Mittwoch, 16. August 2017

Als mein Kind mich biss... und mich die Vergangenheit einholte

Eigentlich bin ich sehr zurückhaltend mit persönlichen Mitteilungen, aber dieses Mal möchte ich auf meine "Abstinenz" etwas verzichten, weil ich glaube, dass die meisten Eltern dieses Gefühl kennen, wenn sie von eigenen Erfahrungen und Erinnerungen heimgesucht werden. Susannes Artikel auf geborgen wachsen sprach mich direkt an, weil sie beschreibt, wie wir manchmal mit uns kämpfen müssen, um wieder für unsere Kinder präsent zu sein. Je mehr ich darüber nachdachte, umso deutlicher wurde mir aber, dass es gar nicht um das Kämpfen geht, sondern um das liebevolle Begleiten des eigenen inneren Kindes von damals, das bestimmte Erfahrungen gemacht hat und welches die Erwachsene in mir in Schwierigkeiten bringt.




Mein Lehranalytiker würde sich wahrscheinlich freuen, dass dieser angestoßene Prozess weiterhin nicht zum Erliegen gekommen ist. Im Rahmen der Ausbildung zur Psychoanalytikerin muss man nämlich selber sehr, sehr lange auf die Couch, im Schnitt drei Mal die Woche, mehrere Jahre, aus der eigenen Tasche gezahlt. Sinn dahinter ist, dass man - ganz platt gesagt-sich selber kennt und besser wahrnehmen kann, mit welchen Themen der Patient beschäftigt ist, also das Wahrnehmen und Aushalten der Grenzbegehung der eigenen und fremden Erfahrungen. Als Analytiker arbeitet man vordergründig mit Gefühlen und daher ist es einfach unerlässlich, sich intensivst mit der eigenen Gefühlswelt vertraut gemacht zu haben.... um dann nach 500 Stunden zu merken: huch, was ist denn das?

Die letzten Tage musste ich daran denken, wie es sich für mich anfühlte, als meine damals 14 Monate alte Tochter mich das erste mal biss. Wir saßen im Kinderzimmer, spielten, spaßten und auf einmal spürte ich einen Schmerz, ähnlich einem Wespenstich, durch meine Jeans auf dem Oberschenkel. Meine Tochter hatte sich mir kopfüber in den Schoss geschmissen und war offensichtlich irgendwie an meinem Schmerz beteiligt. Ich zog sie weg (übler Fehler, ich hatte drei Wochen lang einen ordentlichen blauen Fleck) und war vollkommen fassungslos. Ja, fassungslos trifft es am ehesten. Ich war so vollkommen unvorbereitet auf diesen "Angriff", sah nichts kommen und wurde geradewegs in meine eigene Kindheit zurückkatapultiert. Mir schossen die Tränen in die Augen, meine Tochter blickte mich irritiert an und mein Mann saß uns ratlos gegenüber. Ich musste erstmal raus aus dem Zimmer, mich sammeln und hörte, wie Mann und Kind weiter spielten.

Ich spürte eine unfassbare Traurigkeit in mir aufsteigen und eine unklare Angst. Geschult im nachfühlen und tieferen Suchen zog ich mich zurück, kuschelte mich in eine Decke und gab den Erinnerungen, die mir mein kleines Mädchen- Ich von etwa 2 Jahren schickte, Raum. Ich erinnerte, wie ich aus einem Anfall an Eifersucht ein anderes Mädchen biss und dafür bestraft wurde. Die Szene entstand in meinem Kopf, in meinem Herzen und ich weinte. Das Mädchen von damals bekam den Raum, den es damals in dieser konkreten Situation nicht hatte. Es wurde einfach wegen des Bisses bestraft. Es gab keinen Raum für ein Warum, für ein ohweia, es gab nur eine Konsequenz, deren verletzende Konsequenz der Traurigkeit und der Angst mich in dem Moment wieder einholte, als ich unbedarft mit meiner Tochter spielte.


Die Zweijährige in mir bekam den Halt, den sie damals gebraucht hätte jetzt unter dieser Decke eingekuschelt von mir, von meinem Mutter- Ich. Und nur weil ich ihr den Raum geben konnte, konnte ich dann wieder zurück ins Kinderzimmer, konnte mich mit meiner Tochter hinsetzen und ihr sagen, dass mir das eben sehr wehgetan hatte und dass ich glaube, sie sei in dem Moment so voller Wonne gewesen, dass sie mir zeigen wollte, dass sie mich zum Fressen gerne hat. Dass sie mich biss, wird noch mehr bedeuten, das ist klar. Kinder müssen ihre Liebesgefühle und ihre aggressiven Gefühle unter einen Hut bringen. Innerlich ist beides von Anfang an da, die damit verbundenen Ängste auch. Was ist, wenn ich jemanden verletze, den ich liebe, verschwindet der dann? Ich konnte ihr in dem Moment diese Erfahrung nicht anders ermöglichen, denn ich habe zutiefst menschlich reagiert, auch wenn das im Nachhinein für meine Tochter sicherlich erschreckend war, dass Mama rausgeht und weint. So hat sie mich noch nie gesehen. Ich bin eigentlich ziemlich robust und stabil, aber in so einer spontanen Situation kann je nach persönlicher Erfahrungswelt etwas zu Tage treten, was einen erstmal (kurz) umwirft.

Meine Tochter beißt inzwischen wieder (hatte sie einige Monate kaum), jetzt aus viel unterschiedlicheren Gründen und das ist auch vollkommen ok, weil ich SIE jetzt wieder verstehen kann, warum sie das tut und ich kann so auch wieder auf SIE reagieren. Ich kann sie in den Momenten mit IHREN Gefühlen sehen, weil ich meinen an anderer Stelle genügend Raum geben kann und konnte.

Scheut euch nicht, euch mit euren Erinnerungen und Gedanken an andere Menschen zu wenden, vielleicht sogar an Therapeuten. Diese eigene Erfahrung von gehalten Werden ist weit mehr als die Reduktion irgendwelcher Symptome...


Fühlige Grüße,

Madame FREUDig





Madame FREUDig ist als Psychologin und Psychotherapeutin an fundierten Darstellungen interessiert. Sie hat mit allen Altersgruppen von 0- 70 Jahren gearbeitet und fühlt sich durch ihr eigenes Muttersein und die verschiedentlich gemachten Erfahrungen darin bestärkt, einer breiteren Masse ein psychodynamisches Verstehen nahezubringen. Dabei geht es eben nicht vorrangig darum Ratschläge zu erteilen, sondern um eine Art des Denkens, Fühlens und Verstehens. Sie versucht, die Erkenntnisse aus den Therapien mit unterschiedlichen Menschen und den Wahrnehmungen des Alltags bei sich und anderen aus dem Blickwinkel der Therapeutin zu beleuchten und verständlich zu machen, was der sich entwickelnden Psyche schadet und was sie braucht, um sich gut entwickeln zu können. Seit Juni 2017 schreibt sie daher regelmäßig auf dem Blog ihrer langjährigen Freundin Jessi, der Betreiberin von Terrorpüppi.

Sie lebt mit Mann, Kind und Katern gerade noch so in Berlin, begegnet ihrer Tochter und anderen bedürfnisorientiert und um Verstehen bemüht und setzt sich für das Wahrnehmen eigener und fremder Bedürfnisse ein, weil Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt nicht falsch sein kann, glaubt sie.


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