, Partnerschaft und – derzeit auch noch Schwangerschaft. Ich habe das Gefühl die To Do - Liste wird länger und länger. Jedes Mal, wenn man stolz einen Punkt von seiner Liste streicht, kommen unten drei neue hinzu.

Und obwohl ich derzeit nur 20 Stunden/Woche vormittags arbeite – den Nachmittag also theoretisch für Erledigungen aller Art und den Haushalt frei hätte – schaffe ich nur einen Bruchteil, an manchen Tagen sogar gar nichts von dem, was sein müsste. Meine Tochter ist jetzt drei – kann sich also eine Weile selbst beschäftigen, aber eben nicht die ganze Zeit. Sie verlangt noch sehr oft nach mir, will beschäftigt werden – so wie jedes andere Kind in diesem Alter auch. Und ich genieße es ja auch, Zeit mit ihr zu verbringen – dafür sind die Nachmittage da. Das ist unsere Zeit – Mama-Kind-Zeit. Schließlich habe ich ein Kind bekommen, weil ich Zeit mit ihr verbringen möchte. Und machen wir uns nichts vor: mit zwei Babys dazu wird die Zeit dann noch knapper werden.

Da die Nachmittage also oft damit gefüllt sind, bleiben Haushalt, Papierkram, Wäsche und sonstige Erledigungen liegen und werden auf abends verschoben, wenn das Kind im Bett ist. Und auch wenn mein Mann dann fleißig mithilft: Zeit für mich = Fehlanzeige!

Soweit so gut – das geht wohl jeder Mama so und ich bin nichts Besonderes.

Und genau da frage ich mich: wollen wir das wirklich genauso? Die Belastung steigt stetig und wir kommen irgendwann an den Punkt, wo wir eben nicht mehr alles bewältigen können? Ständig rotieren, nur damit wir auch noch einem Job nachgehen können?    

Eigentlich will ich das nicht – zumindest nicht so lange meine Kinder klein sind. Damit will ich sagen: es wäre wunderbar, wenn es die Möglichkeit gäbe für – sagen wir die ersten 6 Lebensjahre des Kindes – aus dem Job auszusteigen und seine ganze Energie in das Familienleben zu stecken, ohne dass man hinterher Nachteile davonträgt.

Wie viel entspannter wäre es, wenn man Haushalt, Besorgungen und Papierkram vormittags erledigen könnte wenn die Kinder in der Kita sind und nachmittags ausschließlich Zeit für seine Kinder hätte, ohne ständig darüber nachzudenken, dass dies und jenes noch erledigt werden muss. Und abends, wenn die Kinder im Bett sind würde man zumindest ab und zu ein bisschen Zeit für sich selbst finden. 

„Kannst Du doch machen“ werden einige nun vielleicht sagen. Gibt doch Elterngeld (dass einem übrigens paradoxerweise erst steuerfrei ausgezahlt wird und dann im nächsten Jahr versteuert werden muss, was oft dann – wenn man die finanziellen Einbußen spürt, weil einer weniger arbeitet - eine horrende Nachzahlung nach sich zieht). Ja, es gibt Elterngeld – aber derzeit nur für maximal zwei Jahre. Und alles was man zusätzlich verdient, um die Kasse aufzubessern, wird einem vom Elterngeld abgezogen. Hilft nicht wirklich weiter.   

Und sind wir doch mal realistisch – ich kann nicht einfach die nächsten 5 Jahre zu Hause bleiben. Und wenn der Mann (oder man selbst) nicht gerade Tausende von Euros im Job verdient – sicher auch die meisten anderen Eltern nicht.

Erstens können wir es uns nicht leisten auf mein Gehalt zu verzichten. Hamburg ist teuer. Miete, Strom, Versicherung, Lebensmittel, Klamotten – muss ja alles bezahlt werden. Ein Gehalt reicht einfach vorn und hinten nicht.

Zweitens: in der heutigen Arbeitswelt kann man es sich einfach nicht mehr leisten lange im Job zu fehlen. Länger als zwei Jahre raus und es wird unheimlich schwierig wieder Anschluss zu finden. Ganz zu schweigen davon, dass einem die Beiträge für – die ohnehin schon mickrig ausfallende – Rentenkasse fehlen. 

Und drittens: wenn wir ehrlich sind, sind viele Arbeitgeber doch gar nicht bereit, flexibler und familienorientierter zu denken. Home Office wird in den meisten Firmen und von den – zumeist männlichen Chefs – nur sehr ungern gewährt. Fehlzeiten bei uns Mamas sind höher als bei Nicht-Eltern, müssen wir doch nicht nur zu Hause bleiben, wenn wir selbst krank sind, sondern auch, wenn unsere Kinder flach liegen. Und auch von den Nicht-Eltern-Kollegen wird man oft kritisch beäugt – die Tatsache dass man pünktlich Feierabend machen muss, weil die Kita schließt, stößt oft nicht auf besonders viel Gegenliebe.   

Wieviel einfacher wäre es, wenn man nicht ständig ein schlechtes Gewissen haben müsste, weil man sich schon wieder fehlend melden muss, weil ein Kind das andere angesteckt hat und die Krankzeit einfach kein Ende nimmt.

Es ist so: ich habe in meinem Leben vor dem Kind immer sehr gern und auch viel gearbeitet. Und auch jetzt ist es schon schön, dass man eine Aufgabe hat, die einen – abseits von Haushalt und Kind – intellektuell fordert. Dass es Kollegen gibt, mit denen man sich auch über andere Dinge als Windelinhalte, Stillprobleme oder Meilensteine meines Kindes unterhalten kann.

Aber wiegt das wirklich den stressigen Alltag auf, in dem man sich ständig am liebsten sechsteilen würde?

Natürlich möchte auch ich nicht nur als Hausfrau und Mama wahrgenommen werden. Ich möchte auch als Arbeitnehmerin ernst genommen werden, zeigen, dass ich mehr bin als nur die, die den Haushalt schmeißt und die Kinder betreut. Ich will ja auch nicht auf Dauer zu Hause hocken. Ich glaube lediglich, dass es vieles einfacher machen würde in den ersten Jahren.

Natürlich muss jede Familie für sich selbst entscheiden können, wie sie lebt und wie und in welcher Form man arbeiten gehen möchte. Aber ich will zumindest den Wunsch äußern, dass es auch diese – meine eben angesprochene – Option geben sollte.

Solch ein Modell ist – ich gebe es zu – als Alleinerziehende/r natürlich nicht konkret umsetzbar. Aber auch für Alleinerziehende müsste sich sicher noch viel bewegen. Vielleicht wäre es interessant zu hören, was ein alleinerziehender Elternteil für Vorschläge hat – da kämen sicher tolle Ideen zu Tage. 

Komplett zu Hause zu bleiben und dafür finanziell vom Staat entschädigt zu werden, ist sicher keine Lösung. Dann würden einige Menschen vielleicht auf die Idee kommen nur ein Kind zu bekommen, um finanzielle Unterstützung vom Staat zu erhalten. Das ist eine gruselige Vorstellung.

Aber vielleicht sollte es – neben dem was sowieso selbstverständlich sein sollte und notwendig ist (gute Betreuung, ausreichend Betreuungsplätze, flexible Arbeitgeber und Arbeitszeiten, Home-Office, Job-Sharing etc.) – hier und da weitere Steuervorteile geben. Oder Zuschläge für Kita, Wohnung, Urlaube oder Freizeit- und Bildungsaktivitäten. 

Der Staat müsste einfach etwas tun, um die täglichen Herausforderungen - die ein Kind so mit sich bringt – für arbeitende Eltern zu erleichtern. Ich kann jetzt kein konkretes Konzept aus dem Ärmel schütteln, aber es muss etwas passieren, damit Eltern in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder weniger arbeiten können, ohne dass ihnen dadurch immense finanzielle und berufliche Nachteile entstehen. Damit Kinder kriegen sich lohnt und nicht belastet. Denn – auch wenn es abgedroschen klingt - Kinder sind doch unser aller Zukunft, oder?




Ebenfalls in dieser Reihe erschienen:
Und plötzlich war sie da: Die Vereinbarkeitsfrage 
Das Leben zu Dritt oder nur ein Drittel der Zeit (Gastbeitrag)
Arbeit, die sich aber lohnt! (Interview) 
Liebe unter Druck. Die Last der Vereinbarkeit?


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Kommentare:

  1. Liebe Anna,
    ich finde Deinen Beitrag sehr interessant und kann Deine Gedanken alle nachvollziehen. Jede Mama hat diese wohl schon einmal so gewälzt. Und jede Mama bzw. Familie muss ihre individuelle Entscheidung darüber treffen, mit welchem "Vereinbarkeitsmodell" alle Familienmitglieder am zufriedensten sind. Zur Not muss man dann eben nochmal etwas ändern, wenn es sich nicht bewährt. Das habe ich gerade bei einer befreundeten Familie erlebt: das 2. Kind kam in die Kita, die Mama startete ihre 30-Stunden-Stelle- und war nach 2 Wochen todunglücklich und an allen Fronten überlastet. Sie kündigte, nahm ihren Kleinen wieder aus der Kita raus und bleibt nun bis auf Weiteres mit ihm zuhause. Obwohl das für mich persönlich kein Modell wäre, kann ich die dahinterstehenden Beweggründe nachvollziehen. Sie kann sich nun "hauptberuflich" um die Kinder, den Haushalt und die Familienorganisation kümmern, ohne sich zerreißen zu müssen. Sie hat ihren Kopf zuhause, kann Krankheiten abfangen und dem Mann den Rücken frei halten. Ich verstehe das, würde es aber für mich niemals wollen. Man rutscht schon schnell in eine Rolle hinein, die man eigentlich vermeiden wollte. Deshalb denke ich, man sollte Frauen schon ermutigen, berufstätig zu sein, aber eben mit einer gut zu vereinbarenden Stundenzahl (bei mir sind es 20 Stunden und ich finde das super), einer vollen Rentenpunktezahl und einem größeren Puffer bei Krankheiten (10 Tage x 2 Eltern sind zu wenig). Und eben auch mit einer besseren beruflichen Anerkennung der Teilzeitmamas, für die an ihrem Feierabend oft erst der eigentliche Job beginnt.
    Über unser privates Vereinbarkeitsmodell habe ich letztens erst gebloggt, wenn Du magst, kannst Du den Text ja mal lesen:
    http://fruehlingskindermama.blogspot.de/2015/04/vereinbarkeit-und-work-life-balance-in.html
    Liebe Grüße und danke für diesen Beitrag!

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  2. Hallo Anna,

    ein toller Beitrag :) Ich fände es auch großartig, wenn der Staat sich endlich um gerechte Familienmodelle kümmern würde. Es gibt in der Tat diejenigen Familien, die ein Kind nach dem anderen bekommen und vom Statt leben. Klar, so ne Familie kennt jeder. Aber der Staat macht es ja auch mit. Die Kinder haben selten Perspektive, weil sie nicht gefördert werden können - weil die Eltern es nicht können, oder sogar nicht wollen. Und dann bleibt ihnen auch nichts anderes, als Kinder zu bekommen - Alles schon erlebt. Zum Glück (noch?) nicht an der Tagesordnung. Was aber sehr wohl an der Tagesordnung steht, ist: Beruf oder Familie?
    Man kann keine Karriere machen, wenn man Mutter ist. Klar, man kann arbeiten gehen, 20 Std/Woche an der Supermarktkasse sitzen, das geht. Aber wirklich Karriere - ohne das Kind zu vernachlässigen - wie soll das gehen? Welcher Chef übergibt einer Mama (oder einem Papa) mit einer 20 Stunden Woche eine Führungsposition? Oder anders: Wer packt das? Gestern erst habe ich in einer Unterhaltung herausgelesen, dass Teilzeitmütter die selber Arbeit verrichten, wie Vollangestellte. Really? Wer soll das bitte länger als 6 Monate durchhalten? Auch der Körper ist mal am Ende und nach Hause kommen heißt ja nicht Feierabend. Davon abgesehen, dass das nicht Sinn der Sache sein kann, so viel wie ein Vollzeitler zu ackern und dann aber nur 70% des Lohns zu erhalten. Sehe ich gar nicht ein....
    Gerne wäre ich die ersten 3 Jahre zu Haus geblieben. Ich hätte in Ruhe meinen Blog groß werden lassen können und darüber ein paar Einnahmen generieren können. Hätte. Leider reicht aber ein Einkommen nicht aus, arbeiten ist Pflicht. Da ich frisch aus dem Studium komme, habe ich auch noch eine Sonderstellung und werde nicht ordentlich bezahlt. Unter Mindestlohn, mehr muss ich nicht sagen oder? Und das trotz 3 Jahre praktischer Erfahrung wohlgemerkt.... Hab ich da Lust drauf? Nein! Muss ich es machen? Ja. Oder ich setze mich an die Lidl Kasse, komme raus aus meinem Beruf und werde gar nicht mehr Fuß fassen können.. Es ist zum Mäuse melken... Ich möchte nicht nur Hausfrau und Mutter sein, aber so wie es gerade läuft, geh ich auch total kaputt... :( Und was macht der Staat? straft uns sogar ab, weil ich Elterngeld bekommen hatte und nun muss zurückgezahlt werden. Und, weil ich in den ersten Monaten im Home Office wenigstens ein klein bisschen Geld verdient hatte (unter 400 Euro) Danke auch.

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  3. Hallo Anna! Ich würde mir auch wünschen, dass es möglich wäre, weniger zu arbeiten, wenn ich bald aus der Elternzeit wieder zurück in den Job gehe. Mir graut es schon davor, bis morgens in den Berufsverkehr in Hamburg zu stürzen und mittags gehetzt den Rückweg anzutreten. Ich werde meine Kinder wenig sehen. Sportprogramm mit der Großen machen, das wird nichts, da die Angebote immer zwischen 15 und 16 Uhr starten. Vor 17 Uhr werde ich nicht zu Hause sein. Aber ich kann in meine Job und Anstellung nicht reduzieren. So ist die Absprachen. Tja, was soll man tun? Kündigen? Doofe Idee. Dann fehlt zu viel Geld in der Tasche. Selbstständigkeit versuchen? Dann ist der Druck ja noch höher. Also muss man sich mit der jetzigen Situation abfinden. Aber ich gebe dir recht, Anna. Es muss von seiten des Staates was getan werden.
    Liebe Grüße
    Isa

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