Wenn ein Kind beißt… und das eigene innere Kind reagiert

//Wenn ein Kind beißt… und das eigene innere Kind reagiert

Wenn ein Kind beißt… und das eigene innere Kind reagiert

Eigentlich bin ich sehr zurückhaltend mit persönlichen Mitteilungen, aber dieses Mal möchte ich auf meine „Abstinenz“ etwas verzichten. Wenn ein Kind beißt, dann löst das vieles aus. Bei mir traf der Biss auf mein eigenes inneres Kind und machte mich erstmal handlungsunfähig.

Ich glaube, dass die meisten Eltern dieses Gefühl kennen, wenn sie von eigenen Erfahrungen und Erinnerungen heimgesucht werden. Susannes Artikel auf geborgen wachsen sprach mich direkt an, weil sie beschreibt, wie wir manchmal mit uns kämpfen müssen, um wieder für unsere Kinder präsent zu sein, wenn wir von uns selbst davongetragen werden. Je mehr ich darüber nachdachte, umso deutlicher wurde mir aber, dass es gar nicht um das Kämpfen geht, sondern um das liebevolle Begleiten des eigenen inneren Kindes von damals, das bestimmte Erfahrungen gemacht hat und welches die Erwachsene in mir in Schwierigkeiten bringt.


Mein Lehranalytiker würde sich wahrscheinlich freuen, dass dieser angestoßene Prozess weiterhin nicht zum Erliegen gekommen ist. Im Rahmen der Ausbildung zur Psychoanalytikerin muss man nämlich selber sehr, sehr lange auf die Couch, im Schnitt drei Mal die Woche, mehrere Jahre, aus der eigenen Tasche gezahlt. Sinn dahinter ist, dass man – ganz platt gesagt-sich selber kennt und besser wahrnehmen kann, mit welchen Themen der Patient beschäftigt ist, also das Wahrnehmen und Aushalten der Grenzbegehung der eigenen und fremden Erfahrungen. Als Analytiker arbeitet man vordergründig mit Gefühlen und daher ist es einfach unerlässlich, sich intensivst mit der eigenen Gefühlswelt vertraut gemacht zu haben…. um dann nach 500 Stunden zu merken: huch, was ist denn das?

Die letzten Tage musste ich daran denken, wie es sich für mich anfühlte, als meine damals 14 Monate alte Tochter mich das erste mal biss. Wir saßen im Kinderzimmer, spielten, spaßten und auf einmal spürte ich einen Schmerz, ähnlich einem Wespenstich, durch meine Jeans auf dem Oberschenkel. Meine Tochter hatte sich mir kopfüber in den Schoss geschmissen und war offensichtlich irgendwie an meinem Schmerz beteiligt. Ich zog sie weg (übler Fehler, ich hatte drei Wochen lang einen ordentlichen blauen Fleck) und war vollkommen fassungslos. Ja, fassungslos trifft es am ehesten. Ich war so vollkommen unvorbereitet auf diesen „Angriff“. Ich sah nichts kommen und wurde geradewegs in meine eigene Kindheit zurückkatapultiert. Mir schossen die Tränen in die Augen, meine Tochter blickte mich irritiert an und mein Mann saß uns ratlos gegenüber. Ich musste erstmal raus aus dem Zimmer, mich sammeln und hörte, wie Mann und Kind weiter spielten.

Eigenen Gefühlen Raum geben

Ich spürte eine unfassbare Traurigkeit in mir aufsteigen und eine unklare Angst. Geschult im Nachfühlen und tieferen Suchen zog ich mich zurück. Ich gab den Erinnerungen, die mir mein kleines Mädchen- Ich von etwa 2 Jahren schickte, Raum. Ich erinnerte, wie ich aus einem Anfall an Eifersucht ein anderes Mädchen biss und dafür eine Strafe kassierte. Die Szene entstand in meinem Kopf, in meinem Herzen und ich weinte. Das Mädchen von damals bekam den Raum, den es damals in dieser konkreten Situation nicht hatte. Es gab keinen Raum für ein Warum, für ein ohweia, es gab nur eine Konsequenz, deren verletzende Konsequenz der Traurigkeit und der Angst mich in dem Moment wieder einholte, als ich unbedarft mit meiner Tochter spielte.

Die Zweijährige in mir bekam den Halt, den sie damals gebraucht hätte jetzt  von meinem Mutter- Ich. Und nur weil ich ihr den Raum geben konnte, konnte ich dann wieder zurück ins Kinderzimmer. Ich konnte mich mit meiner Tochter hinsetzen und ihr sagen, dass mir das eben sehr wehgetan hatte. Dass ich glaube, sie sei in dem Moment so voller Wonne gewesen und dass mich zum Fressen gerne habe. Dass sie mich biss, wird noch mehr bedeuten, das ist klar.

Kinder müssen ihre Liebesgefühle und ihre aggressiven Gefühle unter einen Hut bringen. Innerlich ist beides von Anfang an da, die damit verbundenen Ängste auch. Was ist, wenn ich jemanden verletze, den ich liebe, verschwindet der dann? Ich konnte ihr in dem Moment diese Erfahrung nicht anders ermöglichen. Ich habe zutiefst menschlich reagiert, auch wenn es für meine Tochter sicherlich erschreckend war, dass Mama rausgeht und weint. Eigentlich bin ich ziemlich robust und stabil, aber je nach persönlicher Erfahrungswelt kann etwas zu Tage treten, was einen  (kurz) umwirft.

Meine Tochter beißt inzwischen wieder (hatte sie einige Monate kaum), jetzt aus viel unterschiedlicheren Gründen und das ist auch vollkommen ok.  Ich kann jetzt wieder verstehen, warum sie das tut und ich kann so auch wieder auf SIE reagieren. In den Momenten kann ich SIE mit IHREN Gefühlen sehen, weil ich meinen an anderer Stelle genügend Raum geben konnte.

Scheut euch nicht, euch mit euren Erinnerungen und Gedanken an andere Menschen zu wenden, vielleicht sogar an Therapeuten. Diese eigene Erfahrung von gehalten Werden ist weit mehr als die Reduktion irgendwelcher Symptome…

Fühlige Grüße,

Madame FREUDig

 

By | 2017-10-07T20:34:18+00:00 August 16th, 2017|Zum Miterleben und Mitfühlen|0 Comments

About the Author:

Als Madame FREUDig schreibe ich seit Juni 2017 bei meiner langjährigen Freundin Jessi auf ihrem Blog Terrorpüppi als Co- Autorin. Ich bin Psychologin, Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin, aber auch selber Mutter und will daher gerne bestimmte entwicklungs- und beziehungsrelevante Themen mit einem fachlichen Hintergrund nahebringen. Die Eltern von heute sind die Kinder von früher und in jedem lebt dieses Kind von damals noch. Meine Texte sind daher doppeldeutig: einerseits sollen sie helfen, Kinder zu verstehen und ihnen empathisch begegnen zu können und andererseits richten sich die Texte auch an den Erwachsenen, der sich selbst und sein inneres Kind zu verstehen und liebevoll zu begleiten versucht. Für mehr Infos: http://www.terrorpueppi.de/madame-freudig

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