Samstag, 28. Mai 2016

Wann immer du Angst hast

Wer kennt sie nicht. Die Angst. Nicht nur Kinder werden von ihr heimgesucht, sondern auch wir Erwachsenen. Der wesentliche Unterschied zwischen uns großen Menschen und den kleinen Menschen ist, dass wir sie meist nicht zugeben. Wir leugnen sie, verbergen sie und gestehen sie nur ein, wenn es sich um Extremsituationen handelt, welche auch von anderen als äußerst bedrohlich eingestuft werden.

Viele Ängste mögen sich im Laufe der Lebenszeit ändern, doch was bleibt ist, dass wir etwas oder jemanden als Bedrohung wahrnehmen und uns der Situation am liebsten augenblicklich entziehen würden.

Angst gehört zu den grundlegenden Gefühlen eines jeden Menschen und als ein solches Grundgefühl behandele ich es auch bei meiner Tochter. Wenn sie Angst hat, dann begleite ich sie in ihrem Gefühl und ignoriere es nicht. Noch weniger würde ich auf die Idee kommen, mich über ihre Angst lustig zu machen.



Ich muss die Ängste meiner Tochter nicht immer verstehen können, um sie ernst nehmen zu können. Entscheidend ist doch, dass sie für meine Tochter real sind. Ich bin als ihre Mama dafür verantwortlich, ihr beizustehen. Das erwarte ich auch von anderen Menschen, denen ich mein Kind anvertraue. Die bedrohlich wirkende Situation hat nicht nüchtern analysiert und bewertet zu werden, um dann ein Urteil darüber zu treffen, ob meine Tochter Angst haben darf.

Angst widerfährt uns, wir suchen sie uns nicht aus

Angst ist doch keine Entscheidung, Angst ist ein Gefühl, das einem widerfährt. Angst gibt Kindern ein Gefühl der Hilflosigkeit, des Ausgesetztseins. In diesen Momenten müssen wir Erwachsenen besonders stark für sie sein.

Wir müssen die Felsen sein, die jede Monsterwelle überstehen.
Wir müssen die Riesen sein, die jeden Berg versetzen können.
Wir müssen die Superhelden sein, die jeden Superschurken besiegen können.
Wir müssen da sein. Gemeinsam mit unseren Kindern den Moment der Angst durchstehen.

Oft schleicht sich die Angst ganz unbemerkt an. Sie versucht unsere Kinder zu überrumpeln, sodass sie ganz leise mit ihr kämpfen und wir womöglich von diesem Kampf gar nichts mitbekommen. Deshalb versuche ich mein Kind genau zu beobachten. Mit welcher Körpersprache begegnet es einer Situation. Versucht sich meine Tochter hinter meinen Beinen zu verstecken? Erstarrt sie in ihren Bewegungen? Zittert sie? Versucht sie sich hinter ihren Händen zu verbergen? Zuckt sie bei jedem Geräusch und jeder neuen Bewegung zusammen? Ist jede Freude aus ihrem Gesicht gewichen?

Ich beobachte sie gerade dann aufmerksam, wenn sie in bestimmten Situationen schon einmal Angst zeigte. Ich will behutsam eingreifen können, sobald es nötig wird. Sobald die Angst wieder da ist.

Zeigt sich die Angst hingegen nicht, dann lasse ich mein Kind gewähren. Dann halte ich mich zurück, denn meine Ängste sind nicht ihre Ängste.
Wie oft sie mich schon überrascht hat, als sie furchtlos und voller Gewissheit ob ihrer eigenen Stärke eine Situation gemeistert hat.
Wie oft schon hat sie ihre Angst in einer Situation überwunden, weil ich mich unverzüglich an ihre Seite gestellt habe und ihr den Rücken stärkte. Dann zog ich ich mich zurück - aber nie zu weit, denn Angst kann wiederkehren. Kehrt sie nicht zurück, dann schenke ich ihr ein stolzes Lächeln, denn stolz darf mein Mädchen auf sich sein.

Mein Mädchen wird nicht trotz meiner Fürsorge stark, sondern auch wegen genau dieser. Ich muss sie nicht abhärten, sie mit dem Ernst des Lebens in seiner Erbarmungslosigkeit konfrontieren. Ich muss nichts von dem. Was ich muss, ist: meine Tochter lieben, ihr Vertrauen geben in sich selbst und für sie da sein - Tag und Nacht.

Ich kenne mein Kind besser als du es kennst

Manchmal sind die Anzeichen der Angst nicht überdeutlich. Doch ich kenne mein Kind. Da muss mir niemand von außen erzählen, was mein Kind gerade fühlt.

Und weil ich mein Kind kenne, werde ich auch dann zum gigantischen Felsen, zum kraftvollen Riesen oder zum Superhelden, wenn für andere gerade keine "große Sache am Laufen" ist. Wenn sie doch keine Angst haben dürfte.

Ich brauche keine ungefragten Ratschläge von außen, dass ich jetzt mit meinem Eingreifen übertreiben würde. Dass doch da gar nichts sei.

Doch da ist etwas. Mein Kind hat es mir gespiegelt. Für mein Kind ist irgendetwas gerade nicht in Ordnung. Das ist, was für mich zählt. Nicht ob irgendwer anders gerade findet, ob man jetzt Angst haben sollte oder dürfte.

Meine Tochter wird nicht stark, weil ich sie in ihrer Angst allein lasse, sondern weil ich ihr zeige, dass man Angst gemeinsam durchstehen kann. Sie ist schon jetzt so unglaublich stark. Das mache ich nicht kaputt, nur weil andere glauben, dass Härte und Ignoranz statt Mitgefühl und Liebe angebracht wären.

Ich bin da.

Kommentare:

  1. Das hast du unheimlich treffend geschrieben! Glückwunsch zu diesem Text!

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  2. Das ist schön geschrieben, aber an einem Punkt kann ich nicht zustimmen. Jede Mutter glaubt ihr Kind zu kennen, aber letzten Endes ist es die Summe unserer Erfahrungen, die wir übertragen und die uns zu einem Schluss bringt - und damit richten wir oftmals mehr Schaden an als zu helfen.
    Die Angst annehmen und hindurch zu gehen und auch dem Kind dieses beizubringen, ist wichtig und richtig. Zu glauben, man wisse in jeder Situation, wie es dem Kind tatsächlich geht, ist ein Trugschluss. Genau hierin liegt aber der Schlüssel,da ich unvoreingenommen bin, übertrage ich nicht.
    Zudem sollte der Fokus auf dem positiven Aspekt stehen - das Selbstvertrauen stärken. Auf diese Art können Ängste auch gehen. Ich habe genau diese Problematik im Freundeskreis und sehe die schwerwiegenden, fatalen Folgen genau dieses von dir beschriebenen Verhaltens. Durch die Ängste der Mutter wird das Kind ängstlich und unselbstständig gehalten. Da der Mutter das Vertrauen in ihre eigene Kraft fehlt, hat das Kind folglich ebenso keine. Das Kind ist weit davon entfernt, stark zu sein.
    Alle Beteiligten leben damit ganz gut, daher verurteile ich das nicht. Dennoch könnte es allen sicher besser gehen.
    Aus diesem Grund kann ich diesen deinen Ansatz nichz ganz mitgehen.
    Loslassen mit Liebe und Mitgefühl - ja, das trifft es besser. Härte oder gar Abhärtung ist sicherlich nicht angebracht. Doch zu glauben, wir wüssten, was für einen anderen Menschen das Richtige sei, ist einfach falsch.

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