Gestern beim Kinderarzt – Ninas Kaffeesätze (12)

//Gestern beim Kinderarzt – Ninas Kaffeesätze (12)

Gestern beim Kinderarzt – Ninas Kaffeesätze (12)

Ich sitze gerade bei Freunden auf dem Sofa. Meine Püppi spielt neben mir gemeinsam mit ihrem Vater LÜK und ich genieße den kleinen, noch stressfreien morgendlichen Trubel. Meine Maus hat eine Erkältung, aber die ist nicht weiter schlimm. Kein Fieber, kein Erbrechen. Ja sie ist nicht einmal sonderlich matt. Würde es ihr jedoch schlecht gehen, dann wäre ich ganz bei ihr. So wie Nina es bei ihren Kindern ist, wenn diese krank sind… Doch selbst in solchen Momenten denken viele Mitmenschen nicht an das Wohl des Kindes, an die besondere Situation, in der sich ja auch Eltern befinden, sondern stellen ihre Sensationslust in den Vordergrund. Nina ist eine Transfrau und als solche darf sie nicht einmal in einem Wartezimmer einfach nur Mutter sein.

 

Gestern beim Kinderarzt

Der Kaffee dampft, der Tag hat gerade erst begonnen. Ich wecke Lebensgeister behutsam. Mir gegenüber sitzt mein Kleinster, isst Cornflakes und hustet ein wenig. Er wirkt erschöpft. Der mittlere hat kaum gefrühstückt und geht langsam durch den Flur. Er ist generell eher ein Morgenmuffel, aber heute ist er noch langsamer. Ich rufe ihn zu mir und ein kurzer Blick in seinen Hals zeigt, der kleine Kerl hat heute schulfrei. Das Fieberthermometer bestätigt den Verdacht, es geht also heute zum Kinderarzt.


Besuche beim Kinderarzt erfordern strategische Planung. Besonders in der Erkältungszeit ist es wichtig, das genau zu bedenken. Es ist kurz vor sieben, der Kinderarzt macht um acht Uhr auf. Ich trinke ruhig einen Schluck Kaffee. „Ich rufe mal in der Schule an, sage ich zu meiner Frau und greife zum Telefon. Mit der Zeit bekomme Ich noch richtige Routine in solchen Abläufen. Um acht Uhr wird beim Kinderarzt eine lange Schlange von aufgeregten Eltern kranker Kinder stehen. Mein Kind nimmt die Nachricht, dass er schulfrei hat, sehr positiv auf und geht Lego spielen.

Kurz nach neun gehen wir los. Er mag den Kinderarzt und freut sich sogar auf das Wartezimmer. Die Schlange an der Anmeldung ist kurz und wir sind nach wenigen Minuten im Wartebereich. An der Wand befindet eine Tafel mit Magnetbuchstaben, die meine Kinder immer magisch anzieht. Meine Gedanken sind bei meinem Kind. Ja, ich weiß, er hat nur eine Erkältung, aber trotzdem: Mein Kind ist nicht gesund, ich bin ganz bei ihm.

In meinen Augen bin ich eine ganz normale Frau. Nur eben bin ich keine Mutter, ich bin ein Vater. Das zeigen mir die Blicke der anderen Eltern teilweise deutlich. Während einige Eltern offenbar auch ganz mit ihren Kindern beschäftigt sind, beobachten mich andere eindringlich. Ich erwidere die Blicke mit einem Lächeln. Nach all den Jahren habe ich mich daran gewöhnt, dass ich neugierige Blicke auf mich ziehe. Die Arzthelferin ruft mich und ich gehe kurz hinaus. Als ich zurückkomme, verstummt ein Gespräch abrupt. Mein Sohn kommt zu mir und setzt sich auf meinen Schoß, seine Temperatur ist wieder etwas gestiegen. Es herrscht Schweigen.

Ich habe eine gewisse Abneigung zu Wartezimmern entwickelt. Menschen mit Ängsten und aktuellen Sorgen sitzen auf engstem Raum und suchen Ablenkung von ihren Gedanken und der Langeweile des Wartens. Da bin ich offenbar eine willkommene Abwechslung. Menschen, die wie ich, aus der Menge hervorstechen, sind 1a Gesprächsstoff. Es ist egal, ob wir trans sind oder dick, besonders klein oder groß sind, eine gebogene Nase oder einfach bunte Haare haben: Wir unterscheiden uns von der Masse und darüber kann man sich vortrefflich unterhalten.


Versteht mich nicht falsch, ich verstehe Neugierde und auch, dass es für viele Menschen wirklich etwas besonderes ist, einmal neben einer echten Transfrau zu sitzen. Ich verstehe durchaus, dass man sich über mich unterhält, aber neben meinem Kind über mich zu lästern ist wirklich nicht schön. Meine Kinder erleben mich als Nina, die alle kaputten Dinge reparieren kann, als ihren Papa, die leckere Sachen kocht, für meine Kinder bin ich einfach ich. Wenn sich jemand in der Anwesenheit meiner Kinder über mich lustig macht, nur weil ich nicht in das klassische Familienbild passe, dann trifft das nicht mich, es trifft mein Kind. Wenn ihr mich mal trefft, dann redet bitte direkt mit mir. Ich hasse es, wenn ich meinem Kind Intoleranz erklären muss.

By | 2017-10-06T23:17:17+00:00 November 13th, 2016|Zum Miterleben und Mitfühlen|0 Comments

About the Author:

Mutter von Zweien, Berlinerin, Soziologin, Bloggerin. Jessi ist die Gründerin des Blogs Terrorpüppi. Sie bevorzugt eine undogmatische Sicht auf Familie und Gesellschaft, fordert aber von sich und anderen klare Haltungen ein. Jessi liebt Schokopudding und Berlin, ist Working Mom, Serienjunkie und liebt und lebt gleichberechtigte Partnerschaft und Elternschaft. Mit ihrer soziologischen Perspektive setzt sie sich gerne kritisch-reflektiert mit familiären und gesellschaftlichen Fragen auseinander, zugleich hat sie eine unbeirrbar optimistische Lebenseinstellung.

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