Angst vor der Wut? Ein Kind in allen Gefühlen sehen!

//Angst vor der Wut? Ein Kind in allen Gefühlen sehen!

Angst vor der Wut? Ein Kind in allen Gefühlen sehen!

Dieser Text entsteht als Reaktion auf Reaktionen zu diesem wie ich finde anregenden Artikel von Jeannie von Mini and Me. Sie schreibt auf nachdenklich machende Art über die Reaktion auf kindliche Aggression und wirft die Frage auf, ob man sich nicht doch auch von einem kleinen Kind hauen lassen könnte, um zu signalisieren, dass auch die Wut ausgehalten wird. Das führte dazu, dass sich einige Eltern empört über den Untergang der zur Selbstkontrolle erzogenen Kinder zeigten und mutmaßten, dass so „erzogene“ Kinder gewälttätig und zu Narzissten würden.

Susanne Mierau von geborgen wachsen hat ebenfalls sehr wunderbar darauf Bezug genommen und dargestellt, dass es nicht darum geht, ob wir Grenzen setzen, sondern WIE wir das tun. Sie spricht mir damit aus der Seele und geht wunderbar auf die Notwendigkeit von ausgesprochenen und verteidigten Grenzen ein, wenn man möglichst allen genügend Raum geben will.

Mit meinem Text  möchte ich einen Schritt weiter gehen. Ich möchte die Angst vor hoffnungslos unkontrolliert um sich schlagenden Kindern betrachten.

Zusammengefasst bin ich der Meinung, dass ein wie auch immer geartetes Ignorieren von Wut auch nicht sinnvoller ist als ein Ausschimpfen. Wenn ich einem Kind das Gefühl geben will, dass ich es ganz annehme, wie es ist, dann kann ich auch seine Wutgefühle nicht ignorieren, sondern MUSS auf diese reagieren, muss sie irgendwie begleiten und zeigen, dass ich sehe, was da gerade passiert. Je nach eigenem Standpunkt lassen sich die einen Eltern dann eben hauen, geben ein Wutkissen oder setzen eine andere Art der Grenze und zeigen, dass sie wahrnehmen. Warum ich das für wichtig halte, dass die kindliche Aggression gesehen und darauf reagiert wird, erfahrt ihr im Text.

Aggressionen können Angst machen… und krank

Aggressionen  mit den dazugehörigen Gefühlen von Wut, Ärger, Zorn und Groll machen vielen Menschen Angst, insbesondere wenn diese Gefühle in nahen Beziehungen auftreten und das tun sie einfach manchmal. Wir können nicht immer alles so haben und bekommen, wie wir das wollen. Eltern wissen das, wenn es um ihre Kinder geht, aber ehrlicherweise verlangen viele von ihren Kindern manchmal mehr als von sich selbst. Wenn solche aggressiven Gefühle nicht da sein sollten, dann sind sie nicht etwa nicht da, sondern sie werden nicht mehr gespürt. Es ist nämlich vollkommen normal auf Frustration irgendwie geartete aggressive Gefühle zu fühlen (und wenn wir reif genug sind, sprechen wir dann „einfach“ drüber).

Nicht gespürte Gefühle werden entweder ausagiert (huch, warum habe ich denn drei Unfälle in vier Monaten verurascht?) oder aber auf innerpsychische Art und Weise abgewehrt mit Hilfe der so genannten Abwehrmechnismen (ich weiß gar nicht, warum mir in letzter Zeit immer alles so egal ist und ich keine Freude mehr empfinde- das wäre die autoaggressive Abwehr, die vielen depressiven Störungen zu Grunde liegt oder aber „oh, mein Blutdruck steigt schon wieder, ich brauche wohl Betablocker“).

Die Rolle der unterdrückten Aggressionen ist deshalb bei den meisten psychischen Störungen eine ziemlich ausschlaggebende. Für jeden ist die Erfahrung ganz individuell und jeder erlebt eine Situation anders. Aber es gibt natürlich Ähnlichkeiten bei bestimmten Störungen. Bei den Depressionen oder bei der Somatisierung werden Aggressionen nach innen gegen sich selbst gerichtet, obwohl eigentlich oftmals jemand Anderes gemeint ist. Das ist aber eben nicht zwingend eine konkrete äußere Person, sondern viel eher eine „innere Objektrepräsentanz“, also das Bild der anderen Person im eigenen Inneren. Unsere persönliche Innenwelt entsteht neben den eigenen und individuellen Fantasien durch die vielen Beziehungserfahrungen, die wir machen, vornehmlich natürlich mit unseren Eltern. Wir verinnerlichen so, wie wir uns von Mutter/ Vater behandelt gefühlt haben (Objektrepräsentanz), wie wir in diesen Sitautionen waren (Selbstrepräsentanz) und diese beiden Teile sind durch ein Gefühl verbunden.

Als Beispiel könnte jemand verinnerlicht haben, dass seine Wut dazu führt, nicht geliebt zu werden: Immer wenn Mama gemerkt hat, dass ich ärgerlich war, hat sie mich in mein Zimmer geschickt. Ich war so hilflos, weil ich nicht wusste, wohin mit meiner Wut, ich hatte Angst, dass meine Mama mich nicht mehr lieb hat, wenn ich so böse bin.

Als Eltern legen wir den Grundstein dafür, was unsere Kinder von der Welt erwarten. Die durch Erfahrung geschaffene Innenwelt wird zur Blaupause dessen, was sie sich von der Welt und anderen Menschen erhoffen oder auch befürchten.

Da sowohl die innere als auch die äußere Beziehung geschützt werden muss, werden Gefühle zurückgehalten. Wenn die Überzeugung besteht, so „böse“ Gefühle nicht haben zu dürfen, fristen sie ungesehen im Inneren ihr schädliches Dasein. So kann man nicht für sich Verantwortung übernehmen.

Frustration macht erstmal wütend und das ist ok, das darf sein. Wir müssen das spüren dürfen. Denn nur, wenn wir das fühlen, können wir uns mit der Quelle auseinandersetzen und für uns sorgen. Dazu ist es notwendig, dass wir uns abgrenzen können und unsere Gefühle bei uns lassen und die des Gegenübers beim Gegenüber. Das sind nicht unsere, sondern meine oder deine Gefühle, über die wir ins Gespräch kommen. Je nach Empathiefähigkeit können wir sie nachfühlen oder eben nicht. Auch wenn wir ein ähnliches Gefühl empfinden, so ist das doch aus unterschiedlichen Gründen und Beziehungserfahrungen heraus.

Was passiert denn aber, wenn einem Kind signalisiert wird: sei kein böses Kind, ich will dich so nicht? Geh weg und komm wieder, wenn du brav bist.

Es gibt ein ergreifendes Gedicht von Erich Fried, Dich. Eine Passage lautet:

Wer nur die Hälfte liebt
der liebt nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln

Dieser unterdrückte Ärger muss irgendwohin. Man kann ihn nicht einfach in die Welt rausschleudern. Wir sehen täglich in den Nachrichten, wohin das führt. All die wirklich malginen Narzissten, die vierlerorts regieren, zerstören und zerstören immerfort. Dass man die Wut nicht einfach ungefiltert rausschleudert ist etwas, was man durch die Beziehungserfahrung lernt.

Irgendwie müssen wir einen Weg finden- das muss nicht verbal sein- folgende Botschaften an unser wütendes Kind zu vermitteln :

„Warte, Stopp! Du kannst hier niemanden verletzten, das lasse ich nicht zu“ (hier gehen die Meinungen wahrscheinlich auseinander)
und
„oh herrjemine, du bist aber gerade so so wütend“  
und

„ich bin und bleibe da, du darfst dich mir mit deiner Mordswut zeigen“.

Es ist wichtig zu zeigen und zu fühlen, dass ALLE Gefühle erstmal vollkommen ok und aus der Perspektive nachvollziehbar sind. Es mag schwer sein, sie zu beherrschen, aber wir sind gerade dann dafür da. Das Kind wird diese Haltung für sich immer mehr übernehmen.

 

Wenn ein Kind schlägt

Das kommt vor. So einfach ist das. Kleine Kinder schlagen aus unterschiedlichen Gründen. Meistens aus Wut und emotionaler Überforderung mit ihr, aber auch verschiedene andere Gründe kommen in Frage. Es ist unsere Aufgabe als Eltern, das angemessen zu begleiten. Wir dürfen und müssen sogar Grenzen setzen, wenn uns ein Verhalten stört oder emotional oder körperlich verletzt. Da muss jeder für sich selber entscheiden, wo diese Grenze liegen soll. Wir müssen aber jeweils die eigenen Grenzen spüren und sie unserem kindlichen Gegenüber altersentsprechend mitteilen.

„Bitte lass das, ich möchte das nicht!“

Ein Kind versteht das vielleicht nicht. Das muss uns als Eltern nicht ärgern und wir müssen auch nicht gleich mit dem Kopf auf die Tischplatte hauen. Natürlich könnte man mit besonders scharf- schneidender und lauter Stimme deutlich machen, dass das jetzt absolut unangemessen ist oder das Kind rausschicken.

Mein Kind braucht mich aber als Mutter, die die Kraft hat und es ausHÄLT, gerade jetzt.

An dieser Stelle wird es zig Ratschläge geben und jeder wird sicherlich den für sich passenden finden. Ich persönlich mag die verhaltensbasierten Lernmethoden im Sinne von Strafe und Belohnung nicht besonders. Man ist sich heute einig, dass es aus ethischen und moralischen Gründen nur noch Belohnung, aber keine Strafen mehr geben sollte. Statt mit der direkten Strafe wird- ebenfalls in dem verhaltensorientierten Ansatz- Löschung angewandt. Das heißt, dass alle das Verhalten verstärkenden Faktoren (wie auch Aufmerksamkeit einer ist) bei unerwünschtem Verhalten zurückgenommen werden. Im Bezug auf die Kindererziehung bedeutet das, gar nicht oder minimal auf ein Kind zu reagieren, wenn es schlägt. Das alles hilft auf der Verhaltensebene mit Sicherheit, dass ein Kind ein unerwünschtes Verhalten bald nicht mehr zeigt.

Ich persönlich mag das nicht als (alleinige) Lösung, weil ich es bei vielen so empfinde, dass, wenn das störende Verhalten/ das Symptom erstmal weg ist, man darüber nicht mehr nachdenken muss und genau deswegen mag ich den Text von Mini und Me. Sie sagt: guckt hin, fragt euch, was da passiert, was in dem Kind vor sich geht.  Geht in Beziehung und seid in Kontakt. Ob das nicht schwer ist? Ja klar! Wir müssen in uns selber fest und kraftvoll, uns ausgeruht und unterstützt fühlen. Ich weiß, dass das ein hohes Ideal ist und es gibt Tage, da geht das einfach nicht. Aber das ist nicht schlimm.

Es geht nicht darum, immer perfekt zu begleiten, aber es geht darum, einen Blick für die eigene Fehlbarkeit zu haben. Darüber hinaus verstehe ich das Ignorieren als Versuch, das Hauen, Beißen, Kratzen auch zu unterbinden. Darf denn ein Kind nicht die Rückmeldung bekommen, dass es da gerade ziemlich aggressiv ist? Ist es nicht doch auch wichtig, dass ich als Mensch ein Gefühl dafür bekomme, wann ich aggressiv bin und andere verletze? Diese Einnahme der Perspektive eines Anderen (Empathie, theory of mind „jemand Anderes denkt und fühlt anders als ich“) entwickelt sich um den vierten Geburtstag, aber: es kommt nicht von alleine, dass ein Mensch dann empathisch wird, sondern dafür braucht es die Empathieerfahrung (mit sich von anderen und vorgelebt auch an anderen)

Natürlich verhindere ich auch, dass- insbesondere andere- von meinem Kind geschlagen werden. Ich unterbreche- meist proaktiv- die Handlung und werfe mich dazwischen, wenn der oder die andere nicht reagieren kann. Ich nehme mein Kind dann aus der Situation raus und versuche, mit meinen Worten und meinem Körper einen haltenden Rahmen für diese überfordernden Gefühle zur Verfügung zu stellen.
Von Anfang an sage ich vorallem eins: du bist gerade sehr wütend. Ich mutmaße, warum das so ist. In der direkten Beziehung versuche Worte für die Gefühle zu finden, die mein Kind noch nicht ausdrücken kann. In dem Moment muss ich nicht gut finden, was mein Kind da macht, aber ich muss zeigen: hey, ich bin da, egal wie blöde das gerade ist. Das macht eine Mama, das macht ein Papa, ein Therapeut. Das muss nicht die Nachbarin, nicht die Oma, nicht der Postbote oder sonstwer. Mama und der Papa müssen das. Das Kind darf unterschiedliche Erfahrungen machen, es soll es doch sogar.

Seid also geduldig mit euch und euren Kindern! Es geht nicht um das Ziel, sondern um den gemeinsamen Weg.

Hier findet ihr den Artikel zum Narzissmus!

Ich freue mich wirklich, wenn ihr uns hier oder auf Facebook eure Gedanken und Erfahrungen mitteilt und wir miteinander ins Gespräch kommen. 
Besucht uns gerne auch auf Terrorpüppi bei Facebook, wo wir dem geneigten Leser versuchen allerlei Neuigkeiten und interessante Links aus verschiedenen Bereichen zu Beziehungen zu und mit Kindern bereitzustellen.
Madame FREUDig

 

By | 2017-10-07T20:49:12+00:00 August 6th, 2017|Zum Nach- und Weiterdenken|0 Comments

About the Author:

Als Madame FREUDig schreibe ich seit Juni 2017 bei meiner langjährigen Freundin Jessi auf ihrem Blog Terrorpüppi als Co- Autorin. Ich bin Psychologin, Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin, aber auch selber Mutter und will daher gerne bestimmte entwicklungs- und beziehungsrelevante Themen mit einem fachlichen Hintergrund nahebringen. Die Eltern von heute sind die Kinder von früher und in jedem lebt dieses Kind von damals noch. Meine Texte sind daher doppeldeutig: einerseits sollen sie helfen, Kinder zu verstehen und ihnen empathisch begegnen zu können und andererseits richten sich die Texte auch an den Erwachsenen, der sich selbst und sein inneres Kind zu verstehen und liebevoll zu begleiten versucht. Für mehr Infos: http://www.terrorpueppi.de/madame-freudig

No Comments

  1. Anonym 24. August 2017 at 22:39 - Reply

    Liebe Madame Freudig,

    toller Text, danke dass du ihn geschrieben hast!

    Ich habe eine Frage dazu. Mein Kind (fast zwei Jahre alt) hatte noch nie einen "klassischen" Wutanfall mit brüllen, hauen etc. Stattdessen weint er in für ihn frustrierenden Situationen ganz doll. Ich finde es oft schwierig, damit umzugehen. Ich versuche das Spiegeln nach Karp, aber bei weinenden Kindern scheint es nicht so gut zu klappen wie bei wütenden Kindern? Jedenfalls weint mein Kind weiter, ganz verzweifelt, sodass es uns das Herz bricht. Wir geben dann meist vor Mitleid entweder doch nach (dann gibt es halt den fünften Nachschlag Zahnpasta) oder warten mit Kind auf dem Schoß, bis er vor Erschöpfung nicht mehr laut weinen kann und nur nich leise schluchzt und hickst. Das dauert sehr lange und ist sehr schwer auszuhalten.

    Findest du es besorgniserregend, das ein Kind weint, statt zu wüten? Er wird bedürfnisorierntiert "erzogen" und geht noch nicht in die Kita.

    Heute hatte er so einen verzweifelten Wein-Anfall, weil er (mal wieder) mit dem Autoschlüssel spielen wollte, mit dem mein Mann das Auto aufgeschlossen hat, weil wir los mussten. Er wollte ihn auch nach 10 Minuten spielen nicht hergeglben und hat dann die ganze Fahrt laut und verzweifelt geweint. Ich saß neben ihm und konnte ihn nicht trösten :'-( Auch nicht mit Spiegeln. Finde es schrecklich, ihn so verzweifeln zu sehen. Was hättest du in dieser Situation gemacht?

    Danke dir vielmals und schicke ganz liebe Grüße 🙂

    Anna

  2. Madame FREUDig 25. August 2017 at 20:15 - Reply

    Liebe Anna, danke für deinen Kommentar!
    Es ist quasi kaum möglich, auf deine Frage wirklich angemessen zu antworten, weil ich deinen Kleinen und eure Geschichte gar nicht kenne. Ich schreibe aber einfach mal meine Gedanken auf, vielleicht fühlst du dabei irgendwas Zutreffendes.
    Zunächst habe ich keine Ahnung, was spiegeln nach Karp ist.
    Spiegeln aus meinem beruflichen Tun ist für mich das Wiedergeben des Gesagten oder des Wahrgenommenen. Das ist notwendig, weil wir damit unseren Kindern helfen, zu mentalisieren. Das heißt, Symbole/ Sprache für innere Vorgänge zu finden. Dieser Prozess dauert sehr lange und ist mit zwei Jahren noch lange nicht um. Dazu ist das Markieren (deutlich machen, dass der Affekt nicht deiner ist, sondern überspitzt den des Kindes "markieren" z.b. durch Stimmlage anpassen und eben einen Ticken drüber, damit er merkt "ach ja, das ist es und mir geht es gerade so, das ist nicht Mama, die wütend ist") und spiegeln ("so so wütend bist du jetzt", aber eben auch mit einer angepassten Stimme) die Voraussetzung. Darauf reagieren Kinder oft mit verstärktem Weinen, weil es jetzt das Signal gab: alles klar, zeig mir voll, was dich beschäftigt.
    Das ist gut!!! Soll er weinen, ist ja auch saudoof. Es wird mit der Zeit wahrscheinlich weniger werden bzw. nicht so lange andauern.
    Weinen ist ja nicht nur aus der Trauer heraus da, sondern alle Gefühle können von Tränen begleitet sein. Meine Tochter ist manchmal ein sehr wütendes Mädchen und weint dann auch jämmerlich. Sie wirft sich mir dann inzwischen fast immer in die Arme und ich sage ihr, dass sie mich mal ganz fest drücken soll. Das hat den Effekt, dass ich sie natürlich auch fest umarmen kann und diese körperliche Festigkeit wirkt sich auf das vegetative Nervensystem aus: man beruhigt sich dadurch! Umarmen beruhigt, auch wenn es erstmal auf Gegenwehr treffen könnte.
    Ich finde Wut zunächst ein ziemlich gutes und wichtiges Gefühl und das vermittle ich auch: keine Angst vor der Wut. Hier kommt keiner um, du darfst mich jetzt hassen. Diese Haltung vermittle ich überall. Wut muss spürbar sein dürfen. Auch als Eltern! Sie darf nicht ausagiert werden, aber man sollte schon sagen, dass einen irgendwas wütend macht. Also quasi eine gute Wutkultur zu Hause. Das ist natürlich schwer, wenn man z.B. selber Angst vor der Wut hat und viel lieber in dauernder Harmonie leben möchte.

  3. Madame FREUDig 25. August 2017 at 20:16 - Reply

    Darüber hinaus geht es auch darum, zu zeigen, was nach der Wut kommt. Die Wut braucht Raum, aber manchmal kann man sich daraus dann eben auch nicht entfernen. Ich überlege nach einer gewissen Zeit, wenn wirklich keine Beruhigung eintritt, worauf ich die Aufmerksamkeit lenken könnte. Nicht zu früh, aber wenn ich merke, dass jemand aus der Wut gerade nicht rauskommt, dann, je nach Rahmen, biete ich irgendwas an: ich spiele z.B. eine kleine Szene mit einer Puppe, die auch wütend ist und dann gibt es zb. irgendein Tier, was in dem Moment Quatsch macht, aber die Puppe bleibt wütend. Ich spreche die ganzen Figuren und teile mit, was die so denken und fühlen. Das lenkt etwas ab, lenkt in etwas "Konstruktives", aber bleibt am Thema.

    In den konkreten Situationen wäre es bei mir wohl auf die Tagesverfassung angekommen: wie viel kann ich heute noch (uns allen) zumuten? Was lief vorher? Ich würde wahrscheinlich den Schlüssel etwas früher wegnehmen, um mir und meinem Kind Zeit zu lassen und erst dann einsteigen, wenn es "gut" ist. Ich würde wie oben versuchen zu begleiten und erzählen, wofür wir den Schlüssel brauchen. Wenn ich an dem Tag kaputt wäre, dann würde ich einfach einen anderen Schlüssel in die Hand geben und irgendwas zum Reinstecken mitnehmen (ich habe in einen dicken Klotz Löcher gebohrt und da werden Schrauben und Dübel reingesteckt).
    Ich weiß nicht, ob du das nur als Beispiele nennst und solche Situationen viel vorkommen, ganz egal, wo ihr euren Sohn begrenzt. Begrenzungen sind erstmal doof, aber das heißt nicht, dass man sie nicht auch setzen muss. Damit umzugehen zu lernen durch liebevolle Begleitung ist aber auch wichtig (Frustrationstoleranz ist eine strukturelle Fähigkeit, die man erwerben muss).

    Ich hoffe, dass dir meine Gedanken ein wenig ewas Erhellendes gebracht haben.

    Viele Grüße, Madame FREUDig

  4. Anonym 27. August 2017 at 13:01 - Reply

    Liebe Madame FREUDig,

    vielen Dank für deine ausführliche Antwort! Sie hat mir schon geholfen. Vor allem dein Satz, dass sich Wut auch in Weinen äußern kann. Das habe ich nicht gewusst! Für mich hat Weinen immer Traurigsein bedeutet. Aber die Grenzen zwischen den Gefühlen sind wohl fließend…

    Mir ist es sehr wichtig, dass mein Kind und auch wir Erwachsenen Gefühle zeigen (dürfen) und benennen. Ich hab dazu viel gelesen, z.B. Jesper Juul oder den von mir geliebten Gewünschtestes-Wunschkind-Blog . Mein Mann und ich sind auch große Fans der Pädagogik von Emmi Pikler. Trotzdem entstehen natürlich immer wieder schwierige Situationen, in denen ich ratlos bin.

    Mir wäre es fast lieber, mein Kind würde in frustrierenden Situationen im klassischen Sinne wütend werden (kreischen, sich hinwerfen, hauen). Ich glaube, damit könnte ich besser umgehen. Denn da ist irgendwie klar, dass das Kind zwar unangenehme Gefühle durchlebt, aber Wut ist auch ein Gefühl, das ich leichter von mir weisen kann. Ich denke, es würde mir leichter fallen, standhaft zu bleiben (natürlich trotzdem liebevoll zu begleiten). Mit dem Weinen in Frust-Situationen kann ich viel schwerer umgehen.

    Dabei ist es nicht so, dass ich mit dem kindlichen Weinen generell ein Problem habe. Wenn mein Kind sich wehtut oder z.B. weint, weil es ein Spielzeug nicht haben durfte, tröste ich sehr gerne und ausführlich. Wir wiederholen mehrmals, was passiert ist ("du bist da vom Brett gefallen. Bumms, ja, genau. Da. Und dann hat dir dein Knie wehgetan" oder "du wolltest so gerne mit dem Laster spielen. Aber das Kind wollte ihn dir nicht geben. Jetzt bist du ganz traurig"). Ich habe auch kein Problem damit, dem Kleinen meine eigenen Gefühle zu zeigen, etwa laut "Aua! Das tut weh, das mag ich nicht!!" zu rufen, wenn er mir an den Haaren zieht o.ä. …

  5. Anonym 27. August 2017 at 13:02 - Reply

    … Was mich aber total stresst und ich irgendwie nicht aushalten kann, ist dieses Weinen in für ihn frustrierenden Situationen. Das Spiegeln, was beim Weinen nach Wehtun so gut funktioniert, klappt da überhaupt nicht. Ich versuche es in etwa so, wie du es auch machst, also seine Gefühle in leicht aufgeregtem Ton un der entsprechenden Mimik beschreiben ("du willst den Schlüssel haben. Schlüssel! Du willst ihn jetzt! Du bist wütend!"). Aber er lässt das irgendwie nicht zu, verweigert Augenkontakt, dreht sich weg und weint laut weiter. Was mich daran so stresst, ist die offensichtliche Verzweiflung. Und das ich irgendwie nichts dagegegen tun kann.

    Momentan ist es so, dass er mich oft an der Hand nimmt und z.B. zum Sofa führen will, um gemeinsam ein Buch anzuschauen ("Mama, Hand!"). Manchmal passt das aber gerade überhaupt nicht, z.B. wenn wir gerade essen. Aber wenn ich dann versuche, das zu erklären ("Du willst meine Hand. Du willst, das ich mitkomme. Aber ich wil erst zuende essen") bringt das echt null. Er steigert sich total rein ("Mamaaaaa! Haaaaand!!!!), wird immer verzweifelter, zerrt an mir und weint ganz ganz laut und herzzerreißend ("Haaand!!! Haaand!!! Mamaaaaaaa!!! *schluchz*) Dann denke ich mir immer, einerseits wäre es total doof, jetzt mitzugehen. Denn er muss ja auch lernen, dass es mein Bedürfnis ist, zuende zu essen. Auf der anderen Seite tut er mir sooo Leid und es bricht mir das Herz. Er hat in diesem Moment ja anscheinend ein großes Bedürfnis nach meiner Nähe und Kuscheln auf dem Sofa.

    Das mit dem Ablenken versuchen wir auch oft nach einer Weile, sogar so wie du schreibst, indem seinen Spielfiguren etwas doofes oder lustiges passiert. Der Kleine lässt sich auch kurz ablenken und lacht sogar. Aber er hat leider ein Gedächtnis wie ein kleiner Elefant. Kurz nach dem Lachen fällt ihm wieder ein, was er eigentlich wollte, und dann geht es wieder los ("Schlüssel!! Haaaaaaaben!!!).

    Nach solchen Situationen bin ich immer ganz durchgeschwitzt und zittrig und fertig. Und der Kleine ist oft so außer sich und total nass verweint, dass er erstmal ein Fläschchen auf dem Schoß und langes Kuscheln braucht. Ich würde ihm so gerne helfen, besser aus diesen Situationen zu kommen. Und ich würde mir selbst den Anblick dieser puren Verzweiflung (an der ich durch meine Verweigerung dessen, was er will, ja irgendwie "schuld" bin) gern ersparen.

  6. Madame FREUDig 27. August 2017 at 19:16 - Reply

    Du brauchst das deinem Kind nicht ersparen. Frustration gehört zum Leben dazu, weil wir alle unterschiedliche Bedürfnisse haben. Wir alle werden zwangsweise immer wieder frustriert werden (morgen kommt ein Artikel zum Narzissmus, wo ich darauf etwas mehr eingehe).

    Vielleicht hast du irgendwo, irgendwann mal die Möglichkeit dieser Sache mit dem Weinen bei Wut für dich nachzugehen, also woher da diese Beklemmung kommt. Wenn jemand so brüllt, Maaaaaamaaaaaa, Haaaaaaand, dann ist das ja auch nicht traurig, sondern liest sich jetzt eher ziemlich aufgebracht. Trauer ist meistens eher leise, obwohl sich das natürlich nicht pauschal so sagen lässt. Jedenfalls haben wir alle unsere Erfahrungen mit Gefühlen Anderer und der Reaktion darauf, genauso wie wir in uns tragen, wie auf uns ehedem bei bestimmten Gefühlsausdrücken reagiert wurde. Manchmal erschwert das einem einen "freien" Umgang mit den Gefühlen.

    Eigene Bedürfnisse dürfen klar artikuliert werden! Das ist keine Einbahnstraße für das Kind! Und das darf frustrieren… Das dann auszuhalten, kann manchmal wirklich schwer sein.

    Ich wünsche dir dafür alles Gute!
    Madame FREUDig

  7. Anonym 28. August 2017 at 14:03 - Reply

    Danke auch für diese Antwort!:-) Du hast recht, es gibt immer Bereiche und Situationen, die einem persönlich besonders schwierig erscheinen und da spielt sicher auch rein, wie unsere eigenen Eltern damals auf uns reagiert haben. Interessant dass du da eher Aufgebrachtheit als Trauer raushörst. Dann ist das vielleicht meine persönliche Interpretation…

    Ich freue mich auf deinen Narzissmus-Artikel und bleibe treue Leserin 🙂

    Liebe Grüße von Anna

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